Wirtschaftswachstum – Versuch einer begrifflichen Umorientierung

von Gerhard Binggeli, Dr.rer.pol.

Die ökonomische Wachstumsfrage ist schon recht alt: Im Laufe der Jahrhunderte gab es „stationäre Epochen“, Zeiten also, in denen sich die menschliche Gesellschaft mit einem gegebenen wirtschaftlichen Wohlstandsniveau zufrieden gab … ob erzwungenermassen durch die Tyrannei der Zeitumstände oder freiwillig aus einer bestimmten Haltung, einem Bewusstsein, einer Weltanschauung, bleibe dahingestellt.
Dann gab es „dynamische Epochen“, Zeiten also, die veränderungsfreudig waren, Gesellschaften, die für ihre Wirtschaft ganz bewusst Wachstum anstrebten.

Theorie und Praxis

Die nationalökonomischen Theorien begleiteten diese Epochen getreulich durch die Jahrhunderte. Die boshafte Frage, ob ökonomische Theorie Veränderungen in der Wirtschaft auslöse oder ob Veränderungen in der Wirtschaft erst im nachhinein neue ökonomische Theorien gebären, bleibe hier unbeantwortet.

Sicher ist eines: Die wirtschaftlichen Wachstumstheorien der Vergangenheit bis in die Gegenwart haben kaum andere Leute zu interessieren vermocht als eben Fachleute.

Ein Buch macht die grosse Ausnahme:

  • 1972 erschien der 1. Bericht des Club of Rome mit dem Titel Grenzen des Wachstums, ein Bericht, der ein weltweites und weit über die Fachkreise hinausreichendes Echo fand.

Mit Modellrechnungen und Computereinsatz versuchten die Autoren Forrester und Meadows die irdisch-materiellen Grenzen des Wachstums aufzuzeigen. Die Modelle und Rechnungen dieses Berichts sind kompliziert, die Aussagen eigentlich sehr einfach:

  • Unsere natürlichen Ressourcen sind endliche Grössen; wenn wir also weiterwirtschaften wie bisher, gehen Rohstoff- und Energievorräte in absehbarer Zeit zu Ende.
  • Die damit einhergehende Zerstörung der Umwelt bedeutet Zerstörung unseres Lebensraumes schlechthin.

Auf einmal war die Wachstumsfrage vergangener Zeiten zur Wachstumsproblematik geworden. Selbstverständlich wurde dem Bericht des Club of Rome widersprochen: den Grenzen des Wachstums wurde die Zukunft des Wachstums entgegengesetzt. Auf den Römer Bericht folgt die Kritik, auf die Kritik der zweite Bericht und die zweite Kritik … und so weiter.

Die Geister scheiden sich. Vereinfachend können wir sagen, dass zwei Lager entstanden sind:

  • Die Wachstumsbefürworter,
  • die Wachstumsgegner.

Die Wachstumsbefürworter argumentieren, dass die heute gesteckten gesellschaftspolitischen Ziele, wie zum Beispiel Vollbeschäftigung, ausreichende Altersvorsorge, Krankenversicherungen, Arbeitszeitreduktion usw., ja dass selbst ein ausreichender Umweltschutz nur über zusätzliches wirtschaftliches Wachstum zu erreichen seien.

Diese Gruppe ist konsequenterweise auch fortschrittsgläubig in einem technologischen Sinn: Fehlende Rohstoffe, fehlende Energiequellen werden dank neuen Technologien ihren Ersatz finden. Diese Leute halten sich an den Grundsatz des englischen Historikers Toynbee „Challenge and Response“. Der Mensch hat im Laufe seiner bisherigen Geschichte auf jede Herausforderung eine Antwort gefunden.

Die Wachstumsgegner haben es schwieriger; ihnen fehlt der technische Fortschrittsglaube. Schliesslich sind die grossen Probleme dieser Zeit durch Wissenschaft und die wirtschaftliche Nutzung technischer Möglichkeiten heraufbeschworen worden:

  • Umweltzerstörung in all ihren Formen, Rohstoff- und Energieverzehr, Bevölkerungsexplosion.
  • Wie also sollen die ökonomisch ausgerichtete Wissenschaft und die hypertrophierte industrielle Technik die Probleme lösen, deren Ursache sie recht eigentlich sind?

Die Wachstumsgegner (milder ausgedrückt die Wachstums-Skeptiker) haben es also schwieriger. Der erste Bericht des Club of Rome traf uns in einer Phase der Hochkonjunktur, der wirtschaftlichen Überhitzung mit sichtbaren Exzessen. Inzwischen aber hat es Rezessionen gegeben. In diesen Phasen Zweifel am Wachstum anzumelden ist eine heisse Sache. Man stelle sich den Politiker vor, der angesichts hoher Arbeitslosenquoten für Nullwachstum eintritt, ohne dabei politischen Selbstmord zu begehen.

Wer hat nun schliesslich recht, die Wachstumsgläubigen oder die Skeptiker?

Wie mir scheint, hat man sich bis heute nur ungenügend mit dem Begriff „Wachstum“ auseinandergesetzt. Ich möchte hier versuchen, das Problem „Wachstum“ vom Begrifflichen her anzugehen.

Ich bin nicht Biologe. Aber es scheint mir nützlich zu sein, den Wachstumsbegriff, wie ihn die Biologie kennt, an den Anfang unserer weiteren Überlegungen zu stellen:

  1. Die Biologie versteht unter Wachstum eine irreversible, also nicht umkehrbare Vergrösserung eines Organismus oder eines einzelnen Organs. Wassereinlagerungen, Schwellungen, Fettansätze und andere Speichervorgänge rechnet die Biologie nicht zum Wachstum.
  2. Beim biologischen Wachstum werden stoffliche Teile der Aussenwelt in den Stoffwechsel des Organismus einbezogen; dies vollzieht sich in einem Kreislauf: Der Organismus lebt in einem Fliessgleichgewicht mit seiner Umwelt.
  3. Biologisches Wachstum ist durch innere (entwicklungsphysiologische und genetische) Faktoren bestimmt. Ein Beispiel:
  • Im Samen einer Pflanze ist der Endzustand (ihr Erfüllungszustand) vorprogrammiert; die endgültige Grösse also, die Struktur und Form, ja sogar so wunderbare Dinge wie Farbe und Duft einer Rose sind im Wachstumskeim angelegt.
  • In der Philosophie nennen wir diesen Sachverhalt Entelechie. Das heisst:
  • Das Ziel von etwas Werdenden ist in diesem Werdenden selbst vorgegeben.
  • Wenn biologisches Wachstum bei Erreichen der normalerweise endgültigen Grösse nicht aufhört, sind wir zutiefst beunruhigt: Ein Mensch, der bei zwei Metern Grösse nicht zu wachsen aufhört, setzt sich selbst und seine Umwelt in Panik.
  • Und noch etwas: Wenn biologisches Wachstum unstrukturiert stattfindet, wenn etwa bei der Zellteilung nicht vorgegebene Formen und Strukturen entstehen, sondern gestaltloses Wachstum geschieht, so nennen wir dies nicht Wachstum, sondern … Wucher. In der Biologie bedeutet dies Krankheit und Zerfall, etwa beim Krebs.

Ich fasse die drei Punkte dieses biologischen Wachstumsbegriffs zusammen:

  1. Biologisches Wachstum ist ein irreversibler (nicht umkehrbarer) Prozess.
  2. Der wachsende Organismus befindet sich in einem Gleichgewicht zu seiner Umwelt.
  3. Der Wachstumskeim hat entelechische Eigenschaften: Nicht nur Beginn, Ablauf und Ende des Wachstums sind vorprogrammiert, sondern auch der hochkomplexe, hochdifferenzierte, voll durchstrukturierte Endzustand.

Wie sieht das nun in der Wirtschaft aus? Die aktuelle Theorie unterscheidet zwei Betrachtungsweisen:

  • Wachstum als unternehmungswirtschaftlicher Begriff.
  • Wachstum als volkswirtschaftlicher Begriff.

Wenn wir nun nach klaren Umschreibungen der beiden Begriffe Ausschau halten, stellen wir ein  beträchtliches Defizit fest. Es gibt zwar eine Menge mehr oder weniger gescheite Wachstumstheorien, aber niemand ist offenbar bereit, Wirtschaftswachstum definitorisch zu fixieren. Bereits 1961 hat George Young gesagt:

„Growth is one of he most frequently used yet least welldefined words in the business dictionary.“

Also: Wachstum ist eines der am häufigsten und doch am schlechtesten definierten Wörter im Wirtschaftslexikon.

Es gilt auch hier das Goethe-Wort: „Denn eben, wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein“.

Das Wort Wirtschaftswachstum, so, wie es heute in Theorien und Diskussionen gebraucht wird, unterscheidet sich in allen drei dargelegten Punkten vom biologischen Wachstum.

  1. Wirtschaftswachstum ist ein reversibler Prozess: Einzelne Unternehmungen, Wirtschaftszweige oder ganze Volkswirtschaften können wachsen oder schrumpfen. Allerdings ist unsere wirtschaftliche Welt derart wachstumsgläubig, dass man in Rezessionen, statt das Schrumpfen zuzugeben, den blödsinnigen Begriff Negativwachstum prägte. Mit einiger sprachlogischer Konsequenz müsste man dann für das Gegenteil den Begriff Positivschrumpfen erfinden. (…)
  2. Die Wirtschaft befindet sich kaum in einem Geichgewichtszustand zur Umwelt. (…) Ernst Bloch hat es einmal sehr krass formuliert:
    „Unsere industrielle Technik steht in der Natur wie eine Besatzungsarmee im Feindesland.“
  3. Weder Einzelunternehmungen, noch Wirtschaftszweige, noch Volkswirtschaften folgen der entelechischen Idee eines strukturierten Endzustandes. Wenn diese wirtschaftlichen Gebilde expandieren, so brauchen wir dafür das Wort Wachstum … für diese Art des Draufloswachsens ohne die Zielvorgabe einer endgültigen Grösse und Gestalt, braucht die Biologie nicht das Wort Wachstum, sondern das Wort Wucher.

Man muss sich also fragen, wie man für die Expansionsprozesse, so wie sie einzel- oder gesamtwirtschaftlich stattfinden, überhaupt den Begriff Wachstum aus der Naturbeobachtung entlehnen konnte. Das inhaltsmagere und unverbindliche Wort Expansion wäre passender.

Aber nun ist es eben so: Das Wort Wachstum hat sich unternehmungswirtschaftlich und  volkswirtschaftlich eingebürgert – sauber definiert ist es immer noch nicht.

Nehmen wir zuerst den unternehmungs-wirtschaftlichen Wachstumsbegriff:

Mangels klarer Definition arbeitet man mit Indikatoren zur Erfassung der Unternehmungsgrössen und deren Wachstum. Die Autoren Kortzfleisch und Zahn verwenden folgende Masseinheiten zur Repräsentation der Unternehmungsgrösse:

Unternehmungswirtschaftliches Wachstum liegt demnach dann vor, wenn diese Massgrössen einzeln oder gesamthaft rein quantitativ im zeitlichen Ablauf einen Zuwachs aufweisen. Wie man überhaupt sauber misst (vor allem die immateriellen Massgrössen) und wie man die einzelnen Grössen bei der Gesamtbeurteilung bewertet, darüber besteht nicht die geringste Übereinstimmung. Die Sache wird dann besonders widersprüchlich, wenn einzelne Grössen perfiderweise gegenläufige Abläufe zeigen.

Immerhin: Umsatzzahlen, Bilanzsummen, Beschäftigtenzahlen gelten als einigermassen aussagekräftig. Diese Art von Wachstum ergibt sich aus der Eigendynamik einer gut geführten Unternehmung. Unternehmungswirtschaftliches Wachstum ergibt sich aber auch durch Unternehmungsverbindungen, also durch Kartellierung, Vertrustung, Konzernbildung. Zur Illustration kann man das Organigramm oder die Beteiligungsliste eines beliebigen Konzerns zur Hand nehmen. Aus Platzgründen sei hier darauf verzichtet.

So oder so entstehen aber Mammutgebilde, die national oder international operieren. Angesichts dieser gewaltigen Kapitalverflechtungen denkt man unweigerlich an den von Marx für den Kapitalismus prognostizierten Prozess der Eigentumskonzentration; dies trifft nun interessanterweise kaum zu. Das Eigentum am Produktionsfaktor Kapital zeigt die Tendenz zu breiterer Streuung, vor allem, wenn man das Anlageverhalten der Sozialversicherungen mitberücksichtigt. Für die USA hat Prof. P.F. Drucker bereits 1985 geschätzt, dass rund 50 %des US-Aktienkapitals im Besitz der Sozialversicherungen sind.

Nicht die Eigentumskonzentration dieser ins Riesenhafte gewachsenen Unternehmungen ist bedrohlich, sondern ihre Machtkonzentration; wenn wir allgemein ein steigendes Unbehagen gegenüber diesen Gebilden registrieren, dann ist dies kaum wegen der Eigentumsfrage am Kapital, sondern wegen derer Machtfülle, wegen ihrer undurchsichtigen, anonymen Organisation, in welcher sich der Einzelne als kleines, bedeutungsloses, austauschbares und ausgeliefertes Teilchen vorkommen muss. Der berüchtigte Entfremdungsprozess findet eben nicht nur in der industriellen Fertigungsweise unserer Zeit statt, sondern zunehmend in der Anonymität der gigantischen Organisationen.

Prof. Wolfgang Engels von der Frankfurter Universität sagt es in einem Satz:

  • Die Lebensqualität der Menschen wir von der grossen Organisation (der staatlichen wie der privaten) bedroht.

Man kann argumentieren, dass solche Konzentrationen notwendig seien, um effizient zu bleiben, um rationalisieren zu können, um Forschung voranzutreiben, um binnenwirtschaftllich und an den Weltmärkten konkurrenzfähig zu bleiben usw. Eine Untersuchung des Internationalen Instituts für Management und Verwaltung im Wissenschaftszentrum Berlin widerlegt diese Argumentation eindeutig: In allen untersuchten Ländern brachten Unternehmungszusammenschlüsse nirgends

merkliche Ertragsverbesserungen; in den Niederlanden, Frankreich und Schweden ergaben sich sogar schlechtere Erträge im Vergleich zu jenen von nichtfusionierten Kontrollgruppen. Auch führten die Fusionen weder zu Preissenkungen noch zu höheren Umsätzen.

Wozu wird dann also fusioniert? Wozu werden durch Unternehmungszusammenschlüsse so kolossale Gebilde in die Welt gesetzt? Wenn die Berliner Untersuchung stimmt, dann scheiden rationale wirtschaftliche Motive aus, und dann bleibt nur noch eine triste Antwort möglich:

  • Fusionen sind das Resultat eines wirtschaftlichen Grössenwahnsinns, einer ökonomischen Megalomanie …

Und damit stellt sich natürlich die Frage nach einem sinnvollen unternehmungswirtschaftlichen Wachstum. Wie soll denn eine Unternehmung wachsen? Zu welcher Grösse soll sie anwachsen? Und welche Gestalt soll sie annehmen? Antworten auf diese Frage finden wir wohl nur, wenn wir die erwähnte Idee der Entelechie in unsere Überlegungen einbeziehen.
Dies bedeutet, dass wir uns bereits in der Phase der Unternehmungsgründung eine Vorstellung über die endgültige Grösse dieser Unternehmung machen müssen, die optimierte Grösse, die wünschbare Grösse.

Wir müssen lernen, so etwas wie eine optimale Unternehmungsgrösse als Unternehmungsziel zu formulieren. Diese statische und flexibel zu handhabende Zielvorgabe in Bezug auf die Grösse der Unternehmung schliesst qualitative Dynamik der Unternehmungsführung nicht aus.

Der Begriff der optimalen Betriebsgrösse ist in der Unternehmungswirtschaftslehre schon lange geläufig; er ergibt sich aus den Begriffen Kostenoptimierung, Ertragsoptimierung, Gewinnoptimierung.
Eine Antwort auf die Frage einer optimalen Betriebs- und Unternehmungsgrösse ist aber auch von einer ganz anderen Seite her möglich:

  • Ein Betrieb, eine Unternehmung, eine Organisation kann nämlich auch menschenoptimal, also menschlich sein.

Hier müssten uns Betriebspsychologie und Betriebssoziologie die dringend benötigten Antworten liefern.

(…)

Soviel zum unternehmungswirtschaftlichen Wachstum. Kommen wir zum volkswirtschaftlichen Wachstum:

Als Messgrösse des gesamtwirtschaftlichen Wachstumsprozesses nimmt man das Bruttosozialprodukt, also den Jahres-Output einer Volkswirtschaft an Gütern und Dienstleistungen. Erfolgreiche Volkwirtschaften und damit erfolgreiche Völker misst man an den Zuwachsraten des Sozialprodukts.

Steigender Ausstoss an Gütern und Diensten bei gleichzeitiger Reduktion der Arbeitszeit … das ist das euphorische Wachstumsbild.

Solches Wachstum ist möglich durch den technischen Fortschritt und die dadurch gesteigerte Produktivität.

Und auf der ökonomischen These von der Substituierbarkeit der Produktionsfaktoren Boden, Arbeit und Kapital lässt sich ein ebenso euphorisches Zukunftsbild entwerfen:

Die menschliche Urgesellschaft auf der Stufe der Jäger- und Sammlergemeinschaft kombiniert die Faktoren Boden und Arbeit, um so zu Konsumgütern zu gelangen.

Der aus Boden und Arbeit abgeleitete Faktor Kapital vergrössert und/oder reduziert den notwendigen Einsatz des Faktors Arbeit:

Je mehr technischer Fortschritt, desto mehr Kapitaleinsatz. Im theoretischen Grenzfall ergibt sich der folgende Endzustand

Es werden nur noch Boden und Kapital kombiniert, und trotzdem ist eine reiche Versorgung mit Konsumgütern sichergestellt … die perfekte Freizeit-, Konsum- und Überflussgesellschaft ist da.

In diese euphorische Wachstumsstimmmung kam nun in den späten Sechzigerjahren die Verunsicherung durch eine neue, kritische und vor allem nicht mit dem Trauma der Weltwirtschaftskrise der Dreissigerjahre und dem Trauma des Zweiten Weltkriegs belastete Generation.

Das Bruttosozialprodukt als Wohlstandsmesser oder gar als Wohlfahrtsmesser wurde angezweifelt; die Konsumgesellschaft wurde als Verschleiss- und Wegwerfgesellschaft apostrophiert, und ein Wachstum, welches das Bruttosozialprodukt zum Mass aller Dinge erhob, wurde abgelehnt. Das neu erfundene Wort Lebensqualität beherrschte plötzlich Literatur und Diskussion.

Aber hier zeigte sich einmal mehr: Ein neues Wort erfinden ist eines; einen neuen Begriff sauber definieren ein anderes. Das Sozialprodukt ist redlich definiert; eine klare Definition von Lebensqualität steht bis heute aus. Nach gewissen Fachleuten ist eine Definition von Lebensqualität gar nicht möglich. Trotzdem hat man versucht, Lebensqualität zu quantifizieren, und zwar anhand sogenannter sozialer Indikatoren, wie sie zum Beispiel die OECD ausgearbeitet hat:

  • Gesundheit
  • Bildung/Ausbildung
  • Arbeit
  • Freizeit
  • Verfügung über Sachgüter und Dienste, also Wohlstand im bisher definierten Sinn
  • Umwelt
  • Persönliche Sicherheit und Rechtsausübung
  • Gemeinschaftsleben

Dies sind nur die Hauptzielbereiche; die OECD arbeitet mit insgesamt 24 Hauptindikatoren. Wenn wir nun Lebensqualität mit diesen Indikatoren quantifizieren, so stellen sich analoge Probleme, wie wir sie schon bei den Messgrössen zur Darstellung der Unternehmungsgrösse gesehen haben.

Die immateriellen Indikatoren sind kaum quantifizierbar, die verschiedenen Indikatoren haben verschiedene Stellenwerte, einzelne weisen sogar gegenläufige Entwicklungen auf, so dass eine Gesamtbewertung von Lebensqualität mehr als fragwürdig ist.

  • Volkswirtschaftliches Wachstum als Wohlstandswachstum im Sinne einer Zunahme des Sozialprodukts ist messbar.
  • Wohlstandswachstum im Sinne einer Zunahme der Lebensqualität ist (wenigstens vorläufig) nicht messbar.

(…)

Müssen wir denn überhaupt messen? Das wäre hier die naive Frage. Die Antwort: Wir müssen!

Wenn wir wissen wollen, welche Entwicklungen unser Systeme, unsere Gesellschaften, unsere Wirtschaften durchlaufen, dann müssen wir vergleichen. Dann müssen wir zeitlich vergleichen, also Gestern-heute-Zustände messen. Dann müssen wir global vergleichen, also aktuelle Zustände in den verschiedenen Systemen, Ländern, Gesellschaften messen.

Was nun, wenn die Massstäbe fehlen?

In diese Situation platzte 1972 der erste Bericht des Club of Rome; und wenig später, gleichsam zur Illustration des Berichts, tat die erste Erdölkrise ihre ernüchternde Wirkung.

Plötzlich wurden von einer ganz anderen Seite her Massstäbe gesetzt: Die Endlichkeit der Ressourcen (Rohstoffe und Energie) wurde deutlich, die Grenzen des Wachstums wurden sichtbar.

Die schöne Gedankenspielerei mit der Substituierbarkeit der Produktionsfaktoren Boden, Arbeit und Kapital drehte in bitteren Ernst. Rein mengenmässig kann man den Faktor Boden wohl als Konstante in dieses Kalkül einsetzen. Boden aber ist mehr als Fläche; Boden ist Umwelt des Menschen in einem physikalischen/biologischen Sinn, ist belebte und unbelebte Natur, in welcher sich der Mensch bewegt, Boden ist Bau-, Anbau- und Abbaufläche. Und mindestens da, wo die Abbaufläche betroffen ist, bedeutet jedes Wachstum in der Produktion von Konsum- und/oder Produktivgütern eine Reduktion des Faktors Boden:

Der Traum von der Konsum-, Überfluss- und Freizeitgesellschaft wird zum Albtraum.

Die Warnschüsse des ersten Berichts des Club of Rome und der Erdölkrise verhallten nicht ungehört; das Echo war ein doppeltes: Auf der einen Seite (wie eingangs geschildert) Kritik am Römer Bericht, Kritik aber auch an der Politik der OPEC, auf der andern Seite die Geburt eines neuen Schlagwortes: Nullwachstum.

Was heisst nun Nullwachstum? Wenn schon Wachstumsdefinition und Wachstumsmassstab fehlen, wird Nullwachstum zum völlig nebulösen Begriff. Nun erinnert man sich an den guten alten gesamtwirtschaftlichen Wachstumsbegriff: Wirtschaftswachstum = Wachstum des Sozialprodukts.

Nullwachstum heisst demnach, dass jede Volkswirtschaft ihr Sozialprodukt auf dem bisherigen Stand stabilisiert, bedeutet, dass sich alle Völker dieser Erde mit dem bisherigen Versorgungsgrad an Gütern und Diensten zu begnügen haben.

Eine ungeheuerliche Forderung, denn sie bedeutet, dass die wirtschaftlich entwickelten Völker ihre bisherige umweltbelastende, rohstoff- und energieverzehrende Wirtschaftsweise auch in Zukunft weiterführen dürfen, bedeutet andrerseits, dass in Ländern der Dritten und Vierten Welt Hunger und Elend für die Zukunft abgesegnet wären.

Was dann, wenn nicht Nullwachstum?

Wir sollten den alten, scheinbar untauglichen Wachstumsbegriff wieder aufnehmen:

Wir definieren Wirtschaft als die Summe aller Massnahmen und Einrichtungen für die Versorgung des Menschen mit Sachgütern und Diensten.

Mit dem Sozialprodukt messen wir den Versorgungsgrad eines Volkes mit wirtschaftlichen Gütern; nicht Glück, Wohlfahrt oder Lebensqualität, sondern nur gerade mit wirtschaftlichen Gütern. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Aber wir sollten diesen Wachstumsbegriff mit der eingangs erwähnten Idee der Entelechie ausrüsten.

Wir müssen also die Ziele des Wachstums formulieren, wir müssen einsehen lernen, dass es einen optimalen Versorungsgrad eines Volkes mit wirtschaftlichen Gütern gibt, und dass eine Überschreitung dieses Optimums eine Schmälerung der Lebensqualität bedeutet.

Mit der Idee eines wirtschaftlichen Existenzminimums haben wir uns längst vertraut gemacht. Noch ist dieses Existenzminimum für viele Völker nicht erreicht: Hier ist Wirtschaftswachstum am Platz, hinauf auf ein Existenzminimum, das sogar regional definiert werden kann.

  • Die Idee eines wirtschaftlichen Existenzminimums ist uns, wie gesagt, vertraut.
  • Die Idee eines wirtschaftlichen Existenzoptimums ist uns fremd.

Auch ein Existenzoptimum kann man regional formulieren, als Resultat einer interdisziplinären Zusammenarbeit von Ökonomen, Ökologen, Soziologen, Psychologen.

Das heisst:

Der Begriff Wirtschaftswachstum ist neu entelechisch zu fassen.

Und das heisst:

Jede Wirtschaft ist auf einen grössenmässig und strukturell definierten Endzustand auszurichten.

Zum Schluss noch einmal der Vergleich Ist-Zustand und Sollzustand:

Bis heute ist Wirtschaftswachstum nichts als gestaltlose, orientierungslose Expansion ohne Zielvorgabe der Endgrössen und Endstrukturen.

Was wir brauchen sind Wirtschaften mit vordefinierten Dimensionen und Strukturen: Entelechisches Wachstum.

Geben wir das Schlusswort einem Biologen, Konrad Lorenz:

Der Irrglaube an ein ins Unendliche weiterwucherndes Wachstum von Wirtschaft und industrieller Technik trägt eindeutig die Züge einer Massenneurose. Neurosen aber sind dadurch heilbar, dass man dem Patienten ihre Ursache und ihre inneren Strukturen zum Bewusstsein bringt.


Dr. Gerhard Binggeli
Ehemaliger Dozent an der Ingenieurschule Burgdorf
Dieser Artikel erschien bereits am 8. Juli 1980 in der Wöchentlichen Industrie- und Handelszeitung „Technische Rundschau“.

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Die Wirtschaft wächst an Problemen

Warum wir lieber Probleme lösen, statt Ursachen zu beheben.

Neulich sagte ich mal gegenüber jemandem, dass die Wachstumswirtschaft es liebt, Probleme zu lösen und nicht Ursachen zu beseitigen. Er verstand mich nicht. Es ist subtil, deswegen möchte ich es hier an einem Beispiel erläutern. Mit einer Lösung kann man einen Markt erzeugen und bedienen. Die Lösung hat als Ziel den Verkauf und nicht die Problembehebung. Wenn sie noch Mängel aufweist, kann man durch die Weiterentwicklung des Produktes dieses erneut verkaufen. Wenn sie selber Nebenwirkungen, also Probleme, erzeugt, kann man die nächste Lösung entwickeln usw. Wenn man die Ursache behebt, ist man fertig.

Der unten verlinkte Artikel und die darin präsentierte Lösung dient als wunderbares Beispiel. Einige werden nun sagen, aber da wird doch die Ursache behoben. Nein, reingefallen! Es wird gerne so getan, als ob dies eine Behebung der Ursache ist, das Problem quasi bei der Wurzel angepackt wird, der störenden Natürlichkeit einer Verdauung entgegengewirkt wird. Das ist ein alter Trick der Pharmaindustrie, der uns mit jeder Pille neu serviert wird. Sie nehmen ihn gern, denn er funktioniert (noch). Mit der Kuh ist grundsätzlich alles in Ordnung. Mit ihrer Verdauung auch. Sie lebt wider ihre Natur und es gibt einfach zu viele davon und das soll so bleiben. Das ist ihr Ziel. Nur dann können sie viele Lösungen verkaufen.
Ich picke mir einen wunderbaren Satz aus dem Artikel heraus, welcher so schön darstellt, wie Wachstumswirtschaft erfolgreich an die Frau gebracht wird.
„Die Frage, wie er sich stoppen lässt, ohne dass die Konsumenten gleich auf Milch, Käse und Rindsfilets verzichten müssen, beschäftigt seit über zehn Jahren Forscher und Entwicklungsabteilungen auf der ganzen Welt.
Analysieren wir mal diesen Satz.

Wir müssen etwas stoppen. Stop steht für Gefahr, für ein hartes Eingreifen. Wir verhindern etwas was schadet, falsch läuft. Man wird nicht sofort zum Helden, aber man engagiert sich stark. Wir greifen ein, wir retten, ist die Botschaft.
Seit über zehn Jahren beschäftigen sich Wissenschaftler der ganzen Welt damit. Na so ein Einsatz und Aufwand! Puh, das gehört gewürdigt und belohnt! Das rechtfertigt jetzt wahrlich ein Milliardengeschäft.
Nun kommt das Leckerli: ohne dass die Konsumenten gleich auf Milch, Käse und Rindsfilets verzichten müssen. Na also ihr Konsumenten (das ist die Rollenzuweisung) Milch, Käse und Rindsfilet sind unser Wohlstand! Verstanden! Das wird noch einmal zementiert. Ihr müsst nicht „gleich verzichten“. Es ist eine Lösung, bei der keine Veränderung ins Negative nötig ist. Das Wort verzichten suggeriert automatisch eine Negativität. Die Botschaft heisst: Entspannung, es sind keine Opfer nötig. Keiner nimmt euch die Identität und Tradition mit Milch und Käse weg und den Wohlstand mit dem Rindsfilet dürft ihr auch behalten. Und wenn wir schon mal entspannt sind, können wir das Hinterfragen auch gleich sein lassen und weitermachen. Sie sind da, die Guten, haben unsere Identität und den Wohlstand im Auge, und nach einiger Anstrengung auch alles im Griff. Die Lösung für d a s Problem ist da. Es geht ja um nichts geringeres als die Treibhausgase. Mit Betonung auf das, denn die anderen Probleme der Massentierhaltung (für unseren Wohlstand!) werden in dem ganzen Artikel nicht erwähnt.

Es folgen die üblichen wissenschaftlichen Argumenten, die keiner prüfen kann und wird und natürlich werden die wirtschaftlichen Vorteile für die Bauern, die diese genialen Erfindung mit sich bringt, auch noch schnell durchgerechnet.
In einem Nebensatz wird erwähnt, dass es keine Nebenwirkungen gibt. Im Gegenteil, die Kuh gewinnt Energie bei der Verdauung. Sie gehört also auch zu den Gewinnern. Es wurde an das Wohl aller gedacht auch an den Tierschutz. Ethik erfüllt, abhaken. Dann wird noch ein wenig nobel über die Konkurrenz gesprochen und ihr Lösung zuletzt doch als minderwertiger präsentiert.

Was ist die Rolle des Verfassers dieses Berichtes? Er ist Texter und verfasst einen Artikel im Auftrag. Dieser soll sachlich erscheinen, ist aber eigentlich Werbung und soll subtil wirken.
Was ist die Rolle der Presse hier (oder mittlerweile allgemein)? Die Werbung, pardon Lösung an den Mann zu bringen. Auch sie gehört zum Wirtschaftskreislauf und muss Rendite erzeugen. Und so geht es weiter.

Wegen all diesen Abhängigkeiten in diesem auf Wachstum angewiesenen System werden wir nie Ursachen beheben. Wir können aus diesem Problem-Lösungs-Denken erst wieder herausfinden, wenn wir das System ändern. Dann beseitigen wir Ursachen und schaffen uns eine echte Chance zu überleben und einen natürlichen (statt diesem künstlichen) Wohlstand.

Ein Anfang ist, die Verantwortung für unser Denken nicht mehr an andere zu delegieren, die dies bisher erfolgreich und gewinnbringend nutzen. Sondern selber zu denken und zu hinterfragen. Auch das hat eine Ursache in uns selber. Vielleicht fangen wir genau dort an.

Sieglinde Kliemen

 

Link zum Artikel
https://www.derbund.ch/sonntagszeitung/milliardengeschaeft-mit-ruelpsenden-kuehen/story/13464239

 

Lange Arbeitswege bestrafen

Heute wird viel darüber diskutiert, welcher Arbeitsweg zumutbar ist, damit aus einem Arbeitslosen oder einen Sozialhilfeempfänger ein Lohnarbeiter wird. Weil alle und jeder müssen einer Erwerbstätigkeit nachgehen, nach dem höchsten Motto der Politik: ein Recht (und vor allem eine Pflicht) auf Lohnarbeit für alle.
Nun ja, aber wie wir wissen, haben wir zu viel Verkehr, unser Fussabdruck braucht 2.5 Planeten und der Stress frisst unsere Gesundheit mehr und mehr auf. Das alles kurbelt zwar die Wirtschaft an, doch es entzieht uns Menschen auch ganz sicher unsere Lebensgrundlage.

Also lasst uns doch jeden Arbeitsweg, der länger als 30 km beträgt, mit einer Lenkungsabgabe bestrafen. Jawohl, wer uns allen mehr Schaden zumutet als 30 km Pendeln ausmacht, soll saftig dafür zahlen!
Ab jetzt heisst es auf dem RAV, auf dem Soz, in der Presse, in der Nachbarschaft und Verwandtschaft, wie du pendelst länger als 30 km? Schäm dich du Schmarotzer!

Nun sind die Grünen und auch die Sozialen gerne bereit, den öffentlichen Verkehr gegenüber dem Individualverkehr zu fördern. Doch weniger wird er dabei nicht. Er verlagert sich nur und wird vielleicht etwas grüner angehaucht. Uns und dem Planeten hilft das nicht. Es ist mehr ein Greenwashing mit Wachstumschancen in anderen Branchen. Denkt an die Arbeitsplätze …!
Die Sozialkassen müssen wir entlasten, denn es soll ja keiner auf Kosten der Allgemeinheit auf der faulen Haut liegen. Meinen rechts und Mitte Politiker. Das dürfen nur Erben, Kapitalrenditebezieher und Menschen, die von der Schuld der anderen leben. Auch Ausbeuten im Rahmen der Gesetze ist erlaubt.

Aber zurück zu meiner Vision. Was passiert nun, wenn wir plötzlich umdenken? Die Menschen bleiben in der Region. Der Stress wird weniger und Menschen werden wieder mehr lächeln. Eltern sind näher bei ihren Kindern und der Austausch und das Leben in der Region wird gefördert. Der Kampf um die besten Arbeitsplätze und die besten Bewerber lässt nach. Und wer seinen Traumjob woanders sieht, zieht einfach um. Ein Kampf weniger macht Platz für mehr Kooperation und neue Modelle. Wir gewinnen Freiräume für das, was uns Freude macht. Die Staumeldungen im Radio werden durch eine Rubrik Gute Nachrichten aus der Region ersetzt. Die Luft- und Lärmverschmutzung lässt nach. Die Autos werden weniger. Velo und Fussgänger bekommen mehr Raum. Parkplätze werden zu Begegnungszonen für Mensch und Natur. Der öffentliche Verkehr in der Region kann neu durchdacht werden. Es entwickelt sich eine Dynamik durch Mut zu radikalem Umdenken bei soviel Erfolg …

Nun für diejenigen Kritiker, die meinen, das sei nicht genug durchdacht – folgendes: es ist genauso sehr oder wenig durchdacht wie alles andere, was Politiker vorschlagen und umsetzen. Für die, die meinen es sei nicht umsetzbar: Veränderungen brauchen Querdenker, Visionen und Mut, sonst bleibt immer alles beim Alten. Oder es wird wie jetzt, von der unsichtbaren Hand des Marktes gelenkt. Wo letzteres hinführt, sehen wir ja, wir sind nämlich genau dort. Unser Blick starrt dabei auf das Lodern der Zündschnur am Ende der Sackgasse. Augen verschliessen ändert daran auch nichts. Aber mutiges Querdenken schon.

Habt Mut und denkt mit und weiter – auf dem Weg zu neuen Taten!

Sieglinde Lorz

Fernweh oder, warum halten wir es hier nicht aus?

Neulich hatten wir in unserem Café Décroissance das Thema Suffizienz. Es ging dabei um eine Studie des Centre for Development and Environment (CDE) der Uni Bern, die herausfinden wollte, was Menschen bewegt suffizient zu leben und dabei doch noch (oder erst recht) glücklich zu sein.
Ich möchte hier nicht die Studie präsentieren. Sie kann in dem daraus resultierten Buch {1} im Detail nachgelesen werden. Doch ich möchte gerne einen Aspekt herausgreifen, der wohl immer wieder im Zusammenhang mit Suffizienz die Gemüter bewegt – das Reisen allgemein und das Fliegen im Speziellen.
Die Studie erlaubt als suffizientes Kriterium einmal im Jahr zu fliegen. Ja, jetzt geht schon mal ein Raunen durch einen Teil der Menge. Einmal im Jahr fliegen und suffizient leben, das geht doch gar nicht?! Vielleicht doch, meinen die Forscherinnen. Es kommt ja letztendlich auf den gesamten Lebensstil an. Denn reisen, das merkt man bei vielen, ist den Schweizern ein liebes Kind. So gern möchte man doch ferne Länder kennen lernen. Die Flüge sind billig, die globalisierte Wirtschaft freut‘s. Ein Markt mit Wachstumspotential.

Reisen, Urlaub machen ist nun wirklich nicht nur eine Frage von Kultur und Bildung. Es wird einfach gerne so dargestellt. Viele der Reisenden sind auf der Suche nach Erholung, auf der Flucht vor dem Alltag, oder wollen sich einfach mal etwas Gutes gönnen. Die unsinnigen Geschäftsreisen blende ich mal aus, da sie Teil des globalisierten Wirtschaftssystems sind.

Ich möchte nun ein paar Fragen stellen, um der Sache ein wenig näher zu kommen.
Warum müssen wir so weit weg fliegen, um Erholung, Abwechslung vom Alltag und Gutes zu finden? Wenn ich alle Hügel, Seen und Berge der Schweiz kennen lernen möchte, wandere ich ein Leben lang und muss nicht viele davon öfters besuchen. Abwechslung, Erholung und Gutes gibt es hier sicher genug.
Wieso passt uns unser Wetter, wenn wir arbeiten, aber wenn wir frei haben nicht? Wenn wir ein anderes Wetter wollen, sollten wir doch einfach in ein anderes Klimagebiet auswandern. Darüber denken die Wenigsten überhaupt nach.
Wieso ist das Wissen über fremde Länder und Kulturen so wichtig, wenn wir uns erstens in Hotels bewegen, die sowieso unserer Kultur entsprechen und zweitens oft nur 14 Tage dort sind? Wieso haben fremde Kulturen so eine grosse Anziehungskraft auf uns? Der Mensch ist neugierig, das ist mir bewusst. Wenn ich durch den Wald und über die Wiesen laufe, kann ich über Jahre hinweg, jeden Tag eine neue Pflanze, ein neues Insekt oder einen neuen Vogel kennen lernen. Noch haben wir ein bisschen Natur, auch wenn wir immer mehr davon vernichten. Mit dem Wissen um die einheimische Fauna und Flora ist mir in meinem Leben und in meinem Alltag mehr gedient als mit fernen Pseudo-Bildungsreisen. Die Neugier fremde Kulturen kennenzulernen, kommt ein wenig dem Begaffen von wilden Tieren im Zoo gleich. Sobald diese in unseren Alltag eindringen, wehren wir uns vehement dagegen. Wölfe erschiessen wir, Neophyten werden mit allen Mitteln bekämpft und Flüchtlinge sperren wir in Heime. Das muss alles unsere Ordnung haben.

Reisen ist ein Stück Freiheit. Die Freiheit dahin zu gehen, wo ich gerne sein möchte. Wieso kommen die aus den fernen Ländern nicht auch alle zu uns zu Besuch? Dürfen sie nicht, können sie nicht, oder wollen sie nicht? Ich sage, alles davon ist wahr. Doch ich neige zu der Antwort, die meisten davon wollen nicht. Sie wollen nicht unsere Kultur kennen lernen. Sie wollen nicht so weit weg von daheim fortschreiten (Achtung Wortspiel Fortschritt). Sie haben eine Kultur, kennen sie und fühlen sich darin wohl. Ich kann mich an dem Film ThuleTuvalu {2} erinnern. Eine der Frauen von der Insel Tuvalu sollte das erste Mal in ihrem Leben auf die Nachbarinsel reisen. Eine halbe Tagesreise mit dem Boot entfernt. Sie war so aufgeregt, obwohl mitten im Leben, war sie noch nie weg von ihrer Heimatinsel gewesen. Die Möglichkeit hätte sie gehabt. Ist das jetzt eine Frage der Bildung, des Fortschritts oder der Kultur? Reisen in andere Kulturen erweitert den Horizont, sagt man. Ist unser Horizont so beschränkt, dass wir ihn dauernd erweitern müssen und im Gegenzug der Horizont von dieser Frau so weit, dass es sie nicht nach Erweiterung dürstet? Oder ist sie einfach, ungebildet und weiss gar nicht um ihre mögliche Beschränktheit? Ich möchte niemanden beleidigen (auch mich nicht), doch wir reden hier vor allem von einem guten Leben. Wenn wir gut leben würden, einfach so wie diese Eingeborene gut lebt, wovon würden wir träumen, was würden wir begehren? Sie ist vielleicht aus unserer Sicht beschränkt in ihrem Leben. Das ist aber unsere Sicht und somit unser Mass für Beschränkung. Das müssen wir uns mal bewusst machen. Wir beurteilen ihre Situation mit unserem Blickwinkel.
Diejenigen, die nun aus den „aufstrebenden“ Ländern den Weg als Touristen zu uns finden, tun das aus den gleichen Gründen wie wir. Sie sind nicht plötzlich neugierig geworden auf die Ferne, oder folgen einer jahrelangen Sehnsucht nach Freiheit, die sie nun verwirklichen können. Sie folgen vor allem einer wirtschaftlichen Entwicklung, die das Reisen als eines ihrer Statussymbole propagiert und dafür sehr viele Mittel für Werbung ausgibt, um diese Sehnsucht künstlich herzustellen und immer weiter zu befeuern. Vielleicht treibt sie auch der Fortschritt langsam in die Ferne, sowie uns auch, weil wir unsere von der Wirtschaft geprägte destruktive Kultur selber nicht mehr ertragen können. Die kurze Flucht zwischendurch in eine andere (schönere oder weniger schöne) Welt, kann unseren Blickwinkel auf unseren Alltag wieder etwas korrigieren. Er wird wieder etwas erträglicher.

Ich habe sicher weder Recht noch Unrecht. Das ist auch nicht mein Ziel. Ich möchte dazu anregen, in einer stillen und freien Minute immer mal wieder über das eigene Fernweh (oder die Flucht) nachzudenken. Entweder alleine daheim mit einer Reise nach Innen, oder in einer gemütlichen Runde mit Nachbarn und Freunden. Es spricht auch nichts dagegen gemeinsam nach Innen zu reisen.

Sieglinde Lorz, April 2017
{1} Genug genüg – Mit Suffizienz zu einem guten Leben, Marion Leng, Kirstin Schild, Heidi Hofmann, oekom Verlag 2016 ISBN 978-3.86581-815-7

{2} http://www.thuletuvalu.com/

Kaleidoskopische Bilder für einen Gesellschaftswandel

Zum neuen Buch von Franz Hochstrasser Dem Übermaß mit Maß begegnen {1}

Was tut man, wenn man zur Zeitbombe Konsum eine enzyklopädische Fülle von Informationen in leicht verständlicher Form zwischen zwei Buchdeckel bringen will? Wie kann man vorgehen, wenn einen dazu noch die Dringlichkeit des eigenen Anliegens antreibt? Diese Fragen mögen den Autor Franz Hochstrasser beschäftigt haben, als er sein drittes Buch zum Thema Konsumismus konzipierte und schrieb. Seine Lösung des Problems: Er präsentiert sein Material nicht in der Form einer geschlossenen Abhandlung mit Einleitung, Hauptteil und Schluss, sondern als kaleidoskopisch sich veränderndes Bild in immer wieder neuen Zusammensetzungen. Das ergibt neun Essays zu verschiedenen Aspekten des Themas. Einige Beispiele: Die Ökonomisierung des Alters. Warum handeln Menschen im Konsum gegen ihre eigenen Interessen? Die Zusammenhänge zwischen Digitalisierung, Fremdsteuerung und Autonomie im Konsum. Moral im Konsumismus. Verzicht als Zukunftsperspektive. Vorausdenken und Voraushandeln für Zukünfte. Der Autor erhebt keinen Anpruch auf objektive Gültigkeit seiner Erkenntnisse. Er steht zu seiner Subjektivität und stellt sich bewusst neben die Lesenden, die in sein Kaleidoskop gucken; er erklärt und kommentiert in der ersten Person die Bilder, die sich beim Drehen des Rohrs ergeben.

Gleich zu Beginn darf man festhalten: Das Buch ist eine Fundgrube für Leute, die Argumente und Unterstützung im kritischen Umgang mit dem allgegenwärtigen Konsumismus suchen. Der Autor hat sein schwieriges Thema mit einer Ernsthaftigkeit bearbeitet, die Respekt verdient. Ein erklärtermaßen wie ein Kaleidoskop konzipiertes Buch lässt sich schwer zusammenfassen. Die vom Autor gewählte Ichform der Darstellung lädt vielmehr zum Dialog ein. Man müsste bei jedem Bild innehalten, es kommentieren und darüber diskutieren können. Diese Rezension strebt deshalb nicht eine ausgewogene Darstellung und Würdigung des Buchs an. Stattdessen folgen hier einige Eindrücke, die sich mir beim Lesen aufgedrängt haben. Es ist eine Bilderreihe, die sich für mich beim Drehen des Rohrs ergeben hat. Ich präsentiere und kommentiere sie in der Ichform, wie Hochstrasser es mit seinen Kaleidoskopbildern tut.

Erstes Bild: Der Autor macht sich in Bezug auf die kapitalistische Wirtschaft keine Illusionen und will auch keine wecken. Er schildert den Kapitalismus als ein amoralisches Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, in dem die Kapitalakkumulation – also die Tatsache, dass aus Geld mehr Geld wird – immer Vorrang vor allen anderen Zielsetzungen hat. So schreibt er in Bezug auf die kapitalistische Wirtschaftsweise: «Diese ist so gebaut, dass der Zweck der Produktion nicht in „Lebensgütern“ für die Menschen liegt, sondern in der Verwertung des Kapitals, das in die Produktion investiert wurde. Das Kapital ist es zuerst, das wachsen muss. Die konkrete Güterproduktion ist ihm fast gleichgültig. Bei Bedarf hüpft es von der einen Produktion zu einer andern, die größeres Wachstum bzw. eine steigende Profitrate verheisst.» (25/26) So unverblümt benennen nach meinem Eindruck nur wenige konsum- und wachstumskritische Autoren den Kern des kapitalistischen Systems.

Zweites Bild: Hochstrasser räumt dem Begriff der Suffizienz hohe Priorität ein und spricht auch da Klartext: Eine suffizient lebende Gesellschaft kann unmöglich eine kapitalistische Gesellschaft sein (159). VertreterInnen der Décroissance- oder Degrowth-Bewegung und anderer wachstumskritischer Gruppen können in dieser Feststellung eine willkommene Bestätigung ihres eigenen Denkens und Handelns finden. Hochstrasser nennt die Wachstumsücknahme neben anderen Bewegungen als Beispiel für den antikapitalistischen Widerstand (94 und 172). Das ist ermutigend und kann das Bewusstsein kleiner wachstumsverweigernder Gruppen stärken, dass sie mit ihren Anliegen nicht allein sind.

Drittes Bild: Ich verhehle nicht, dass mir einige wenige Stellen im Buch nicht gefallen haben, weil sie das kaleidoskopische Farbenspiel stören: So muss etwa in einem wachstumskritischen Werk der zweimalige positive Bezug ausgerechnet auf den Wachstums- und Konsumfreak Michael Braungart befremden (25 und 155). Auch die Verwendung des Begriffs der nachhaltigen Entwicklung – glücklicherweise nur in einem Zitat, das nicht vom Autor selbst stammt (171) – wirkt im Buch wie ein Fremdkörper. Der Begriff wurde der Weltöffentlichkeit nach der Konferenz von Rio 1992 von einigen Konzernen unter der Führung des Schweizer Industriellen Stephan Schmidheiny aufgezwungen, als Leitbegriff der internationalen Umweltpolitik. Er ist ein typisches Beispiel für neoliberalen Neusprech und treibt sogar in «grünen» Publikationen immer noch sein Unwesen. Zwei sachliche Irrtümer sind mir ebenfalls aufgefallen: Effizienz und Effizienzsteigerung sind nicht das Gleiche, wie dies die Definition des Effizienzbegriffs auf Seite 151 könnte glauben machen. Und Etienne de la Boétie, der Autor des Traktats «Über die freiwillige Knechtschaft», dem Hochstrasser zu Recht viel Aufmerksamkeit widmet, gehört nicht ins siebzehnte Jahrhundert, sondern ins sechzehnte (76). Aber all dies tut meinem positiven Gesamteindruck von Hochstrassers Buch keinen Abbruch.

Viertes Bild: Das Thema des Autors ist zwar der Konsumismus, also ein durch Überkonsum charakterisiertes Subsystem des Kapitalismus, welches sich in den letzten Jahrzehnten gebildet hat und das Zusammenleben und die Mentalitäten der Menschen in unserer Gesellschaft formt und prägt. Aber darunter wird an verschiedenen Stellen des Buchs ein anderes, tiefer liegendes Thema sichtbar – ich vermute, dass es Hochstrassers eigentliches Thema ist: das Wirtschaftswachstum. Warum stellen sich die Menschen im neoliberal formatierten Kapitalismus freiwillig unter das Gebot des Wachstums, von dem man doch weiß, dass es für die Menschheit letztlich eine tödliche Gefahr ist? Ich finde es verdienstvoll, dass der Autor einerseits keine «pfannenfertige» Anwort auf diese Frage bereithält, andererseits aber in seinen Gedankengängen immer wieder um das Thema Wachstum kreist. Vier Ausdrücke habe ich im Laufe meiner Lektüre gefunden, mit denen er dem Rätsel des Wachstums beizukommen versucht. Er sieht Wachstum und Wachstumsdenken als «Mantra» (26), als «mentale Infrastruktur» (Harald Welzer) (46), als «Ideologie» (149) oder als «Ideologem» (166). Persönlich stimme ich dem allem zu. Ich meine, es ist das, was sich unweigerlich in den Köpfen der meisten Menschen festsetzt, die in einem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem unter Wachstumszwang leben müssen.

Fünftes Bild: Es ist heute in kapitalismuskritischen Publikationen üblich, Schuldige zu suchen und zu benennen: die Banker, die Reichen, die Manager, die Wall Street, das «eine Prozent» und so weiter. Hochstrasser ist da sehr zurückhaltend. Zwar spricht er den Konzernbesitzern, Parteibonzen und anderem Gelichter nicht einfach jegliche Verantwortung ab. Aber am interessantesten ist sein Text meines Erachtens da, wo er unter die Oberfläche der individuellen Verantwortlichkeiten vordringt. So gibt es dem Autor zufolge Fälle, wo «[…] Herrschaft selbst […] nicht fassbar, sondern nur an ihren freiheitsbeschränkenden Wirkungen zu erkennen [ist]. Sie bleibt nebulös und ungreifbar, wie Franz Kafka, das im Romanfragment „Das Schloss“ beschrieben hatte. Immerhin verfügt sie über Funktionäre, welche bürokratische Funktionen wahrnehmen.» (89) Der Autor benennt hier nach meinem Eindruck die anonyme Macht- und Herrschaftsstruktur, die bei Lewis Mumford {2} und Fabian Scheidler {3} «Megamaschine» heißt. Und wenn wir ins Jahr 1867 zurückgingen, würden wir im ersten Band des Kapitals von Karl Marx den seltsamen Begriff des «automatischen Subjekts» finden, ganz in der Nähe dessen, was Hochstrasser im zitierten Satz mit Bezug auf Kafka beschreibt. Solche Parallelen müssten all jenen zu denken geben, die glauben, die sozialen und ökologischen Probleme im Kapitalismus ließen sich schon lösen, wenn man nur endlich alle Verantwortlichen zur Rechenschaft zöge und ihre Machenschaften unterbinden würde.

Sechstes und letztes Bild: Was den nötigen Widerstand gegen das wachstumsgetriebene konsumistische System betrifft, so predigt Hochstrasser nicht positives Denken. Er steht in Bezug auf die Erfolgsaussichten sogar ausdrücklich zu seinem Pessimismus (168). Wie erholsam für Lesende, denen die allgemein verbindliche «Hofferei» (Wolf-Dieter Narr) auf eine bessere Gesellschaft manchmal auf die Nerven geht! Auch in diesem Zusammenhang spricht Hochstrasser ganz unverkrampft Klartext. Aber er stellt dem Pessimismus den kollektiven Willen zum Überleben gegenüber. Dieses Thema liegt offensichtlich in der Luft. Der eine Generation jüngere Tomasz Konicz kam vor einigen Monaten in seinem Buch Kapitalkollaps {4} zu ähnlichen Schlüssen. Hochstrasser fordert die Lesenden auf, den eigenen Pessimismus nicht zu leugnen oder zu verdrängen, sondern ihm zu widerstehen, so zu tun, als ob sie schon wüssten, dass ihr Engagement Früchte tragen werde, auch wenn das gegenwärtig überhaupt nicht klar ist (213). Dies ist eben die Rolle, die dem Autor zufolge auch die Décroissance-Bewegung zu spielen hat, gemeinsam mit vielen anderen Gruppen und Organisationen. Alle diese Bewegungen haben nämlich ein gemeinsames Ziel: «Zuoberst auf der Agenda steht, die demokratische Mitbestimmung der Menschen zu stärken sowie den ökologischen und sozialen Umbau der Wirtschaft und der Gesellschaft in Angriff zu nehmen oder weiterzuführen.» (170) Ich wünsche dem Buch und seinem Autor viele Leserinnen und Leser, die bereit und fähig sind, sich auf eine nicht allzu eilige, aufmerksame Lektüre einzulassen.

Ernst Schmitter, April 2017

{1} Franz Hochstrasser, Dem Übermaß mit Maß begegnen – Essays über Konsum, Verzicht und Genügsamkeit, Oekom Verlag, München 2017, ISBN: 978-3-96006-000-0
{2} Lewis Mumford: Mythos der Maschine. Kultur, Technik und Macht, Europa-Verlag, Zürich 1974
{3} Fabian Scheidler, Das Ende der Megamaschine, Promedia Verlag, Wien 2015, ISBN 978-3-85371-384-6
{4} Tomasz Konicz, Kapitalkollaps – Die finale Krise der Weltwirtschaft, KVV konkret, Hamburg 2016, ISBN 978-3-930786-80-0

 

Zu Helmut Knolle: Wachstumsgesellschaft. Aufstieg, Niedergang und Veränderung

Wie und wann fing die Geschichte mit dem Wirtschaftswachstum an? Woher stammt die Überzeugung, eine gesunde Wirtschaft müsse konstant wachsen? Welche Faktoren treiben das Wachstum an? – Fragen wie diese erörtert Helmut Knolle in seinem Buch. Die Darstellung ist zielstrebig und durchsichtig, die Sprache leicht verständlich, der rote Faden jederzeit sichtbar. Im ersten Teil („Geschichte“) zeichnet der Autor die Entstehung der Wachstumsgesellschaft und ihren kulturellen Niedergang in der Gegenwart nach. Dies führt ihn zur Frage, ob die herrschende ökonomische Theorie in einer Zeit, in der Klimawandel und Umweltverschmutzung zu zentralen Problemen geworden sind, noch brauchbar ist. Im zweiten Teil („Theorie“) skizziert er die Geschichte der ökonomischen Theorien und stellt seinen eigenen Ansatz einer ökologischen Ökonomie vor. Ziel des Buches ist die Suche nach Wegen, wie sich unsere Gesellschaft vom Wachstumswahn befreien kann. Dieses Ziel ist in allen Teilen des Buches sichtbar und dominiert vollends im dritten Teil („Perspektiven“).

Geschichte: Die vorindustrielle, vorkapitalistische Welt war durch den Feudalismus geprägt: Was Bauern und Handwerker an Mehrwert produzierten, konsumierten die Feudalherren, Fürsten und Königshäuser. Anders die kapitalistische Produktion: Das hergestellte Mehrprodukt wurde reinvestiert: in Maschinen und zusätzliche Arbeitsplätze. Knolle zufolge erhielt die Industrialisierung ihre ersten Impulse nicht so sehr durch den Einsatz fossiler Energie  als vielmehr durch zunehmende Arbeitsteilung. Später, als die Schwerindustrie sich entwickelte, war der Energieverbrauch immer abhängig von Fortschritten der Metallurgie und des Maschinenbaus.

Ein überraschendes Nebenprodukt der Arbeit Knolles sind erhellende Streiflichter auf die engen Verflechtungen zwischen Militärtechnologie und Konsumgüterproduktion: Als sich im frühen 20.Jahrhundert der Eisenbahnbau verlangsamte, lief die Stahlindustrie auf Hochtouren weiter, der Stahl floss vermehrt in die Rüstungsindustrie und schuf die Todesmaschinerie des Ersten Weltkriegs. Die während dieses Krieges genutzte und weiter entwickelte drahtlose Kommunikation durch elektromagnetische Wellen lieferte später die Grundlage für das Radio. Die Konstruktion von Panzern und Panzermotoren förderte den Automobilbau, und die Herstellung von Düsenbombern lieferte die Technologie für die zivile Luftfahrt: „Das verführerische Angebot von billigen Flügen nach allen nur denkbaren Destinationen ist die Ernte von einem Baum, der nicht im Paradies, sondern auf den Trümmern und Leichen des Zweiten Weltkriegs gewachsen ist“ (S.48).

Theorie: Die frühbürgerliche Ökonomie (Adam Smith, Ricardo) verdankte sich einem Mentalitätswandel beim Übergang vom Feudalismus zur bürgerlichen Gesellschaft: Neu war die Idee, den Überschuss nicht  zu konsumieren, sondern systematisch in die Erweiterung des Produktionsvolumens zu investieren. Dadurch entstand Wachstum. Die klassischen Theorien von Adam Smith und David Ricardo stellen bei der Erklärung des Werts von Gütern den Faktor Arbeit in den Vordergrund.
Mit der Entwicklung der Grenznutzenlehre, die die sog. „Neo-Klassik“ einläutete, ereignete sich in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts ein Bruch in der Wirtschaftstheorie. Neu waren die Lehre vom Grenznutzen und die Idee der Nutzenmaximierung. Während die klassische Ökonomie die Gesellschaft als ganze in den Blick nahm – Smith’s Hauptwerk hat den Titel „Der Wohlstand der Nationen“ -, fokussiert die neo-klassische Theorie den Einzelnen bzw. den Einzelbetrieb. Knolle zufolge spielten beim Theoriewechsel auch politische Motive eine Rolle: „Die Klassiker von Smith bis Ricardo hatten das aufstrebende Bürgertum in seinem Kampf gegen das veraltete Wirtschaftssystem des Merkantilismus ideologisch unterstützt. Nachdem dieser Kampf gewonnen war, brauchte man sie nicht mehr. Als dann noch Marx aus den Ideen von Ricardo seine Theorie der Ausbeutung entwickelt hatte, bezogen die bürgerlichen Ökonomen Stellung gegen Marx und gegen Ricardo“ (S.68). – Es handelte sich „um einen radikalen Bruch mit der Tradition, der in einem Zug die Individualisierung, Psychologisierung und Entpolitisierung der Nationalökonomie in Gang setzte“ (S.66).

Wie spiegelt sich dieser Theoriewandel in den aktuellen ökologischen Debatten? Knolle erinnert daran , dass Ökonomie und Ökologie einen Ausgleich finden müssen, und macht dazu einen eigenen Vorschlag: Er skizziert, wie ein zyklisches Wirtschaftsmodell aussehen könnte, in dem schädliche oder toxische Nebenprodukte sowie Abfälle des Konsums als „Waren“ mit negativen Preisen erscheinen. Diese entsprechen den Kosten ihrer Entsorgung, die durch den Staat überwacht werden muss. Anders als bei gewöhnliche Waren ist hier also eine Marktregulierung erforderlich (S. 79). Dieser Linie folgend, verteidigt er den Handel mit CO2-Emissionslizenzen gegen eine Kritik, die in ihm nur ein neues Geschäftsfeld mit neuen Profitquellen sieht (S. 94). Allerdings müsste der Preis dieser Lizenzen um ein Vielfaches angehoben werden – Knolle nennt als Schätzwert 245 Fr. pro Tonne. Die Profite der Emittenten würden dadurch erheblich reduziert, und die Regenwaldnationen würden für die Entsorgung von CO2 belohnt.

Mit der „Neo-Klassik“ wurde die Idee objektiver Werte verabschiedet. Werte gelten heute als subjektiv und wandelbar. Für die Natur-Werte bedeutet dies eine fatale Relativierung. Zugleich gelten Werte und ihr Wandel als quantifizierbar. Ein Beispiel ist die Diskontierung von Werten in der Zukunft: Für die Befriedigung künftiger Bedürfnisse zeigen wir oft eine geringere Zahlungsbereitschaft als für die Befriedigung aktueller Bedürfnisse. Auch wenn dies für das einzelne Individuum gelten mag, so lässt sich damit noch lange nicht rechtfertigen, dass Schäden durch den Klimawandel, die den kommenden Generationen drohen, geringer zu bewerten sind als gleichartige Schäden in der Gegenwart: „Wenn man davon ausgeht, dass unsere Erde noch mindestens 100‘000 Jahre von Menschen bewohnt sein wird, und dass der Nutzen aller heute und künftig lebenden Menschen sich zu einem Gesamtnutzen addieren lässt, dann ist es eigentlich klar, dass keine Massnahme, die künftige katastrophale Wetterereignisse, Hungersnöte und Überschwemmungen verhindert, für unsere Überflussgesellschaft zu teuer sein kann“ (S.88).

Da sich die neoklassische Theorie in mehrere Äste verzweigt, gibt sie auf die zentrale Frage, wie wir der ökologischen Krise am besten entgegensteuern, unterschiedliche Antworten: Ist eine steady state-Ökonomie (ohne Wachstum) krisenfrei möglich – ja oder nein? Soll sich die Ökonomie eher an der Biologie orientieren, derzufolge vollständiges Recycling möglich ist, oder an der Physik, die unter Hinweis auf das Entropiegesetz die Möglichkeit vollständiger Recyclierung bestreitet?

Perspektiven: Knolle diagnostiziert nicht nur die wesentlichen ökologischen Probleme, sondern auch die Krisensymptome einer Gesellschaft des Überflusses, der sich auf den Einzelnen lähmend auswirkt. Dieser Überfluss verdankt sich einer permanenten Markterweiterung: Zunehmend rascher erfolgende technologische Neuerungen schaffen immer wieder neue Bedürfnisse: Etwa hundert Jahre nachdem sich Elektrizitätsnetze und mit ihnen die elektrische Beleuchtung etabliert und das Leben der breiten Bevölkerung umgekrempelt hatte, geschah etwas Ähnliches noch einmal, als sich das Internet, der Labtop, das Smartphone usw. über die Welt ausbreiteten. Die explosive Vervielfältigung des Konsumgüterangebots wäre noch vor zwei Generationen unvorstellbar gewesen – digitale Fotografie, GPS, Tablets, Drohnen… -, heute haben wir uns daran gewöhnt. Kommerzialisierung und Industrialisierung greifen auf Lebensbereiche über, die sich bis vor kurzem dem ökonomischen Verwertungsimperativ entzogen hatten – Kommunikation, Sport, Freizeit, Reisen, Bildung. Wir leben in einer verwalteten „Spassgesellschaft“. Das „Leben im Netz“ und vielfältige neuartige Zerstreuungen üben einen Sog aus, der die Aufmerksamkeit von den Herausforderungen durch das reale Leben ablenkt.

Eine andere Gesellschaft ist möglich! Doch wie soll sie aussehen? Der Autor lässt die zentralen Ideen der Degrowth-Bewegung Revue passieren – die Rückkehr zur Subsistenzwirtschaft auf dem Bauernhof, zu Gemeineigentum (Commons), geldlosem Handel, Tauschringen usw., ergänzt durch eine dezentrale Produktion mittels D3-Druckern. Doch warnt er zu Recht vor unrealistischen Idealen und falscher Romantik: „Zwischen dem autarken Bauernhof und einer Welt, in der alle Arten von Gütern über Tausende von Meilen transportiert werden (…), gibt es viele Zwischenstufen. Ich kann gut ohne Lammfleisch aus Neuseeland, Textilien aus Bangladesh und Weintrauben aus Südafrika leben, aber nicht ohne Brille, und die Linsen kann ich nicht selber schleifen. Deshalb bin ich froh, dass es Arbeitsteilung gibt und Geld, mit dem ich die Brillengläser bezahlen kann“ (S.111f.).

Knolles eigener Vorschlag knüpft an kulturelle Traditionen der Arbeiterbewegung vor 1933 an: In der Weimarer Republik wurden „immer mehr Arbeiter und Arbeiterinnen in Musik, Theater und Sport aktiv“ (S.43). Diese Aktivitäten organisierten Vereine, in denen auch namhafte Künstler mitwirkten. Der Besuch eines kulturellen Grossanlasses „hatte für die Teilnehmenden eine tiefere Bedeutung, als sie die meisten Ferienreisen für Menschen von heute haben“ (S.43). In dem Grade, wie wir die Arbeitszeit verkürzen und den Mehrwert in soziale Institutionen, Bildung, Kultur und Breitensport lenken, statt in noch mehr Produktion, verabschieden wir uns vom Wachstum. Wir haben „heute die Möglichkeit, die notwendige Arbeitszeit zu verkürzen, soziale Sicherheit für alle zu garantieren und die Kultur zu demokratisieren. Ein Staat, der diese drei Ziele verfolgt, könnte als sozialer Kulturstaat bezeichnet werden“ (S.117).

Thomas Kesselring

Das Buch „Wachstumsgesellschaft. Aufstieg, Niedergang und Veränderung“ von Helmut Knolle ist 2016 im PapyRossa Verlag erschienen

Transition Town trifft Décroissance

In Bern gibt es beides, sowohl eine Transition Town als auch eine Décroissance Bewegung und diese sind sich nah. Sie teilen Ideologien, haben eine ähnliche Vision von einer neuen Welt und begegnen sich immer wieder im gemeinsamen Handeln.

In einem Wandel von unten gesteuert ist Bern schon länger. Es gibt Projekte der Solidarische Landwirtschaft wie Radiesli und Uniterre. Die Lorraine, der Breitsch (Breitenrain) und auch das Rossfeld sind Quartiere wo Gemeinschaft, Nachbarschaft und Solidarität schon lange Tradition hat. Das sind nur einige, wenige Beispiele und alle anderen Aktiven mögen mir die Nichterwähnung nachsehen. Unter dem Namen Transition Bern begann der Wandel jedoch erst im Frühling 2013, als eine Gruppe von wandelfreudigen und wandelaktiven Menschen entschied, einen Infoabend zu organisieren und so Transition Bern ins Leben zu rufen. Darunter befand auch ich mich, also eine Aktive der Décroissance Bewegung, welche im Jahre 2010 bei der damaligen Tour der Lorraine ihren Anfang nahm.
Die Ziele, welche mit der Gründung der Transition Bewegung verfolgt werden, sind mehrere. Einerseits die Vernetzung der vorhandenen Projekte, welche bereits den Wandel in Bern vorantreiben. Andererseits der Wunsch immer mehr Aktivitäten zu starten, um Bern zu einer nachhaltigen, resilienten und zukunftsfähigen Stadt zu entwickeln. So kamen etwa fünfzig Interessierte an diese Startveranstaltung und befürworteten die Initiative. Eine Kerngruppe wurde gebildet und eine weitere Vernetzung von Interessierten in den Quartieren konnte stattfinden. Denn die Begeisterung der Bürger, der Nachbarschaften und Quartiere einen gemeinsamen Weg zu gehen, bleibt auch hier die weltweit etablierte Strategie der Transition Bewegung.

Transition Bern und Décroissance Bern teilen nicht nur Ideologie und Vision, es gibt auch Menschen, welche in beiden Bewegungen aktiv sind. Bei Décroissance kämpfen sie mit Aufklärung und einer differenzierter Sichtweise gegen den Wachstumszwang im System. Eine laute Stimme, die sich unermüdlich gegen die Selbstverständlichkeit gegenüber diesem System wehrt. Bei Transition Bern können sie endlich handeln, etwas konkretes tun und somit den Frust des Kampfes gegen Wachstums-Windmühlen in positive Taten lenken.

Aber nicht alle, welche sich für den Wandel in Bern begeistern lassen und gerne Positives bewirken wollen,  können sich mit den ewig kritischen Stimmen der Décroissanceler anfreunden. Nicht selten gelten wir in politischen Kreisen als ewige Verhinderer, wenn wir den Zeigefinger heben, weil auch eine grüne Wachstumswirtschaft immer noch eine Wachstumswirtschaft ist, die primär dem Wachstum dient und nicht der Nachhaltigkeit. Der Suffizienzgedanke ist politisch nicht tragfähig. Das klingt nach Verzicht, verlorenem Wohlstand und dem Verlust von Arbeitsplätzen. So wird dann auch mal Unmut von Sympathisanten laut, wenn sich die Kerngruppe von Transition Bern entscheidet, mit Décroissance Bern ein gemeinsames Sommerfest zu organisieren, was mittlerweile regelmässig geschieht.

Aber genau dieser Suffizienz-Gedanke ist auch ein Teil der Transition Bewegung. Ein gutes Beispiel dafür ist das Projekt Transition Streets, wo die Arbeitsgruppe Energie und Mobilität von Décroissance Bern, auf Anfrage der Transitioner, bei der Übersetzung des damit verbundenen Handbuches hilft, indem sie die Verantwortung für die Ausführung des Kapitels Energie übernommen hat.
Bei Transition Streets geht es darum, dass sich Menschen in Nachbarschaften zusammen tun, um sich gegenseitig dabei zu unterstützen, das eigene Verhalten in Richtung eines sorgfältigen und sparsamen Umgangs mit Ressourcen, Reduktion von Müll, lokalem und regionalem Einkauf, gemeinsame Nutzung von Werkzeugen, etc. zu wandeln. Das Handbuch hilft als Wegweiser und Leitfaden angepasst an die politischen und örtlichen Gegebenheit eins Landes oder einer Stadt bzw. Region.
Die Stärke der Transition Bewegung, auch in Bern, liegt darin, Menschen zu verbinden und sich gegenseitig zu motivieren und zu unterstützen. So wurden beim Projekt Transition Streets auch Studenten der Uni Bern in Zusammenarbeit mit dem Center for Development and Environment (CDE) eingebunden, welche das Thema in einer Semesterarbeit behandelten. Ihrer Arbeit mündete auch in einer gemeinsam Präsentation ihrer Ergebnisse am eco Naturkongresses 2015 in Basel, wo sie diese zusammen mit Transition Bern in einem Workshop präsentieren und diskutieren durften. Seither sind einige Studenten begeisterte Transitioner und die Zusammenarbeit mit dem CDE geht weiter. So wurde im Rahmen einer Studie des CDE zum Thema Suffizienz sowohl Transition Bern, als auch Décroissance Bern eingeladen, an Workshops innerhalb der Studie teilzunehmen und ihre Sichtweise mit einzubringen. Ein guter Erfolg für alle Beteiligten und ein weiteres Kapitel in der Geschichte einer Stadt im Sog des Wandels.

Egal wo man startet und welche Ausrichtung man bei seinem Engagement hat, zeigt sich mal wieder, man muss nicht immer das Selbe tun, um Gleiches zu erreichen. Wichtig ist ein freundschaftlicher und unterstützender Kontakt, der Austausch, die Interaktion – das Miteinander auf einem gemeinsamen Weg. So wie das bei Freunden üblich ist. Am Ziel wird gemeinsam gefeiert und zwischendurch erst recht. Denn es stärkt die Verbindung in der Freundschaft, bündelt und vergrössert die Kraft in einem gemeinschaftlichen Wandel.

Sieglinde Lorz

http://www.decroissance-bern.ch / info@decroissance-bern.ch
http://www.transition-initiativen.de/group/bern / etib@websource.ch

Dieser Artikel ist in der aktuellen Ausgabe (November 2016) der MOINS! in französischer Sprache übersetzt erschienen. Diese kann unter folgendem Link bestellt werden http://www.achetezmoins.ch/

Nachhaltigkeit – das neue Schlagwort der Marketingabteilung

Schon die neuen Werbeplakate mit den nachhaltigen Bananen der Migros gesehen? Ich sah gestern eines und staunte! Banane und Nachhaltigkeit – aus meiner Sicht eine Herausforderung.

Ich wurde neugierig und recherchierte mal bei Migros nach, damit ich lerne zu verstehen. Ich wurde fündig. Es handelt sich um ein Projekt in Zusammenarbeit mit dem WWF zu einer „garantierten kontinuierlichen Verbesserung ökologischer und sozialer Kriterien“ bei der Herstellung von Bananen in Kolumbien und Ecuador. Alle Ziele können unter dem Link unten nachlesen werden.
Dass wir Regenwald zerstören, um Bananenplantagen zu errichten, sollte bekannt sein. Trotzdem finde ich das angestrebte Ziel „reduzierter und noch verantwortungsvollerer Einsatz von Pflanzenschutzmitteln“ sehr lobenswert. Aber ehrlich, was soll das genau heissen und was bedeutet das am Ende dann doch noch an Gifteinsatz? Denn letztendlich wird „verantwortungsvoll“ weitergespritzt.
Spannend finde ich auch das Ziel der „Reduktion der Treibhausemission“. Kolumbien und Ecuador liegen doch immer noch in Südamerika oder ziehen die jetzt nach Europa um?
Was ich mich auch noch frage, ist, wie kann man den Gesundheitsschutz der Arbeiter wirklich verbessern und einen verantwortungsvollen Umgang mit Wasser und Abwasser pflegen, wenn man immer noch Giftstoffe und künstlichen Dünger grossflächig einsetzt?

Versteht mich bitte nicht falsch. Ich begrüsse es sehr, dass Migros etwas unternimmt. Ich finde es aber furchtbar, dass damit dem Konsumenten ein gutes und nachhaltiges Gewissen verkauft wird, bei einem Massenprodukt, das unnachhaltig Regenwälder zerstört und Treibhausgase ausstossend tausende von Kilometer reisen muss, bis es auf unserem Tisch landet. Ausserdem kosten Bananen aus Südamerika weniger als Äpfel aus der Schweiz!
Dass der WWF solches „green washing“ unterstützt, wird ja schon seit Jahren kritisiert. Das muss ich jetzt nicht auch noch.

Also liebe Konsumenten, lasst euch nichts vormachen und auch nicht durch die Marketingtricks der Unternehmen zu einem guten Gewissen verführen. Bananen gehören wenn, dann als Raritäten auf unseren Speisezettel und diese gäbe es auch von den Kanarischen Inseln zu holen. Da wären sie reifer und näher und könnten den seltenen Wunsch nach dem Luxus einer Rarität durchaus decken.

Sieglinde Lorz

https://www.migros.ch/de/kontakt/produkteinhalte-und-herkunft/bananen.html

Mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen zu Décroissance

Nach vielen Überlegungen über das Grundeinkommen und die damit verbundenen Ängste, habe ich eine grosse Chance erkannt, die ein bedingungsloses Grundeinkommen mit sich bringen würde. Die „unsichtbare Hand des Marktes“ befürchtet die Kontrolle über ihr System zu verlieren. Und dies ist aus meiner Sicht berechtigt.

Die kritischen Befürworter sagen, es wäre nur eine Umverteilung des Geldes im vorhandenen System. Das stimmt, wenn wir von einem Grundeinkommen sprechen. Wenn wir allerdings das kleine Attribut „bedingungslos“ dazu nehmen, dann sieht es schon ganz anders aus.
Was bringt denn diese Bedingungslosigkeit so mit sich? Sie hat mal die Befreiung von der Existenzangst im Gepäck. Die Angst nicht existieren zu können, ist ein grosser Motivator in einem Arbeitssystem, das sehr viel Sinnlosigkeit beinhaltet und Kriege befielt, um die eigene systemische Existenz zu sichern. Dann bringt sie eine Frage mit, die sich viele stellen werden, wenn sie sich von einer sinnlosen, belastenden, oder unbefriedigenden Tätigkeit befreien wollen. Was brauche ich zum Leben? Und schon geht der sinnlose Konsum nach unten, das Wirtschaftswachstum bricht ein. Für die einen ein Horrorszenario, für Menschen mit gesundem Menschenverstand, die die Folgen der Wachstumswirtschaft erkannt haben, ein befreiender Gedanke. Um die finanzielle Belastung noch mehr zu reduzieren, während einer Kreativpause von der Arbeit, entstehen Idee der gemeinschaftlichen Organisation im Alltag, es entsteht Tauschhandel, Selbermachen ist angesagt und es wird die Freude und der soziale Halt in der Gemeinschaft wieder entdeckt. Oh je, schon wieder bricht der Konsum ein. Nicht nur das, plötzlich erkennen wir den wahren Unterschied zwischen Arbeitslosigkeit (ein Damoklesschwert) und Freizeit. Arbeitslosigkeit ist ein Begriff des Staates, der dazu verwendet wird, um zu sagen, wir nehmen von diesem Menschen keine Einkommenssteuern ein. Also müssen wir alles tun, um dies zu ändern. Die Mittel sind bekannt – Druck mit dem Hebel Existenzangst. Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen wird die Lohn-arbeitslose-Zeit neu Freizeit genannt, oder Raum für kreative, soziale, freudige, erholsame Aufgaben.
Dann wird sich ein weiteres Phänomen ausbreiten. Wunderheilungen finden statt, weil der Stress plötzlich um 50% sinkt. Die Menschen rennen nicht mehr zum Arzt, haben noch mehr Kraft sich nicht zu beugen und der Medikamentenverbrauch sinkt drastisch. In Folge sinken irgendwann auch die Krankenkassenbeiträge und schon haben die Menschen etwas Geld übrig. Einer der am besten wachsenden Wirtschaftszweige bricht ein – die Krankheitsindustrie. Verlust von Arbeitsplätzen? Dieses Gebet und Totschlag-Argument gehört nun definitiv ins Arbeitshistorische Museum.
Auch das Bildungssystem bleibt nicht verschont. Die Menschen lernen nun das, was sie begeistert. Sie folgen ihrer Leidenschaft und fangen an quer statt systemgerecht zu denken. Was ein Befreiungsschlag für wahre Innovation. Erst recht, wenn die Umsetzung nicht mehr an einer mindestens zweistelligen Rendite gemessen wird. Die Menschen fangen an ihre Fähigkeiten zu entdecken und ihr Potential zu leben.
Wenn nun auch noch, zu all dem genannten, die Solidarität und Kooperation in der Gemeinschaft wächst, wer möchte dann noch nach der Pfeife der „unsichtbaren Hand des Marktes“ tanzen. Oder mit anderen Worten, sich für das Kapital ausbeuten lassen und weiter an einem System festhalten, das nur das als Ziel hat.
Spätestens jetzt müssten die Liberalen jubeln, die Sozialen tanzen und die Grünen entspannt in der Wiese liegen. Warum tun sie es nicht?

Ach ja die Finanzierung, die geht nun gar nicht, sagen alle, die sich vor der Bedingungslosigkeit scheuen. Sogar reformierte Pfarrer blasen in das Horn.
Ok, ich bin Projektleiter seit viel Jahren und ich weiss, alles was man finanzieren will, kann man finanzieren. Ob man es will, hängt stark davon ab, ob es Sinn macht. Jetzt muss man nur noch fragen, für wen macht es keinen Sinn und warum … ?
Es gibt zahlreiche Finanzierungsmodelle, jedes für sich wäre ausreichend. Eine Mischung ist besser, weil diese „unsichtbare ….“ ihr wisst schon, wird Schlupflöcher suchen und finden, um hier an dem Stuhlbein zu sägen. Lenkungsabgaben und Konsumsteuern (was auch Lenkungsabgaben sind) werden irgendwann greifen. Was ja grundsätzlich gut ist. Und dann ist es gut, wenn wir noch weitere Säulen haben. Wie oben schon ausgeführt, ist klar, die Einkommenssteuer ist dann sicher ein Wegwerfmodell. In der Gegenwart des bedingungslosen Grundeinkommens ist diese nicht mehr brauchbar.

Eigentlich bräuchten wir ja kein Geld zum Leben. Denn dieses kann man nicht essen. Bis wir das begriffen und verinnerlicht haben, müssen die Finanzierungsmodelle herhalten. Danach gibt es eh kein Geld mehr und wir organisieren uns anders. Und auch dann ist der Gesetzestext immer noch gültig, denn er spricht von einem Grundeinkommen und nicht von Geld. Ausserdem muss er existenzsichernd sein und die Teilnahme am sozialen und kulturellen Leben ermöglichen und nennt nicht den dafür nötigen Betrag.

Als PS. noch die „Drecksarbeiten“ die schlecht bezahlten. Herr Berstet hat ja Angst, die macht keiner mehr für wenig Geld. So wird es sein. Ich träume mal. Die Müllberge stauen sich wie einst in Neapel. Überall stinkt es. Nun werden die innovativen Ingenieure zusammen mit den Rendite witternden Kapitalisten einen Roboter entwickeln, der diese Müllberge wegräumt. Die schockierten, etwas weiterdenkenden Bürger werden sich zusammensetzen und beschliessen, ab jetzt alles zu fördern, was Müll vermeidet und müllfreie Zonen (Gemeinden, Lebensräume) definieren. Mal sehen, wer schneller ist. Vielleicht gehören ja auch die Roboter dann bald zum Müll.

Sieglinde Lorz

Zum Begriff der nachhaltigen Entwicklung

Umweltschutz auf Neoliberal – der Brundtlandbericht
1982 scheiterte der zweite UN-Weltgipfel für Umwelt und Entwicklung in Nairobi. Er wird heute in der Liste der großen Umweltkonferenzen gar nicht mehr aufgeführt. Aber die UNO konnte der Weltöffentlichkeit die brutale Tatsache nicht unverhüllt zumuten, dass die Umwelt in einer neoliberal regierten Welt kein Thema mehr war. Deshalb vertraute sie 1983 der neu geschaffenen Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, der sogenannten Brundtlandkommission, die Aufgabe an, einen Bericht zu langfristig tragfähiger, umweltschonender Entwicklung im Weltmaßstab bis zum Jahr 2000 und darüber hinaus zu erarbeiten.(1)

Der Kommission gehörten einundzwanzig Mitglieder an; unter ihnen William Doyle Ruckelshaus, Direktor der US-Umweltbehörde EPA unter Nixon und später unter Reagan; Maurice Strong, der in der Erdölindustrie und Wasserversorgungsindustrie Karriere gemacht hatte, später Generalsekretär des Weltgipfels Rio 1992 wurde und beste, sehr breit angelegte Beziehungen zur Wirtschaft hatte; Saburo Okita, ehemaliger japanischer Außenminister und einer der Architekten des japanischen «Wirtschaftswunders»; Susanna Agnelli, Schwester des Vorstandsvorsitzenden von Fiat. Die Brundtlandkommission publizierte 1987 den Bericht «Our Common Future», der den Begriff der nachhaltigen Entwicklung im Bewusstsein der Weltöffentlichkeit verankerte.(2) Die Unterzeichnenden galten damals in Sachen Umweltschutz als Visionäre, die der Welt die Möglichkeit aufzeigten, die scheinbar gegensätzlichen Bedürfnisse von Umweltschutz und Entwicklung zu versöhnen. Der Bericht erhielt viel Beifall und weckte große Hoffnungen. Aber er war nichts anderes als die Festschreibung neoliberaler Grundsätze in den Bereichen Umweltschutz und Entwicklung. Die Kommission war offensichtlich darum bemüht, die neoliberal geprägte Globalisierung mit gut gemeinten Appellen humaner zu gestalten als bisher. Aber ihr eigentliches Ziel war die ungehinderte Fortführung des Globalisierungsprozesses. Wirtschaftswachstum, Freihandel und Zusammenarbeit der Entwicklungsländer mit den transnationalen Konzernen wurden als Rezepte für eine bessere Zukunft vorgeschlagen. Im Bericht erschienen die Probleme in Umwelt- und Entwicklungspolitik nicht als Folgen der globalen Machtungleichgewichte, sondern sie wurden wie Störungen dargestellt, die beim Betrieb einer noch nicht perfekt funktionierenden Maschine auftreten können und die man beheben muss. Nirgends im Text wurde die Globalisierung als das Herrschaftsprojekt vorgestellt, das sie von Anfang an war. «Unsere gemeinsame Zukunft» war die theoretische Rechtfertigung der neoliberalen Hegemonie, wie sie sich einige Jahre vorher durchgesetzt hatte. Vielleicht hatten es die redlichsten Mitglieder der Kommission anders gemeint; aber die Zukunft, von der sie sprachen, hatte längst begonnen. Und der Begriff der nachhaltigen Entwicklung wurde fünf Jahre später zum Schlüsselbegriff für den Weltgipfel von Rio 1992.

Agenda 21
Mitte 1990 lud Maurice Strong, Generalsekretär der UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung, den Schweizer Industriellen Stephan Schmidheiny ein, sein Hauptberater für Fragen der Wirtschaft und der Industrie zu werden. Schmidheiny gründete den «Unternehmerrat für nachhaltige Entwicklung» (Business Council for Sustainable Development BCSD) und erreichte, dass 47 führende Industrielle aus der ganzen Welt diesem Rat beitraten. Das erklärte Ziel von Strong und Schmidheiny war es, der Industrie an der Konferenz von Rio die Hauptrolle zuzuweisen. Ihnen war klar, dass internationale Umweltpolitik in den Chefetagen der großen Konzerne entworfen und von dort aus gesteuert werden sollte. Im Mittelpunkt von Schmidheinys Aktivitäten stand der Begriff der nachhaltigen Entwicklung. Für diesen Begriff gilt, was der französische Philosoph Bertrand Méheust 2009 für viele im Neoliberalismus verwendete Begriffe festgestellt hat: Sie vereinen einen unversöhnlichen Gegensatz in einem einzigen Ausdruck und lassen so den Gegensatz als versöhnt erscheinen. Sie lassen uns glauben, ein bisher unlösbares Problem werde dadurch lösbar, dass ihm ein solcher Begriff, ein Oxymoron, übergestülpt wird.(3) Wenn wirtschaftliche Entwicklung gleichbedeutend mit Wachstum ist, kann sie nur dann nachhaltig im ursprünglichen Sinne des Wortes sein, wenn die Ressourcenproduktivität im gleichen Maße zunimmt wie die Produktion oder wenn der Vorrat an Ressourcen seinerseits wächst. Beides ist nach den bisherigen Erfahrungen praktisch nie der Fall. Nachhaltige Entwicklung ist ein Oxymoron im Dienste der neoliberalen Propaganda, das mit der ökonomischen Realität nichts zu tun hat – ein typisches Beispiel für neoliberalen Neusprech. Es wurde der Welt nach der Konferenz von Rio 1992 unter dem Diktat der Konzerne als Leitbegriff der internationalen Umweltpolitik aufgezwungen. Der Begriff hatte damals schon eine lange Geschichte hinter sich. Er musste den neutraleren Begriff der Ökoentwicklung ersetzen, der an der Konferenz von Stockholm 1972 verwendet worden war. Henry Kissinger persönlich forderte, dass nicht mehr von Ökoentwicklung gesprochen werde. Die Brundtlandkommission führte 1987 die nachhaltige Entwicklung als weltweit anerkannten Grundsatz in die Umwelt- und Entwicklungspolitik ein. 1992 publizierte Schmidheiny sein Buch «Kurswechsel»(4), um den Verlauf der Konferenz von Rio in seinem Sinne zu beeinflussen. Darin stellte er die freie Marktwirtschaft als das einzig mögliche Instrument für nachhaltige Entwicklung dar. Dem BCSD, der später zum World Business Council for Sustainable Development WBCSD erweitert wurde, war die Einwurzelung des Begriffs im Bewusstsein der Weltöffentlichkeit so wichtig, dass er sich entscheidend an Planung und Finanzierung der Konferenz von Rio 1992 beteiligte.

Die Konferenz hat unter dem Titel «Agenda 21» ein 360-seitiges Dokument veröffentlicht. Es war als Anweisung zur weltweiten Umsetzung des Programms der nachhaltigen Entwicklung gedacht. Es enthielt keine verbindlichen Beschlüsse, sondern bloß Empfehlungen. Es gab und gibt denn auch keine rechtlichen Mittel zur Durchsetzung der Ziele der Agenda 21. Das Antasten von bestehenden Machtverhältnissen war im Dokument Tabu. Sowohl Gentechnik in der Landwirtschaft als auch Atomkraftwerke erschienen im Bericht als unverzichtbare Instrumente der nachhaltigen Entwicklung. Die Führungsrolle der transnationalen Konzerne wurde zur Grundlage der internationalen Umwelt- und Entwicklungspolitik gemacht. Weder WTO (damals noch GATT) noch IWF oder Weltbank wurden in irgendeiner Weise auf nachhaltiges Handeln verpflichtet. Insgesamt wurde Natur nur insofern wahrgenommen und dargestellt, als sie ökonomisierbar ist. Der Umsetzungsprozess verlief konsequent von oben nach unten. Das bedeutete, dass die Ziele im Wesentlichen in den Konzernzentralen bestimmt und dann an der Konferenz von Rio beschlossen wurden. Von dort gelangten sie als «Agenda 21» an die beteiligten Staaten, die ihrerseits die Realisierung an die Gemeinden delegieren sollten. Dies alles geschah auf freiwilliger Basis oder geschah eben nicht. Millionen von Menschen ließen sich in lokalen Programmen der Agenda 21 beschäftigen und hofften, durch ihre Freiwilligenarbeit etwas zur Rettung des Planeten beizutragen. Obwohl die lokale Agenda 21 nicht ganz ergebnislos geblieben ist, muss doch festgestellt werden, dass man in Sachen Umweltschutz in den zwanzig Jahren nach Rio 1992 kaum irgendwo über die seit Jahrzehnten andauernde «Hofferei»(5) hinausgelangt ist. Das Hauptziel der Großkonzerne, nämlich das ungehinderte Weiterwirtschaften unter dem Motto der «nachhaltigen Entwicklung», war zwar erreicht. Aber für Umwelt und Klima sind nach Rio 1992 zwanzig wertvolle Jahre verloren gegangen.

Ernst Schmitter

Quellennachweis:
(1) Ich folge in diesem Abschnitt der Darstellung von Aurélien Bernier in seinem leider nicht auf Deutsch übersetzten Buch «Comment la mondialisation a tué l’écologie“, Ed. Mille et une Nuits, Paris 2012.

(2) Der Begriff der Nachhaltigkeit stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft und bedeutet, dass nicht mehr Holz geschlagen wird, als nachwachsen kann. Er wurde von verschiedenen Institutionen übernommen, unter anderem von der Brundtlandkommission. In ihrem Bericht wird nachhaltige Entwicklung folgendermaßen definiert: «Entwicklung zukunftsfähig zu machen, heißt, dass die gegenwärtige Generation ihre Bedürfnisse befriedigt, ohne die Fähigkeit der zukünftigen Generation zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen zu können.» Schon bald wurde der Begriff von Wirtschaftsvertretern systematisch missbraucht. Im heutigen Sprachgebrauch ist «nachhaltig» oft gleichbedeutend mit «dauernd, anhaltend», was einer fast vollständigen Verkehrung der ursprünglichen Bedeutung in ihr Gegenteil gleichkommt.

(3) Bertrand Méheust, La politique de l’oxymore, Ed. La Découverte, Paris 2009

(4) Stephan Schmidheiny, Kurswechsel – Globale unternehmerische Perspektiven für Entwicklung und Umwelt, Artemis und Winkler, München 1992

(5) Der Ausdruck stammt vom Politikwissenschaftler Wolf-Dieter Narr.