Wachstumskritik oder Nachhaltigkeitstheater an der Uni Bern?

Zur Zeit findet eine Veranstaltungsreihe an der Uni in Bern statt mit dem Titel „Nachhaltigkeit und Wirtschaftswachstum – Ein Widerspruch?“. Vielversprechend, wenn man sich selber zu den Wachstumskritikern zählt. Ein Blick auf die Referentenliste dämpft allerdings schon ein wenig die Erwartung auf eine kritische Auseinandersetzung. An der Veranstaltung mit dem Schwerpunkt „Wirtschaftswachstum für den Wohlstand“ war ich dabei. Nur einer von  fünf Referenten konnte als wachstumskritisch gelten: Herr Prof. Dr. Mathias Binswanger. Nicht gerade ausgewogen.

Prof. Dr. Aymo Brunetti beschäftigte sich mit den Antworten auf die unberechtigte Kritik am Wirtschaftswachstum. Er hielt nur einen der häufigen Kritikpunkte (die er selber definierte) für „ernst zu nehmend“: den im Bezug auf die Umwelt. Das ökonomische Lösungsinstrument liegt schon bereit – die Lenkungsabgaben. Leider sind diese politisch kaum durchzusetzen. Unumstritten ist für Herrn Brunetti, dass Wachstum allen Menschen ein besseres Leben ermöglicht. Gleichzeitig gibt er aber auch zu, dass es eine Kluft zwischen Arm und Reich erzeugt, die grösser und ungerechter wird. Als Lösungsinstrument für die Umverteilung sieht er – Revolutionen!? Herr Brunetti, wenn Menschen, die von der Macht des Kapitals anhängig sind, eine Revolution starten müssen, um ihr Überleben zu sichern, was machen dann die Mächtigen? Verteilen sie Geld oder hagelt es Kugeln?
Ein weiteres unumstrittenes Gesetz ist für ihn auch, dass die Bedürfnisse der Menschen unbegrenzt sind. Menschen wollen ja nicht mehr vom Gleichen, sondern immer bessere Qualität und Neues. Zum Glück kam dies in der Podiumsdiskussion noch einmal zur Sprache und Herr Binswanger konnte an die perfekten Mechanismen der Werbung erinnern, welche Bedürfnisse suggerieren und schaffen um des Wachstums willen.
Für Herrn Brunetti ist Innovation die Lösung. Diese setzt auch das physikalische Paradox eines unbegrenzten Wachstums in einem physikalisch begrenzten Raum (Erde) ausser Kraft, es gilt dann eben nicht mehr.

Prof. Dr. Mathias Binswanger war ein wirklicher Lichtblick. Er zeigte, dass die Wachstumswirtschaft erst entstanden ist mit dem Wechsel aus dem Agrarzeitalter, wo der Boden die Grundlage der Wirtschaft war und an sich als Grösse konstant, in das Industriezeitalter mit dem Kapital als Grundlage und Taktgeber, das durch Zins und Zinseszins (und Schulden) unendliches Wachstum suggeriert bzw. theoretisch ermöglicht. Als Glücksforscher zeigt er auf, dass mehr Wachstum nicht mit mehr Wohlstand im Sinne eines subjektiven Wohlbefindens zu tun hat. Glücksempfinden ist immer relativ im Vergleich zu anderen. Je nachdem, wer als Vergleichsperson in meiner Gesellschaft zur Verfügung steht, dient dieser mir als Relation zu meinem Glücksempfinden. Interessant war eine Auswertung, die zeigt, dass in der Schweiz junge Menschen bis 19 und alte Menschen ab 65 eher glücklich sind und die Menschen, die im Arbeitsleben gefangen sind, eher unglücklich. Dazu eine Klammerbemerkung – das Durchschnittsalter der Besucher im Publikum war bei ca. 65. Die in der Wachstumswirtschaft eingebundenen Familienväter und -mütter hatten wohl andere Sorgen an einem Samstagvormittag.
Fazit von Herrn Binswanger war, dass Wachstum um des Wachstumswillen keinen Sinn macht. Glücklicher wird dank des Wachstums keiner.

Ab jetzt ging die Werbeveranstaltung so richtig los.

Zuerst mit Herrn Felix Kunz und einem Hohelied auf den Swiss Innovation Park. Technik ist die Lösung für alle Probleme, Innovation der Weg dahin, denn ohne LCD-Display könnten wir uns unser Leben heute gar nicht mehr vorstellen. Ok?!
Aber es kamen auch ein paar reflektierte Aussagen die man sich durchaus merken kann. Der Energiebedarf steigt erfahrungsgemäß mit dem Wachstum. AKWs und Solarzellen sind nicht nachhaltig. Handys sind innovativ und nachhaltig im Bezug auf den Stromverbrauch. Allerdings steckt darin Kinderarbeit, Krieg um Rohstoffe, Landgrabbing findet statt und viel Giftmüll wird erzeugt. Innovation muss sowohl der Wirtschaft als auch der Umwelt und der Gesellschaft nutzen. Deswegen muss der gesamte Lebenszyklus eines Produktes beachtet werden.

Dann folgte der Werbeblock von Uwe E. Jocham für CSL Behring. Er sprach von Nachhaltigkeit im Bezug auf den Bau von Unternehmensgebäuden, die wundervolle und wertschätzende Atmosphäre für Mitarbeiter. Der Begriff „war for talents“ der für die Abwerbung der Besten von der Konkurrenz steht, passt da nicht so in das idyllische Bild, aber sehr gut zu dem Konkurrenzsystem der Wachstumswirtschaft. Ihre Wachstumsstrategie sind innovative Produkte. Ausserdem können sie ihre Plasmaprodukte in vielen Ländern noch gar nicht verkaufen, da dort erst die Diagnosemöglichkeiten geschaffen werden müssen. Darin wird, wenn ich es richtig verstanden habe, investiert. So wird das Feld bereitet für eine Verdoppelung des Umsatzes von einer Milliarde auf zwei Milliarden. Ich erwähne das hier, weil ich die Mechanismen der Wachstumswirtschaft verdeutlichen möchte. Der Slogan hier lautet – wir retten Leben. Auch die Schaffung von vielen Arbeitsplätzen in der Schweiz als Totschlagargument der Wachstumswirtschaft war Teil des Vortrags.

Nun folgte ein Vortrag von Cornelia Diethelm von der Migros. Sie ging wirklich auf das Thema Wachstum und Nachhaltigkeit ein. Im Fokus standen hier die Zielkonflikte zwischen dem, was die Kunden fordern, wo die Wirtschaftlichkeit gegeben sein muss und wo Nachhaltigkeit ethisch und umweltbedingt wirklich gefordert ist. Migros setzt hier sehr stark auf die Zertifizierung von Lieferanten und deren Schulung. Dies nicht im Alleingang sondern in Zusammenarbeit mit der Konkurrenz, weil damit die positiven Effekte auch wirklich vergrössert bzw. besser durchgesetzt werden können. Allerdings finden sehr wenige Prüfungen über die Einhaltung der Standards statt. Auch kam klar herüber, dass eine Genossenschaft einen Vorteil hat, da sie Gewinne sofort wieder investieren kann und nicht die Gewinnausschüttung für die Kapitalgeber im Vordergrund steht. In der Diskussion später wurde die AG als Unternehmensform von Herrn Binswanger auch in Frage gestellt, weil durch solche Konstrukte die Wirtschaft (ausschliesslich) dem Kapital und dessen Wachstum verpflichtet ist.

Die Diskussion anschliessend war eher mager. Herr Brunetti und Herr Binswanger sassen zwar auf einem Podium, allerdings in unterschiedlichen Welten. Herr Jocham erlebte eine innere Zerrissenheit bei der Frage von Lenkungsabgaben auf CO2 Ausstoss, da dadurch die Globalisierung der Wirtschaft in Frage gestellt wird. Als Person war er klar dafür, doch als Unternehmer (der dem Wachstum verpflichtet ist) konnte er überhaupt nicht dafür sein. Also Nachhaltigkeit nur, wenn es nicht das eigene Wachstum betrifft.

Eine gute Idee konnte ich noch aus dem Innovationspark mitnehmen. Durch die 3D -Drucker kann es so weit kommen, dass Waren erst im Warenhaus vor Ort produziert werden und nur Daten und die Rohstoffe um die Welt geschickt werden. Das Rohstoff- und Müllproblem haben wir damit noch nicht gelöst, aber immerhin haben wir weniger Verkehr. Hatten wir das nicht früher schon, als Handwerker uns das herstellten, was wir wirklich brauchten? Wenn das wieder durch Menschen (nicht Roboter aus der Revolution 4.0) erledigt würde, vielleicht auch noch in einer menschlichen Gemeinschaft, könnte das Spass machen, die Kreativität und Freude fördern und auch noch den Zusammenhalt in der Gemeinschaft. Es würde mehr Zeit dafür benötigt, aber die hätten wir ja, wenn wir nicht mehr sinnlos produzieren und leisten. Auf die wahren Bedürfnisse angewendet, die eher von der Migros abgedeckt werden, würde das heissen, Migros liefert die Grundnahrungsmittel und wir kochen und  backen wieder selber. Vielleicht gemeinschaftlich in den Back- und Kochstuben der Migros Genossenschaft?

Fazit für mich: In einer Wirtschaft, wo Wachstum ein Muss ist und Nachhaltigkeit ein „Luxusproblem“ (Zitat Herr Brunetti), wird es keine Nachhaltigkeit geben. Erst wenn wir das ganze System hinterfragen, werden wir die Antworten finden, die uns auch die Innovation nicht bringen kann. Als Schlusswort möchte ich noch Herrn Binswanger zitieren, als er sich mit Herrn Brunetti in der Frage, wie Ökonomie zu verstehen ist (sie muss Nutzen erzeugen), zwar einig war, aber dann doch fragte: „Macht Wachstum um des Wachstums willen Sinn?“

Sieglinde Lorz

Informationen zur Veranstaltung finden Sie hier http://www.forum.unibe.ch/forumsprojekte/aktuelles_projekt/