Wirtschaftswachstum – Versuch einer begrifflichen Umorientierung

von Gerhard Binggeli, Dr.rer.pol.

Die ökonomische Wachstumsfrage ist schon recht alt: Im Laufe der Jahrhunderte gab es „stationäre Epochen“, Zeiten also, in denen sich die menschliche Gesellschaft mit einem gegebenen wirtschaftlichen Wohlstandsniveau zufrieden gab … ob erzwungenermassen durch die Tyrannei der Zeitumstände oder freiwillig aus einer bestimmten Haltung, einem Bewusstsein, einer Weltanschauung, bleibe dahingestellt.
Dann gab es „dynamische Epochen“, Zeiten also, die veränderungsfreudig waren, Gesellschaften, die für ihre Wirtschaft ganz bewusst Wachstum anstrebten.

Theorie und Praxis

Die nationalökonomischen Theorien begleiteten diese Epochen getreulich durch die Jahrhunderte. Die boshafte Frage, ob ökonomische Theorie Veränderungen in der Wirtschaft auslöse oder ob Veränderungen in der Wirtschaft erst im nachhinein neue ökonomische Theorien gebären, bleibe hier unbeantwortet.

Sicher ist eines: Die wirtschaftlichen Wachstumstheorien der Vergangenheit bis in die Gegenwart haben kaum andere Leute zu interessieren vermocht als eben Fachleute.

Ein Buch macht die grosse Ausnahme:

  • 1972 erschien der 1. Bericht des Club of Rome mit dem Titel Grenzen des Wachstums, ein Bericht, der ein weltweites und weit über die Fachkreise hinausreichendes Echo fand.

Mit Modellrechnungen und Computereinsatz versuchten die Autoren Forrester und Meadows die irdisch-materiellen Grenzen des Wachstums aufzuzeigen. Die Modelle und Rechnungen dieses Berichts sind kompliziert, die Aussagen eigentlich sehr einfach:

  • Unsere natürlichen Ressourcen sind endliche Grössen; wenn wir also weiterwirtschaften wie bisher, gehen Rohstoff- und Energievorräte in absehbarer Zeit zu Ende.
  • Die damit einhergehende Zerstörung der Umwelt bedeutet Zerstörung unseres Lebensraumes schlechthin.

Auf einmal war die Wachstumsfrage vergangener Zeiten zur Wachstumsproblematik geworden. Selbstverständlich wurde dem Bericht des Club of Rome widersprochen: den Grenzen des Wachstums wurde die Zukunft des Wachstums entgegengesetzt. Auf den Römer Bericht folgt die Kritik, auf die Kritik der zweite Bericht und die zweite Kritik … und so weiter.

Die Geister scheiden sich. Vereinfachend können wir sagen, dass zwei Lager entstanden sind:

  • Die Wachstumsbefürworter,
  • die Wachstumsgegner.

Die Wachstumsbefürworter argumentieren, dass die heute gesteckten gesellschaftspolitischen Ziele, wie zum Beispiel Vollbeschäftigung, ausreichende Altersvorsorge, Krankenversicherungen, Arbeitszeitreduktion usw., ja dass selbst ein ausreichender Umweltschutz nur über zusätzliches wirtschaftliches Wachstum zu erreichen seien.

Diese Gruppe ist konsequenterweise auch fortschrittsgläubig in einem technologischen Sinn: Fehlende Rohstoffe, fehlende Energiequellen werden dank neuen Technologien ihren Ersatz finden. Diese Leute halten sich an den Grundsatz des englischen Historikers Toynbee „Challenge and Response“. Der Mensch hat im Laufe seiner bisherigen Geschichte auf jede Herausforderung eine Antwort gefunden.

Die Wachstumsgegner haben es schwieriger; ihnen fehlt der technische Fortschrittsglaube. Schliesslich sind die grossen Probleme dieser Zeit durch Wissenschaft und die wirtschaftliche Nutzung technischer Möglichkeiten heraufbeschworen worden:

  • Umweltzerstörung in all ihren Formen, Rohstoff- und Energieverzehr, Bevölkerungsexplosion.
  • Wie also sollen die ökonomisch ausgerichtete Wissenschaft und die hypertrophierte industrielle Technik die Probleme lösen, deren Ursache sie recht eigentlich sind?

Die Wachstumsgegner (milder ausgedrückt die Wachstums-Skeptiker) haben es also schwieriger. Der erste Bericht des Club of Rome traf uns in einer Phase der Hochkonjunktur, der wirtschaftlichen Überhitzung mit sichtbaren Exzessen. Inzwischen aber hat es Rezessionen gegeben. In diesen Phasen Zweifel am Wachstum anzumelden ist eine heisse Sache. Man stelle sich den Politiker vor, der angesichts hoher Arbeitslosenquoten für Nullwachstum eintritt, ohne dabei politischen Selbstmord zu begehen.

Wer hat nun schliesslich recht, die Wachstumsgläubigen oder die Skeptiker?

Wie mir scheint, hat man sich bis heute nur ungenügend mit dem Begriff „Wachstum“ auseinandergesetzt. Ich möchte hier versuchen, das Problem „Wachstum“ vom Begrifflichen her anzugehen.

Ich bin nicht Biologe. Aber es scheint mir nützlich zu sein, den Wachstumsbegriff, wie ihn die Biologie kennt, an den Anfang unserer weiteren Überlegungen zu stellen:

  1. Die Biologie versteht unter Wachstum eine irreversible, also nicht umkehrbare Vergrösserung eines Organismus oder eines einzelnen Organs. Wassereinlagerungen, Schwellungen, Fettansätze und andere Speichervorgänge rechnet die Biologie nicht zum Wachstum.
  2. Beim biologischen Wachstum werden stoffliche Teile der Aussenwelt in den Stoffwechsel des Organismus einbezogen; dies vollzieht sich in einem Kreislauf: Der Organismus lebt in einem Fliessgleichgewicht mit seiner Umwelt.
  3. Biologisches Wachstum ist durch innere (entwicklungsphysiologische und genetische) Faktoren bestimmt. Ein Beispiel:
  • Im Samen einer Pflanze ist der Endzustand (ihr Erfüllungszustand) vorprogrammiert; die endgültige Grösse also, die Struktur und Form, ja sogar so wunderbare Dinge wie Farbe und Duft einer Rose sind im Wachstumskeim angelegt.
  • In der Philosophie nennen wir diesen Sachverhalt Entelechie. Das heisst:
  • Das Ziel von etwas Werdenden ist in diesem Werdenden selbst vorgegeben.
  • Wenn biologisches Wachstum bei Erreichen der normalerweise endgültigen Grösse nicht aufhört, sind wir zutiefst beunruhigt: Ein Mensch, der bei zwei Metern Grösse nicht zu wachsen aufhört, setzt sich selbst und seine Umwelt in Panik.
  • Und noch etwas: Wenn biologisches Wachstum unstrukturiert stattfindet, wenn etwa bei der Zellteilung nicht vorgegebene Formen und Strukturen entstehen, sondern gestaltloses Wachstum geschieht, so nennen wir dies nicht Wachstum, sondern … Wucher. In der Biologie bedeutet dies Krankheit und Zerfall, etwa beim Krebs.

Ich fasse die drei Punkte dieses biologischen Wachstumsbegriffs zusammen:

  1. Biologisches Wachstum ist ein irreversibler (nicht umkehrbarer) Prozess.
  2. Der wachsende Organismus befindet sich in einem Gleichgewicht zu seiner Umwelt.
  3. Der Wachstumskeim hat entelechische Eigenschaften: Nicht nur Beginn, Ablauf und Ende des Wachstums sind vorprogrammiert, sondern auch der hochkomplexe, hochdifferenzierte, voll durchstrukturierte Endzustand.

Wie sieht das nun in der Wirtschaft aus? Die aktuelle Theorie unterscheidet zwei Betrachtungsweisen:

  • Wachstum als unternehmungswirtschaftlicher Begriff.
  • Wachstum als volkswirtschaftlicher Begriff.

Wenn wir nun nach klaren Umschreibungen der beiden Begriffe Ausschau halten, stellen wir ein  beträchtliches Defizit fest. Es gibt zwar eine Menge mehr oder weniger gescheite Wachstumstheorien, aber niemand ist offenbar bereit, Wirtschaftswachstum definitorisch zu fixieren. Bereits 1961 hat George Young gesagt:

„Growth is one of he most frequently used yet least welldefined words in the business dictionary.“

Also: Wachstum ist eines der am häufigsten und doch am schlechtesten definierten Wörter im Wirtschaftslexikon.

Es gilt auch hier das Goethe-Wort: „Denn eben, wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein“.

Das Wort Wirtschaftswachstum, so, wie es heute in Theorien und Diskussionen gebraucht wird, unterscheidet sich in allen drei dargelegten Punkten vom biologischen Wachstum.

  1. Wirtschaftswachstum ist ein reversibler Prozess: Einzelne Unternehmungen, Wirtschaftszweige oder ganze Volkswirtschaften können wachsen oder schrumpfen. Allerdings ist unsere wirtschaftliche Welt derart wachstumsgläubig, dass man in Rezessionen, statt das Schrumpfen zuzugeben, den blödsinnigen Begriff Negativwachstum prägte. Mit einiger sprachlogischer Konsequenz müsste man dann für das Gegenteil den Begriff Positivschrumpfen erfinden. (…)
  2. Die Wirtschaft befindet sich kaum in einem Geichgewichtszustand zur Umwelt. (…) Ernst Bloch hat es einmal sehr krass formuliert:
    „Unsere industrielle Technik steht in der Natur wie eine Besatzungsarmee im Feindesland.“
  3. Weder Einzelunternehmungen, noch Wirtschaftszweige, noch Volkswirtschaften folgen der entelechischen Idee eines strukturierten Endzustandes. Wenn diese wirtschaftlichen Gebilde expandieren, so brauchen wir dafür das Wort Wachstum … für diese Art des Draufloswachsens ohne die Zielvorgabe einer endgültigen Grösse und Gestalt, braucht die Biologie nicht das Wort Wachstum, sondern das Wort Wucher.

Man muss sich also fragen, wie man für die Expansionsprozesse, so wie sie einzel- oder gesamtwirtschaftlich stattfinden, überhaupt den Begriff Wachstum aus der Naturbeobachtung entlehnen konnte. Das inhaltsmagere und unverbindliche Wort Expansion wäre passender.

Aber nun ist es eben so: Das Wort Wachstum hat sich unternehmungswirtschaftlich und  volkswirtschaftlich eingebürgert – sauber definiert ist es immer noch nicht.

Nehmen wir zuerst den unternehmungs-wirtschaftlichen Wachstumsbegriff:

Mangels klarer Definition arbeitet man mit Indikatoren zur Erfassung der Unternehmungsgrössen und deren Wachstum. Die Autoren Kortzfleisch und Zahn verwenden folgende Masseinheiten zur Repräsentation der Unternehmungsgrösse:

Unternehmungswirtschaftliches Wachstum liegt demnach dann vor, wenn diese Massgrössen einzeln oder gesamthaft rein quantitativ im zeitlichen Ablauf einen Zuwachs aufweisen. Wie man überhaupt sauber misst (vor allem die immateriellen Massgrössen) und wie man die einzelnen Grössen bei der Gesamtbeurteilung bewertet, darüber besteht nicht die geringste Übereinstimmung. Die Sache wird dann besonders widersprüchlich, wenn einzelne Grössen perfiderweise gegenläufige Abläufe zeigen.

Immerhin: Umsatzzahlen, Bilanzsummen, Beschäftigtenzahlen gelten als einigermassen aussagekräftig. Diese Art von Wachstum ergibt sich aus der Eigendynamik einer gut geführten Unternehmung. Unternehmungswirtschaftliches Wachstum ergibt sich aber auch durch Unternehmungsverbindungen, also durch Kartellierung, Vertrustung, Konzernbildung. Zur Illustration kann man das Organigramm oder die Beteiligungsliste eines beliebigen Konzerns zur Hand nehmen. Aus Platzgründen sei hier darauf verzichtet.

So oder so entstehen aber Mammutgebilde, die national oder international operieren. Angesichts dieser gewaltigen Kapitalverflechtungen denkt man unweigerlich an den von Marx für den Kapitalismus prognostizierten Prozess der Eigentumskonzentration; dies trifft nun interessanterweise kaum zu. Das Eigentum am Produktionsfaktor Kapital zeigt die Tendenz zu breiterer Streuung, vor allem, wenn man das Anlageverhalten der Sozialversicherungen mitberücksichtigt. Für die USA hat Prof. P.F. Drucker bereits 1985 geschätzt, dass rund 50 %des US-Aktienkapitals im Besitz der Sozialversicherungen sind.

Nicht die Eigentumskonzentration dieser ins Riesenhafte gewachsenen Unternehmungen ist bedrohlich, sondern ihre Machtkonzentration; wenn wir allgemein ein steigendes Unbehagen gegenüber diesen Gebilden registrieren, dann ist dies kaum wegen der Eigentumsfrage am Kapital, sondern wegen derer Machtfülle, wegen ihrer undurchsichtigen, anonymen Organisation, in welcher sich der Einzelne als kleines, bedeutungsloses, austauschbares und ausgeliefertes Teilchen vorkommen muss. Der berüchtigte Entfremdungsprozess findet eben nicht nur in der industriellen Fertigungsweise unserer Zeit statt, sondern zunehmend in der Anonymität der gigantischen Organisationen.

Prof. Wolfgang Engels von der Frankfurter Universität sagt es in einem Satz:

  • Die Lebensqualität der Menschen wir von der grossen Organisation (der staatlichen wie der privaten) bedroht.

Man kann argumentieren, dass solche Konzentrationen notwendig seien, um effizient zu bleiben, um rationalisieren zu können, um Forschung voranzutreiben, um binnenwirtschaftllich und an den Weltmärkten konkurrenzfähig zu bleiben usw. Eine Untersuchung des Internationalen Instituts für Management und Verwaltung im Wissenschaftszentrum Berlin widerlegt diese Argumentation eindeutig: In allen untersuchten Ländern brachten Unternehmungszusammenschlüsse nirgends

merkliche Ertragsverbesserungen; in den Niederlanden, Frankreich und Schweden ergaben sich sogar schlechtere Erträge im Vergleich zu jenen von nichtfusionierten Kontrollgruppen. Auch führten die Fusionen weder zu Preissenkungen noch zu höheren Umsätzen.

Wozu wird dann also fusioniert? Wozu werden durch Unternehmungszusammenschlüsse so kolossale Gebilde in die Welt gesetzt? Wenn die Berliner Untersuchung stimmt, dann scheiden rationale wirtschaftliche Motive aus, und dann bleibt nur noch eine triste Antwort möglich:

  • Fusionen sind das Resultat eines wirtschaftlichen Grössenwahnsinns, einer ökonomischen Megalomanie …

Und damit stellt sich natürlich die Frage nach einem sinnvollen unternehmungswirtschaftlichen Wachstum. Wie soll denn eine Unternehmung wachsen? Zu welcher Grösse soll sie anwachsen? Und welche Gestalt soll sie annehmen? Antworten auf diese Frage finden wir wohl nur, wenn wir die erwähnte Idee der Entelechie in unsere Überlegungen einbeziehen.
Dies bedeutet, dass wir uns bereits in der Phase der Unternehmungsgründung eine Vorstellung über die endgültige Grösse dieser Unternehmung machen müssen, die optimierte Grösse, die wünschbare Grösse.

Wir müssen lernen, so etwas wie eine optimale Unternehmungsgrösse als Unternehmungsziel zu formulieren. Diese statische und flexibel zu handhabende Zielvorgabe in Bezug auf die Grösse der Unternehmung schliesst qualitative Dynamik der Unternehmungsführung nicht aus.

Der Begriff der optimalen Betriebsgrösse ist in der Unternehmungswirtschaftslehre schon lange geläufig; er ergibt sich aus den Begriffen Kostenoptimierung, Ertragsoptimierung, Gewinnoptimierung.
Eine Antwort auf die Frage einer optimalen Betriebs- und Unternehmungsgrösse ist aber auch von einer ganz anderen Seite her möglich:

  • Ein Betrieb, eine Unternehmung, eine Organisation kann nämlich auch menschenoptimal, also menschlich sein.

Hier müssten uns Betriebspsychologie und Betriebssoziologie die dringend benötigten Antworten liefern.

(…)

Soviel zum unternehmungswirtschaftlichen Wachstum. Kommen wir zum volkswirtschaftlichen Wachstum:

Als Messgrösse des gesamtwirtschaftlichen Wachstumsprozesses nimmt man das Bruttosozialprodukt, also den Jahres-Output einer Volkswirtschaft an Gütern und Dienstleistungen. Erfolgreiche Volkwirtschaften und damit erfolgreiche Völker misst man an den Zuwachsraten des Sozialprodukts.

Steigender Ausstoss an Gütern und Diensten bei gleichzeitiger Reduktion der Arbeitszeit … das ist das euphorische Wachstumsbild.

Solches Wachstum ist möglich durch den technischen Fortschritt und die dadurch gesteigerte Produktivität.

Und auf der ökonomischen These von der Substituierbarkeit der Produktionsfaktoren Boden, Arbeit und Kapital lässt sich ein ebenso euphorisches Zukunftsbild entwerfen:

Die menschliche Urgesellschaft auf der Stufe der Jäger- und Sammlergemeinschaft kombiniert die Faktoren Boden und Arbeit, um so zu Konsumgütern zu gelangen.

Der aus Boden und Arbeit abgeleitete Faktor Kapital vergrössert und/oder reduziert den notwendigen Einsatz des Faktors Arbeit:

Je mehr technischer Fortschritt, desto mehr Kapitaleinsatz. Im theoretischen Grenzfall ergibt sich der folgende Endzustand

Es werden nur noch Boden und Kapital kombiniert, und trotzdem ist eine reiche Versorgung mit Konsumgütern sichergestellt … die perfekte Freizeit-, Konsum- und Überflussgesellschaft ist da.

In diese euphorische Wachstumsstimmmung kam nun in den späten Sechzigerjahren die Verunsicherung durch eine neue, kritische und vor allem nicht mit dem Trauma der Weltwirtschaftskrise der Dreissigerjahre und dem Trauma des Zweiten Weltkriegs belastete Generation.

Das Bruttosozialprodukt als Wohlstandsmesser oder gar als Wohlfahrtsmesser wurde angezweifelt; die Konsumgesellschaft wurde als Verschleiss- und Wegwerfgesellschaft apostrophiert, und ein Wachstum, welches das Bruttosozialprodukt zum Mass aller Dinge erhob, wurde abgelehnt. Das neu erfundene Wort Lebensqualität beherrschte plötzlich Literatur und Diskussion.

Aber hier zeigte sich einmal mehr: Ein neues Wort erfinden ist eines; einen neuen Begriff sauber definieren ein anderes. Das Sozialprodukt ist redlich definiert; eine klare Definition von Lebensqualität steht bis heute aus. Nach gewissen Fachleuten ist eine Definition von Lebensqualität gar nicht möglich. Trotzdem hat man versucht, Lebensqualität zu quantifizieren, und zwar anhand sogenannter sozialer Indikatoren, wie sie zum Beispiel die OECD ausgearbeitet hat:

  • Gesundheit
  • Bildung/Ausbildung
  • Arbeit
  • Freizeit
  • Verfügung über Sachgüter und Dienste, also Wohlstand im bisher definierten Sinn
  • Umwelt
  • Persönliche Sicherheit und Rechtsausübung
  • Gemeinschaftsleben

Dies sind nur die Hauptzielbereiche; die OECD arbeitet mit insgesamt 24 Hauptindikatoren. Wenn wir nun Lebensqualität mit diesen Indikatoren quantifizieren, so stellen sich analoge Probleme, wie wir sie schon bei den Messgrössen zur Darstellung der Unternehmungsgrösse gesehen haben.

Die immateriellen Indikatoren sind kaum quantifizierbar, die verschiedenen Indikatoren haben verschiedene Stellenwerte, einzelne weisen sogar gegenläufige Entwicklungen auf, so dass eine Gesamtbewertung von Lebensqualität mehr als fragwürdig ist.

  • Volkswirtschaftliches Wachstum als Wohlstandswachstum im Sinne einer Zunahme des Sozialprodukts ist messbar.
  • Wohlstandswachstum im Sinne einer Zunahme der Lebensqualität ist (wenigstens vorläufig) nicht messbar.

(…)

Müssen wir denn überhaupt messen? Das wäre hier die naive Frage. Die Antwort: Wir müssen!

Wenn wir wissen wollen, welche Entwicklungen unser Systeme, unsere Gesellschaften, unsere Wirtschaften durchlaufen, dann müssen wir vergleichen. Dann müssen wir zeitlich vergleichen, also Gestern-heute-Zustände messen. Dann müssen wir global vergleichen, also aktuelle Zustände in den verschiedenen Systemen, Ländern, Gesellschaften messen.

Was nun, wenn die Massstäbe fehlen?

In diese Situation platzte 1972 der erste Bericht des Club of Rome; und wenig später, gleichsam zur Illustration des Berichts, tat die erste Erdölkrise ihre ernüchternde Wirkung.

Plötzlich wurden von einer ganz anderen Seite her Massstäbe gesetzt: Die Endlichkeit der Ressourcen (Rohstoffe und Energie) wurde deutlich, die Grenzen des Wachstums wurden sichtbar.

Die schöne Gedankenspielerei mit der Substituierbarkeit der Produktionsfaktoren Boden, Arbeit und Kapital drehte in bitteren Ernst. Rein mengenmässig kann man den Faktor Boden wohl als Konstante in dieses Kalkül einsetzen. Boden aber ist mehr als Fläche; Boden ist Umwelt des Menschen in einem physikalischen/biologischen Sinn, ist belebte und unbelebte Natur, in welcher sich der Mensch bewegt, Boden ist Bau-, Anbau- und Abbaufläche. Und mindestens da, wo die Abbaufläche betroffen ist, bedeutet jedes Wachstum in der Produktion von Konsum- und/oder Produktivgütern eine Reduktion des Faktors Boden:

Der Traum von der Konsum-, Überfluss- und Freizeitgesellschaft wird zum Albtraum.

Die Warnschüsse des ersten Berichts des Club of Rome und der Erdölkrise verhallten nicht ungehört; das Echo war ein doppeltes: Auf der einen Seite (wie eingangs geschildert) Kritik am Römer Bericht, Kritik aber auch an der Politik der OPEC, auf der andern Seite die Geburt eines neuen Schlagwortes: Nullwachstum.

Was heisst nun Nullwachstum? Wenn schon Wachstumsdefinition und Wachstumsmassstab fehlen, wird Nullwachstum zum völlig nebulösen Begriff. Nun erinnert man sich an den guten alten gesamtwirtschaftlichen Wachstumsbegriff: Wirtschaftswachstum = Wachstum des Sozialprodukts.

Nullwachstum heisst demnach, dass jede Volkswirtschaft ihr Sozialprodukt auf dem bisherigen Stand stabilisiert, bedeutet, dass sich alle Völker dieser Erde mit dem bisherigen Versorgungsgrad an Gütern und Diensten zu begnügen haben.

Eine ungeheuerliche Forderung, denn sie bedeutet, dass die wirtschaftlich entwickelten Völker ihre bisherige umweltbelastende, rohstoff- und energieverzehrende Wirtschaftsweise auch in Zukunft weiterführen dürfen, bedeutet andrerseits, dass in Ländern der Dritten und Vierten Welt Hunger und Elend für die Zukunft abgesegnet wären.

Was dann, wenn nicht Nullwachstum?

Wir sollten den alten, scheinbar untauglichen Wachstumsbegriff wieder aufnehmen:

Wir definieren Wirtschaft als die Summe aller Massnahmen und Einrichtungen für die Versorgung des Menschen mit Sachgütern und Diensten.

Mit dem Sozialprodukt messen wir den Versorgungsgrad eines Volkes mit wirtschaftlichen Gütern; nicht Glück, Wohlfahrt oder Lebensqualität, sondern nur gerade mit wirtschaftlichen Gütern. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Aber wir sollten diesen Wachstumsbegriff mit der eingangs erwähnten Idee der Entelechie ausrüsten.

Wir müssen also die Ziele des Wachstums formulieren, wir müssen einsehen lernen, dass es einen optimalen Versorungsgrad eines Volkes mit wirtschaftlichen Gütern gibt, und dass eine Überschreitung dieses Optimums eine Schmälerung der Lebensqualität bedeutet.

Mit der Idee eines wirtschaftlichen Existenzminimums haben wir uns längst vertraut gemacht. Noch ist dieses Existenzminimum für viele Völker nicht erreicht: Hier ist Wirtschaftswachstum am Platz, hinauf auf ein Existenzminimum, das sogar regional definiert werden kann.

  • Die Idee eines wirtschaftlichen Existenzminimums ist uns, wie gesagt, vertraut.
  • Die Idee eines wirtschaftlichen Existenzoptimums ist uns fremd.

Auch ein Existenzoptimum kann man regional formulieren, als Resultat einer interdisziplinären Zusammenarbeit von Ökonomen, Ökologen, Soziologen, Psychologen.

Das heisst:

Der Begriff Wirtschaftswachstum ist neu entelechisch zu fassen.

Und das heisst:

Jede Wirtschaft ist auf einen grössenmässig und strukturell definierten Endzustand auszurichten.

Zum Schluss noch einmal der Vergleich Ist-Zustand und Sollzustand:

Bis heute ist Wirtschaftswachstum nichts als gestaltlose, orientierungslose Expansion ohne Zielvorgabe der Endgrössen und Endstrukturen.

Was wir brauchen sind Wirtschaften mit vordefinierten Dimensionen und Strukturen: Entelechisches Wachstum.

Geben wir das Schlusswort einem Biologen, Konrad Lorenz:

Der Irrglaube an ein ins Unendliche weiterwucherndes Wachstum von Wirtschaft und industrieller Technik trägt eindeutig die Züge einer Massenneurose. Neurosen aber sind dadurch heilbar, dass man dem Patienten ihre Ursache und ihre inneren Strukturen zum Bewusstsein bringt.


Dr. Gerhard Binggeli
Ehemaliger Dozent an der Ingenieurschule Burgdorf
Dieser Artikel erschien bereits am 8. Juli 1980 in der Wöchentlichen Industrie- und Handelszeitung „Technische Rundschau“.

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Lange Arbeitswege bestrafen

Heute wird viel darüber diskutiert, welcher Arbeitsweg zumutbar ist, damit aus einem Arbeitslosen oder einen Sozialhilfeempfänger ein Lohnarbeiter wird. Weil alle und jeder müssen einer Erwerbstätigkeit nachgehen, nach dem höchsten Motto der Politik: ein Recht (und vor allem eine Pflicht) auf Lohnarbeit für alle.
Nun ja, aber wie wir wissen, haben wir zu viel Verkehr, unser Fussabdruck braucht 2.5 Planeten und der Stress frisst unsere Gesundheit mehr und mehr auf. Das alles kurbelt zwar die Wirtschaft an, doch es entzieht uns Menschen auch ganz sicher unsere Lebensgrundlage.

Also lasst uns doch jeden Arbeitsweg, der länger als 30 km beträgt, mit einer Lenkungsabgabe bestrafen. Jawohl, wer uns allen mehr Schaden zumutet als 30 km Pendeln ausmacht, soll saftig dafür zahlen!
Ab jetzt heisst es auf dem RAV, auf dem Soz, in der Presse, in der Nachbarschaft und Verwandtschaft, wie du pendelst länger als 30 km? Schäm dich du Schmarotzer!

Nun sind die Grünen und auch die Sozialen gerne bereit, den öffentlichen Verkehr gegenüber dem Individualverkehr zu fördern. Doch weniger wird er dabei nicht. Er verlagert sich nur und wird vielleicht etwas grüner angehaucht. Uns und dem Planeten hilft das nicht. Es ist mehr ein Greenwashing mit Wachstumschancen in anderen Branchen. Denkt an die Arbeitsplätze …!
Die Sozialkassen müssen wir entlasten, denn es soll ja keiner auf Kosten der Allgemeinheit auf der faulen Haut liegen. Meinen rechts und Mitte Politiker. Das dürfen nur Erben, Kapitalrenditebezieher und Menschen, die von der Schuld der anderen leben. Auch Ausbeuten im Rahmen der Gesetze ist erlaubt.

Aber zurück zu meiner Vision. Was passiert nun, wenn wir plötzlich umdenken? Die Menschen bleiben in der Region. Der Stress wird weniger und Menschen werden wieder mehr lächeln. Eltern sind näher bei ihren Kindern und der Austausch und das Leben in der Region wird gefördert. Der Kampf um die besten Arbeitsplätze und die besten Bewerber lässt nach. Und wer seinen Traumjob woanders sieht, zieht einfach um. Ein Kampf weniger macht Platz für mehr Kooperation und neue Modelle. Wir gewinnen Freiräume für das, was uns Freude macht. Die Staumeldungen im Radio werden durch eine Rubrik Gute Nachrichten aus der Region ersetzt. Die Luft- und Lärmverschmutzung lässt nach. Die Autos werden weniger. Velo und Fussgänger bekommen mehr Raum. Parkplätze werden zu Begegnungszonen für Mensch und Natur. Der öffentliche Verkehr in der Region kann neu durchdacht werden. Es entwickelt sich eine Dynamik durch Mut zu radikalem Umdenken bei soviel Erfolg …

Nun für diejenigen Kritiker, die meinen, das sei nicht genug durchdacht – folgendes: es ist genauso sehr oder wenig durchdacht wie alles andere, was Politiker vorschlagen und umsetzen. Für die, die meinen es sei nicht umsetzbar: Veränderungen brauchen Querdenker, Visionen und Mut, sonst bleibt immer alles beim Alten. Oder es wird wie jetzt, von der unsichtbaren Hand des Marktes gelenkt. Wo letzteres hinführt, sehen wir ja, wir sind nämlich genau dort. Unser Blick starrt dabei auf das Lodern der Zündschnur am Ende der Sackgasse. Augen verschliessen ändert daran auch nichts. Aber mutiges Querdenken schon.

Habt Mut und denkt mit und weiter – auf dem Weg zu neuen Taten!

Sieglinde Lorz

Fernweh oder, warum halten wir es hier nicht aus?

Neulich hatten wir in unserem Café Décroissance das Thema Suffizienz. Es ging dabei um eine Studie des Centre for Development and Environment (CDE) der Uni Bern, die herausfinden wollte, was Menschen bewegt suffizient zu leben und dabei doch noch (oder erst recht) glücklich zu sein.
Ich möchte hier nicht die Studie präsentieren. Sie kann in dem daraus resultierten Buch {1} im Detail nachgelesen werden. Doch ich möchte gerne einen Aspekt herausgreifen, der wohl immer wieder im Zusammenhang mit Suffizienz die Gemüter bewegt – das Reisen allgemein und das Fliegen im Speziellen.
Die Studie erlaubt als suffizientes Kriterium einmal im Jahr zu fliegen. Ja, jetzt geht schon mal ein Raunen durch einen Teil der Menge. Einmal im Jahr fliegen und suffizient leben, das geht doch gar nicht?! Vielleicht doch, meinen die Forscherinnen. Es kommt ja letztendlich auf den gesamten Lebensstil an. Denn reisen, das merkt man bei vielen, ist den Schweizern ein liebes Kind. So gern möchte man doch ferne Länder kennen lernen. Die Flüge sind billig, die globalisierte Wirtschaft freut‘s. Ein Markt mit Wachstumspotential.

Reisen, Urlaub machen ist nun wirklich nicht nur eine Frage von Kultur und Bildung. Es wird einfach gerne so dargestellt. Viele der Reisenden sind auf der Suche nach Erholung, auf der Flucht vor dem Alltag, oder wollen sich einfach mal etwas Gutes gönnen. Die unsinnigen Geschäftsreisen blende ich mal aus, da sie Teil des globalisierten Wirtschaftssystems sind.

Ich möchte nun ein paar Fragen stellen, um der Sache ein wenig näher zu kommen.
Warum müssen wir so weit weg fliegen, um Erholung, Abwechslung vom Alltag und Gutes zu finden? Wenn ich alle Hügel, Seen und Berge der Schweiz kennen lernen möchte, wandere ich ein Leben lang und muss nicht viele davon öfters besuchen. Abwechslung, Erholung und Gutes gibt es hier sicher genug.
Wieso passt uns unser Wetter, wenn wir arbeiten, aber wenn wir frei haben nicht? Wenn wir ein anderes Wetter wollen, sollten wir doch einfach in ein anderes Klimagebiet auswandern. Darüber denken die Wenigsten überhaupt nach.
Wieso ist das Wissen über fremde Länder und Kulturen so wichtig, wenn wir uns erstens in Hotels bewegen, die sowieso unserer Kultur entsprechen und zweitens oft nur 14 Tage dort sind? Wieso haben fremde Kulturen so eine grosse Anziehungskraft auf uns? Der Mensch ist neugierig, das ist mir bewusst. Wenn ich durch den Wald und über die Wiesen laufe, kann ich über Jahre hinweg, jeden Tag eine neue Pflanze, ein neues Insekt oder einen neuen Vogel kennen lernen. Noch haben wir ein bisschen Natur, auch wenn wir immer mehr davon vernichten. Mit dem Wissen um die einheimische Fauna und Flora ist mir in meinem Leben und in meinem Alltag mehr gedient als mit fernen Pseudo-Bildungsreisen. Die Neugier fremde Kulturen kennenzulernen, kommt ein wenig dem Begaffen von wilden Tieren im Zoo gleich. Sobald diese in unseren Alltag eindringen, wehren wir uns vehement dagegen. Wölfe erschiessen wir, Neophyten werden mit allen Mitteln bekämpft und Flüchtlinge sperren wir in Heime. Das muss alles unsere Ordnung haben.

Reisen ist ein Stück Freiheit. Die Freiheit dahin zu gehen, wo ich gerne sein möchte. Wieso kommen die aus den fernen Ländern nicht auch alle zu uns zu Besuch? Dürfen sie nicht, können sie nicht, oder wollen sie nicht? Ich sage, alles davon ist wahr. Doch ich neige zu der Antwort, die meisten davon wollen nicht. Sie wollen nicht unsere Kultur kennen lernen. Sie wollen nicht so weit weg von daheim fortschreiten (Achtung Wortspiel Fortschritt). Sie haben eine Kultur, kennen sie und fühlen sich darin wohl. Ich kann mich an dem Film ThuleTuvalu {2} erinnern. Eine der Frauen von der Insel Tuvalu sollte das erste Mal in ihrem Leben auf die Nachbarinsel reisen. Eine halbe Tagesreise mit dem Boot entfernt. Sie war so aufgeregt, obwohl mitten im Leben, war sie noch nie weg von ihrer Heimatinsel gewesen. Die Möglichkeit hätte sie gehabt. Ist das jetzt eine Frage der Bildung, des Fortschritts oder der Kultur? Reisen in andere Kulturen erweitert den Horizont, sagt man. Ist unser Horizont so beschränkt, dass wir ihn dauernd erweitern müssen und im Gegenzug der Horizont von dieser Frau so weit, dass es sie nicht nach Erweiterung dürstet? Oder ist sie einfach, ungebildet und weiss gar nicht um ihre mögliche Beschränktheit? Ich möchte niemanden beleidigen (auch mich nicht), doch wir reden hier vor allem von einem guten Leben. Wenn wir gut leben würden, einfach so wie diese Eingeborene gut lebt, wovon würden wir träumen, was würden wir begehren? Sie ist vielleicht aus unserer Sicht beschränkt in ihrem Leben. Das ist aber unsere Sicht und somit unser Mass für Beschränkung. Das müssen wir uns mal bewusst machen. Wir beurteilen ihre Situation mit unserem Blickwinkel.
Diejenigen, die nun aus den „aufstrebenden“ Ländern den Weg als Touristen zu uns finden, tun das aus den gleichen Gründen wie wir. Sie sind nicht plötzlich neugierig geworden auf die Ferne, oder folgen einer jahrelangen Sehnsucht nach Freiheit, die sie nun verwirklichen können. Sie folgen vor allem einer wirtschaftlichen Entwicklung, die das Reisen als eines ihrer Statussymbole propagiert und dafür sehr viele Mittel für Werbung ausgibt, um diese Sehnsucht künstlich herzustellen und immer weiter zu befeuern. Vielleicht treibt sie auch der Fortschritt langsam in die Ferne, sowie uns auch, weil wir unsere von der Wirtschaft geprägte destruktive Kultur selber nicht mehr ertragen können. Die kurze Flucht zwischendurch in eine andere (schönere oder weniger schöne) Welt, kann unseren Blickwinkel auf unseren Alltag wieder etwas korrigieren. Er wird wieder etwas erträglicher.

Ich habe sicher weder Recht noch Unrecht. Das ist auch nicht mein Ziel. Ich möchte dazu anregen, in einer stillen und freien Minute immer mal wieder über das eigene Fernweh (oder die Flucht) nachzudenken. Entweder alleine daheim mit einer Reise nach Innen, oder in einer gemütlichen Runde mit Nachbarn und Freunden. Es spricht auch nichts dagegen gemeinsam nach Innen zu reisen.

Sieglinde Lorz, April 2017
{1} Genug genüg – Mit Suffizienz zu einem guten Leben, Marion Leng, Kirstin Schild, Heidi Hofmann, oekom Verlag 2016 ISBN 978-3.86581-815-7

{2} http://www.thuletuvalu.com/

Transition Town trifft Décroissance

In Bern gibt es beides, sowohl eine Transition Town als auch eine Décroissance Bewegung und diese sind sich nah. Sie teilen Ideologien, haben eine ähnliche Vision von einer neuen Welt und begegnen sich immer wieder im gemeinsamen Handeln.

In einem Wandel von unten gesteuert ist Bern schon länger. Es gibt Projekte der Solidarische Landwirtschaft wie Radiesli und Uniterre. Die Lorraine, der Breitsch (Breitenrain) und auch das Rossfeld sind Quartiere wo Gemeinschaft, Nachbarschaft und Solidarität schon lange Tradition hat. Das sind nur einige, wenige Beispiele und alle anderen Aktiven mögen mir die Nichterwähnung nachsehen. Unter dem Namen Transition Bern begann der Wandel jedoch erst im Frühling 2013, als eine Gruppe von wandelfreudigen und wandelaktiven Menschen entschied, einen Infoabend zu organisieren und so Transition Bern ins Leben zu rufen. Darunter befand auch ich mich, also eine Aktive der Décroissance Bewegung, welche im Jahre 2010 bei der damaligen Tour der Lorraine ihren Anfang nahm.
Die Ziele, welche mit der Gründung der Transition Bewegung verfolgt werden, sind mehrere. Einerseits die Vernetzung der vorhandenen Projekte, welche bereits den Wandel in Bern vorantreiben. Andererseits der Wunsch immer mehr Aktivitäten zu starten, um Bern zu einer nachhaltigen, resilienten und zukunftsfähigen Stadt zu entwickeln. So kamen etwa fünfzig Interessierte an diese Startveranstaltung und befürworteten die Initiative. Eine Kerngruppe wurde gebildet und eine weitere Vernetzung von Interessierten in den Quartieren konnte stattfinden. Denn die Begeisterung der Bürger, der Nachbarschaften und Quartiere einen gemeinsamen Weg zu gehen, bleibt auch hier die weltweit etablierte Strategie der Transition Bewegung.

Transition Bern und Décroissance Bern teilen nicht nur Ideologie und Vision, es gibt auch Menschen, welche in beiden Bewegungen aktiv sind. Bei Décroissance kämpfen sie mit Aufklärung und einer differenzierter Sichtweise gegen den Wachstumszwang im System. Eine laute Stimme, die sich unermüdlich gegen die Selbstverständlichkeit gegenüber diesem System wehrt. Bei Transition Bern können sie endlich handeln, etwas konkretes tun und somit den Frust des Kampfes gegen Wachstums-Windmühlen in positive Taten lenken.

Aber nicht alle, welche sich für den Wandel in Bern begeistern lassen und gerne Positives bewirken wollen,  können sich mit den ewig kritischen Stimmen der Décroissanceler anfreunden. Nicht selten gelten wir in politischen Kreisen als ewige Verhinderer, wenn wir den Zeigefinger heben, weil auch eine grüne Wachstumswirtschaft immer noch eine Wachstumswirtschaft ist, die primär dem Wachstum dient und nicht der Nachhaltigkeit. Der Suffizienzgedanke ist politisch nicht tragfähig. Das klingt nach Verzicht, verlorenem Wohlstand und dem Verlust von Arbeitsplätzen. So wird dann auch mal Unmut von Sympathisanten laut, wenn sich die Kerngruppe von Transition Bern entscheidet, mit Décroissance Bern ein gemeinsames Sommerfest zu organisieren, was mittlerweile regelmässig geschieht.

Aber genau dieser Suffizienz-Gedanke ist auch ein Teil der Transition Bewegung. Ein gutes Beispiel dafür ist das Projekt Transition Streets, wo die Arbeitsgruppe Energie und Mobilität von Décroissance Bern, auf Anfrage der Transitioner, bei der Übersetzung des damit verbundenen Handbuches hilft, indem sie die Verantwortung für die Ausführung des Kapitels Energie übernommen hat.
Bei Transition Streets geht es darum, dass sich Menschen in Nachbarschaften zusammen tun, um sich gegenseitig dabei zu unterstützen, das eigene Verhalten in Richtung eines sorgfältigen und sparsamen Umgangs mit Ressourcen, Reduktion von Müll, lokalem und regionalem Einkauf, gemeinsame Nutzung von Werkzeugen, etc. zu wandeln. Das Handbuch hilft als Wegweiser und Leitfaden angepasst an die politischen und örtlichen Gegebenheit eins Landes oder einer Stadt bzw. Region.
Die Stärke der Transition Bewegung, auch in Bern, liegt darin, Menschen zu verbinden und sich gegenseitig zu motivieren und zu unterstützen. So wurden beim Projekt Transition Streets auch Studenten der Uni Bern in Zusammenarbeit mit dem Center for Development and Environment (CDE) eingebunden, welche das Thema in einer Semesterarbeit behandelten. Ihrer Arbeit mündete auch in einer gemeinsam Präsentation ihrer Ergebnisse am eco Naturkongresses 2015 in Basel, wo sie diese zusammen mit Transition Bern in einem Workshop präsentieren und diskutieren durften. Seither sind einige Studenten begeisterte Transitioner und die Zusammenarbeit mit dem CDE geht weiter. So wurde im Rahmen einer Studie des CDE zum Thema Suffizienz sowohl Transition Bern, als auch Décroissance Bern eingeladen, an Workshops innerhalb der Studie teilzunehmen und ihre Sichtweise mit einzubringen. Ein guter Erfolg für alle Beteiligten und ein weiteres Kapitel in der Geschichte einer Stadt im Sog des Wandels.

Egal wo man startet und welche Ausrichtung man bei seinem Engagement hat, zeigt sich mal wieder, man muss nicht immer das Selbe tun, um Gleiches zu erreichen. Wichtig ist ein freundschaftlicher und unterstützender Kontakt, der Austausch, die Interaktion – das Miteinander auf einem gemeinsamen Weg. So wie das bei Freunden üblich ist. Am Ziel wird gemeinsam gefeiert und zwischendurch erst recht. Denn es stärkt die Verbindung in der Freundschaft, bündelt und vergrössert die Kraft in einem gemeinschaftlichen Wandel.

Sieglinde Lorz

http://www.decroissance-bern.ch / info@decroissance-bern.ch
http://www.transition-initiativen.de/group/bern / etib@websource.ch

Dieser Artikel ist in der aktuellen Ausgabe (November 2016) der MOINS! in französischer Sprache übersetzt erschienen. Diese kann unter folgendem Link bestellt werden http://www.achetezmoins.ch/

Nachhaltigkeit – das neue Schlagwort der Marketingabteilung

Schon die neuen Werbeplakate mit den nachhaltigen Bananen der Migros gesehen? Ich sah gestern eines und staunte! Banane und Nachhaltigkeit – aus meiner Sicht eine Herausforderung.

Ich wurde neugierig und recherchierte mal bei Migros nach, damit ich lerne zu verstehen. Ich wurde fündig. Es handelt sich um ein Projekt in Zusammenarbeit mit dem WWF zu einer „garantierten kontinuierlichen Verbesserung ökologischer und sozialer Kriterien“ bei der Herstellung von Bananen in Kolumbien und Ecuador. Alle Ziele können unter dem Link unten nachlesen werden.
Dass wir Regenwald zerstören, um Bananenplantagen zu errichten, sollte bekannt sein. Trotzdem finde ich das angestrebte Ziel „reduzierter und noch verantwortungsvollerer Einsatz von Pflanzenschutzmitteln“ sehr lobenswert. Aber ehrlich, was soll das genau heissen und was bedeutet das am Ende dann doch noch an Gifteinsatz? Denn letztendlich wird „verantwortungsvoll“ weitergespritzt.
Spannend finde ich auch das Ziel der „Reduktion der Treibhausemission“. Kolumbien und Ecuador liegen doch immer noch in Südamerika oder ziehen die jetzt nach Europa um?
Was ich mich auch noch frage, ist, wie kann man den Gesundheitsschutz der Arbeiter wirklich verbessern und einen verantwortungsvollen Umgang mit Wasser und Abwasser pflegen, wenn man immer noch Giftstoffe und künstlichen Dünger grossflächig einsetzt?

Versteht mich bitte nicht falsch. Ich begrüsse es sehr, dass Migros etwas unternimmt. Ich finde es aber furchtbar, dass damit dem Konsumenten ein gutes und nachhaltiges Gewissen verkauft wird, bei einem Massenprodukt, das unnachhaltig Regenwälder zerstört und Treibhausgase ausstossend tausende von Kilometer reisen muss, bis es auf unserem Tisch landet. Ausserdem kosten Bananen aus Südamerika weniger als Äpfel aus der Schweiz!
Dass der WWF solches „green washing“ unterstützt, wird ja schon seit Jahren kritisiert. Das muss ich jetzt nicht auch noch.

Also liebe Konsumenten, lasst euch nichts vormachen und auch nicht durch die Marketingtricks der Unternehmen zu einem guten Gewissen verführen. Bananen gehören wenn, dann als Raritäten auf unseren Speisezettel und diese gäbe es auch von den Kanarischen Inseln zu holen. Da wären sie reifer und näher und könnten den seltenen Wunsch nach dem Luxus einer Rarität durchaus decken.

Sieglinde Lorz

https://www.migros.ch/de/kontakt/produkteinhalte-und-herkunft/bananen.html

Mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen zu Décroissance

Nach vielen Überlegungen über das Grundeinkommen und die damit verbundenen Ängste, habe ich eine grosse Chance erkannt, die ein bedingungsloses Grundeinkommen mit sich bringen würde. Die „unsichtbare Hand des Marktes“ befürchtet die Kontrolle über ihr System zu verlieren. Und dies ist aus meiner Sicht berechtigt.

Die kritischen Befürworter sagen, es wäre nur eine Umverteilung des Geldes im vorhandenen System. Das stimmt, wenn wir von einem Grundeinkommen sprechen. Wenn wir allerdings das kleine Attribut „bedingungslos“ dazu nehmen, dann sieht es schon ganz anders aus.
Was bringt denn diese Bedingungslosigkeit so mit sich? Sie hat mal die Befreiung von der Existenzangst im Gepäck. Die Angst nicht existieren zu können, ist ein grosser Motivator in einem Arbeitssystem, das sehr viel Sinnlosigkeit beinhaltet und Kriege befielt, um die eigene systemische Existenz zu sichern. Dann bringt sie eine Frage mit, die sich viele stellen werden, wenn sie sich von einer sinnlosen, belastenden, oder unbefriedigenden Tätigkeit befreien wollen. Was brauche ich zum Leben? Und schon geht der sinnlose Konsum nach unten, das Wirtschaftswachstum bricht ein. Für die einen ein Horrorszenario, für Menschen mit gesundem Menschenverstand, die die Folgen der Wachstumswirtschaft erkannt haben, ein befreiender Gedanke. Um die finanzielle Belastung noch mehr zu reduzieren, während einer Kreativpause von der Arbeit, entstehen Idee der gemeinschaftlichen Organisation im Alltag, es entsteht Tauschhandel, Selbermachen ist angesagt und es wird die Freude und der soziale Halt in der Gemeinschaft wieder entdeckt. Oh je, schon wieder bricht der Konsum ein. Nicht nur das, plötzlich erkennen wir den wahren Unterschied zwischen Arbeitslosigkeit (ein Damoklesschwert) und Freizeit. Arbeitslosigkeit ist ein Begriff des Staates, der dazu verwendet wird, um zu sagen, wir nehmen von diesem Menschen keine Einkommenssteuern ein. Also müssen wir alles tun, um dies zu ändern. Die Mittel sind bekannt – Druck mit dem Hebel Existenzangst. Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen wird die Lohn-arbeitslose-Zeit neu Freizeit genannt, oder Raum für kreative, soziale, freudige, erholsame Aufgaben.
Dann wird sich ein weiteres Phänomen ausbreiten. Wunderheilungen finden statt, weil der Stress plötzlich um 50% sinkt. Die Menschen rennen nicht mehr zum Arzt, haben noch mehr Kraft sich nicht zu beugen und der Medikamentenverbrauch sinkt drastisch. In Folge sinken irgendwann auch die Krankenkassenbeiträge und schon haben die Menschen etwas Geld übrig. Einer der am besten wachsenden Wirtschaftszweige bricht ein – die Krankheitsindustrie. Verlust von Arbeitsplätzen? Dieses Gebet und Totschlag-Argument gehört nun definitiv ins Arbeitshistorische Museum.
Auch das Bildungssystem bleibt nicht verschont. Die Menschen lernen nun das, was sie begeistert. Sie folgen ihrer Leidenschaft und fangen an quer statt systemgerecht zu denken. Was ein Befreiungsschlag für wahre Innovation. Erst recht, wenn die Umsetzung nicht mehr an einer mindestens zweistelligen Rendite gemessen wird. Die Menschen fangen an ihre Fähigkeiten zu entdecken und ihr Potential zu leben.
Wenn nun auch noch, zu all dem genannten, die Solidarität und Kooperation in der Gemeinschaft wächst, wer möchte dann noch nach der Pfeife der „unsichtbaren Hand des Marktes“ tanzen. Oder mit anderen Worten, sich für das Kapital ausbeuten lassen und weiter an einem System festhalten, das nur das als Ziel hat.
Spätestens jetzt müssten die Liberalen jubeln, die Sozialen tanzen und die Grünen entspannt in der Wiese liegen. Warum tun sie es nicht?

Ach ja die Finanzierung, die geht nun gar nicht, sagen alle, die sich vor der Bedingungslosigkeit scheuen. Sogar reformierte Pfarrer blasen in das Horn.
Ok, ich bin Projektleiter seit viel Jahren und ich weiss, alles was man finanzieren will, kann man finanzieren. Ob man es will, hängt stark davon ab, ob es Sinn macht. Jetzt muss man nur noch fragen, für wen macht es keinen Sinn und warum … ?
Es gibt zahlreiche Finanzierungsmodelle, jedes für sich wäre ausreichend. Eine Mischung ist besser, weil diese „unsichtbare ….“ ihr wisst schon, wird Schlupflöcher suchen und finden, um hier an dem Stuhlbein zu sägen. Lenkungsabgaben und Konsumsteuern (was auch Lenkungsabgaben sind) werden irgendwann greifen. Was ja grundsätzlich gut ist. Und dann ist es gut, wenn wir noch weitere Säulen haben. Wie oben schon ausgeführt, ist klar, die Einkommenssteuer ist dann sicher ein Wegwerfmodell. In der Gegenwart des bedingungslosen Grundeinkommens ist diese nicht mehr brauchbar.

Eigentlich bräuchten wir ja kein Geld zum Leben. Denn dieses kann man nicht essen. Bis wir das begriffen und verinnerlicht haben, müssen die Finanzierungsmodelle herhalten. Danach gibt es eh kein Geld mehr und wir organisieren uns anders. Und auch dann ist der Gesetzestext immer noch gültig, denn er spricht von einem Grundeinkommen und nicht von Geld. Ausserdem muss er existenzsichernd sein und die Teilnahme am sozialen und kulturellen Leben ermöglichen und nennt nicht den dafür nötigen Betrag.

Als PS. noch die „Drecksarbeiten“ die schlecht bezahlten. Herr Berstet hat ja Angst, die macht keiner mehr für wenig Geld. So wird es sein. Ich träume mal. Die Müllberge stauen sich wie einst in Neapel. Überall stinkt es. Nun werden die innovativen Ingenieure zusammen mit den Rendite witternden Kapitalisten einen Roboter entwickeln, der diese Müllberge wegräumt. Die schockierten, etwas weiterdenkenden Bürger werden sich zusammensetzen und beschliessen, ab jetzt alles zu fördern, was Müll vermeidet und müllfreie Zonen (Gemeinden, Lebensräume) definieren. Mal sehen, wer schneller ist. Vielleicht gehören ja auch die Roboter dann bald zum Müll.

Sieglinde Lorz

Zum Begriff der nachhaltigen Entwicklung

Umweltschutz auf Neoliberal – der Brundtlandbericht
1982 scheiterte der zweite UN-Weltgipfel für Umwelt und Entwicklung in Nairobi. Er wird heute in der Liste der großen Umweltkonferenzen gar nicht mehr aufgeführt. Aber die UNO konnte der Weltöffentlichkeit die brutale Tatsache nicht unverhüllt zumuten, dass die Umwelt in einer neoliberal regierten Welt kein Thema mehr war. Deshalb vertraute sie 1983 der neu geschaffenen Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, der sogenannten Brundtlandkommission, die Aufgabe an, einen Bericht zu langfristig tragfähiger, umweltschonender Entwicklung im Weltmaßstab bis zum Jahr 2000 und darüber hinaus zu erarbeiten.(1)

Der Kommission gehörten einundzwanzig Mitglieder an; unter ihnen William Doyle Ruckelshaus, Direktor der US-Umweltbehörde EPA unter Nixon und später unter Reagan; Maurice Strong, der in der Erdölindustrie und Wasserversorgungsindustrie Karriere gemacht hatte, später Generalsekretär des Weltgipfels Rio 1992 wurde und beste, sehr breit angelegte Beziehungen zur Wirtschaft hatte; Saburo Okita, ehemaliger japanischer Außenminister und einer der Architekten des japanischen «Wirtschaftswunders»; Susanna Agnelli, Schwester des Vorstandsvorsitzenden von Fiat. Die Brundtlandkommission publizierte 1987 den Bericht «Our Common Future», der den Begriff der nachhaltigen Entwicklung im Bewusstsein der Weltöffentlichkeit verankerte.(2) Die Unterzeichnenden galten damals in Sachen Umweltschutz als Visionäre, die der Welt die Möglichkeit aufzeigten, die scheinbar gegensätzlichen Bedürfnisse von Umweltschutz und Entwicklung zu versöhnen. Der Bericht erhielt viel Beifall und weckte große Hoffnungen. Aber er war nichts anderes als die Festschreibung neoliberaler Grundsätze in den Bereichen Umweltschutz und Entwicklung. Die Kommission war offensichtlich darum bemüht, die neoliberal geprägte Globalisierung mit gut gemeinten Appellen humaner zu gestalten als bisher. Aber ihr eigentliches Ziel war die ungehinderte Fortführung des Globalisierungsprozesses. Wirtschaftswachstum, Freihandel und Zusammenarbeit der Entwicklungsländer mit den transnationalen Konzernen wurden als Rezepte für eine bessere Zukunft vorgeschlagen. Im Bericht erschienen die Probleme in Umwelt- und Entwicklungspolitik nicht als Folgen der globalen Machtungleichgewichte, sondern sie wurden wie Störungen dargestellt, die beim Betrieb einer noch nicht perfekt funktionierenden Maschine auftreten können und die man beheben muss. Nirgends im Text wurde die Globalisierung als das Herrschaftsprojekt vorgestellt, das sie von Anfang an war. «Unsere gemeinsame Zukunft» war die theoretische Rechtfertigung der neoliberalen Hegemonie, wie sie sich einige Jahre vorher durchgesetzt hatte. Vielleicht hatten es die redlichsten Mitglieder der Kommission anders gemeint; aber die Zukunft, von der sie sprachen, hatte längst begonnen. Und der Begriff der nachhaltigen Entwicklung wurde fünf Jahre später zum Schlüsselbegriff für den Weltgipfel von Rio 1992.

Agenda 21
Mitte 1990 lud Maurice Strong, Generalsekretär der UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung, den Schweizer Industriellen Stephan Schmidheiny ein, sein Hauptberater für Fragen der Wirtschaft und der Industrie zu werden. Schmidheiny gründete den «Unternehmerrat für nachhaltige Entwicklung» (Business Council for Sustainable Development BCSD) und erreichte, dass 47 führende Industrielle aus der ganzen Welt diesem Rat beitraten. Das erklärte Ziel von Strong und Schmidheiny war es, der Industrie an der Konferenz von Rio die Hauptrolle zuzuweisen. Ihnen war klar, dass internationale Umweltpolitik in den Chefetagen der großen Konzerne entworfen und von dort aus gesteuert werden sollte. Im Mittelpunkt von Schmidheinys Aktivitäten stand der Begriff der nachhaltigen Entwicklung. Für diesen Begriff gilt, was der französische Philosoph Bertrand Méheust 2009 für viele im Neoliberalismus verwendete Begriffe festgestellt hat: Sie vereinen einen unversöhnlichen Gegensatz in einem einzigen Ausdruck und lassen so den Gegensatz als versöhnt erscheinen. Sie lassen uns glauben, ein bisher unlösbares Problem werde dadurch lösbar, dass ihm ein solcher Begriff, ein Oxymoron, übergestülpt wird.(3) Wenn wirtschaftliche Entwicklung gleichbedeutend mit Wachstum ist, kann sie nur dann nachhaltig im ursprünglichen Sinne des Wortes sein, wenn die Ressourcenproduktivität im gleichen Maße zunimmt wie die Produktion oder wenn der Vorrat an Ressourcen seinerseits wächst. Beides ist nach den bisherigen Erfahrungen praktisch nie der Fall. Nachhaltige Entwicklung ist ein Oxymoron im Dienste der neoliberalen Propaganda, das mit der ökonomischen Realität nichts zu tun hat – ein typisches Beispiel für neoliberalen Neusprech. Es wurde der Welt nach der Konferenz von Rio 1992 unter dem Diktat der Konzerne als Leitbegriff der internationalen Umweltpolitik aufgezwungen. Der Begriff hatte damals schon eine lange Geschichte hinter sich. Er musste den neutraleren Begriff der Ökoentwicklung ersetzen, der an der Konferenz von Stockholm 1972 verwendet worden war. Henry Kissinger persönlich forderte, dass nicht mehr von Ökoentwicklung gesprochen werde. Die Brundtlandkommission führte 1987 die nachhaltige Entwicklung als weltweit anerkannten Grundsatz in die Umwelt- und Entwicklungspolitik ein. 1992 publizierte Schmidheiny sein Buch «Kurswechsel»(4), um den Verlauf der Konferenz von Rio in seinem Sinne zu beeinflussen. Darin stellte er die freie Marktwirtschaft als das einzig mögliche Instrument für nachhaltige Entwicklung dar. Dem BCSD, der später zum World Business Council for Sustainable Development WBCSD erweitert wurde, war die Einwurzelung des Begriffs im Bewusstsein der Weltöffentlichkeit so wichtig, dass er sich entscheidend an Planung und Finanzierung der Konferenz von Rio 1992 beteiligte.

Die Konferenz hat unter dem Titel «Agenda 21» ein 360-seitiges Dokument veröffentlicht. Es war als Anweisung zur weltweiten Umsetzung des Programms der nachhaltigen Entwicklung gedacht. Es enthielt keine verbindlichen Beschlüsse, sondern bloß Empfehlungen. Es gab und gibt denn auch keine rechtlichen Mittel zur Durchsetzung der Ziele der Agenda 21. Das Antasten von bestehenden Machtverhältnissen war im Dokument Tabu. Sowohl Gentechnik in der Landwirtschaft als auch Atomkraftwerke erschienen im Bericht als unverzichtbare Instrumente der nachhaltigen Entwicklung. Die Führungsrolle der transnationalen Konzerne wurde zur Grundlage der internationalen Umwelt- und Entwicklungspolitik gemacht. Weder WTO (damals noch GATT) noch IWF oder Weltbank wurden in irgendeiner Weise auf nachhaltiges Handeln verpflichtet. Insgesamt wurde Natur nur insofern wahrgenommen und dargestellt, als sie ökonomisierbar ist. Der Umsetzungsprozess verlief konsequent von oben nach unten. Das bedeutete, dass die Ziele im Wesentlichen in den Konzernzentralen bestimmt und dann an der Konferenz von Rio beschlossen wurden. Von dort gelangten sie als «Agenda 21» an die beteiligten Staaten, die ihrerseits die Realisierung an die Gemeinden delegieren sollten. Dies alles geschah auf freiwilliger Basis oder geschah eben nicht. Millionen von Menschen ließen sich in lokalen Programmen der Agenda 21 beschäftigen und hofften, durch ihre Freiwilligenarbeit etwas zur Rettung des Planeten beizutragen. Obwohl die lokale Agenda 21 nicht ganz ergebnislos geblieben ist, muss doch festgestellt werden, dass man in Sachen Umweltschutz in den zwanzig Jahren nach Rio 1992 kaum irgendwo über die seit Jahrzehnten andauernde «Hofferei»(5) hinausgelangt ist. Das Hauptziel der Großkonzerne, nämlich das ungehinderte Weiterwirtschaften unter dem Motto der «nachhaltigen Entwicklung», war zwar erreicht. Aber für Umwelt und Klima sind nach Rio 1992 zwanzig wertvolle Jahre verloren gegangen.

Ernst Schmitter

Quellennachweis:
(1) Ich folge in diesem Abschnitt der Darstellung von Aurélien Bernier in seinem leider nicht auf Deutsch übersetzten Buch «Comment la mondialisation a tué l’écologie“, Ed. Mille et une Nuits, Paris 2012.

(2) Der Begriff der Nachhaltigkeit stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft und bedeutet, dass nicht mehr Holz geschlagen wird, als nachwachsen kann. Er wurde von verschiedenen Institutionen übernommen, unter anderem von der Brundtlandkommission. In ihrem Bericht wird nachhaltige Entwicklung folgendermaßen definiert: «Entwicklung zukunftsfähig zu machen, heißt, dass die gegenwärtige Generation ihre Bedürfnisse befriedigt, ohne die Fähigkeit der zukünftigen Generation zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen zu können.» Schon bald wurde der Begriff von Wirtschaftsvertretern systematisch missbraucht. Im heutigen Sprachgebrauch ist «nachhaltig» oft gleichbedeutend mit «dauernd, anhaltend», was einer fast vollständigen Verkehrung der ursprünglichen Bedeutung in ihr Gegenteil gleichkommt.

(3) Bertrand Méheust, La politique de l’oxymore, Ed. La Découverte, Paris 2009

(4) Stephan Schmidheiny, Kurswechsel – Globale unternehmerische Perspektiven für Entwicklung und Umwelt, Artemis und Winkler, München 1992

(5) Der Ausdruck stammt vom Politikwissenschaftler Wolf-Dieter Narr.

Wachstumskritik oder Nachhaltigkeitstheater an der Uni Bern?

Zur Zeit findet eine Veranstaltungsreihe an der Uni in Bern statt mit dem Titel „Nachhaltigkeit und Wirtschaftswachstum – Ein Widerspruch?“. Vielversprechend, wenn man sich selber zu den Wachstumskritikern zählt. Ein Blick auf die Referentenliste dämpft allerdings schon ein wenig die Erwartung auf eine kritische Auseinandersetzung. An der Veranstaltung mit dem Schwerpunkt „Wirtschaftswachstum für den Wohlstand“ war ich dabei. Nur einer von  fünf Referenten konnte als wachstumskritisch gelten: Herr Prof. Dr. Mathias Binswanger. Nicht gerade ausgewogen.

Prof. Dr. Aymo Brunetti beschäftigte sich mit den Antworten auf die unberechtigte Kritik am Wirtschaftswachstum. Er hielt nur einen der häufigen Kritikpunkte (die er selber definierte) für „ernst zu nehmend“: den im Bezug auf die Umwelt. Das ökonomische Lösungsinstrument liegt schon bereit – die Lenkungsabgaben. Leider sind diese politisch kaum durchzusetzen. Unumstritten ist für Herrn Brunetti, dass Wachstum allen Menschen ein besseres Leben ermöglicht. Gleichzeitig gibt er aber auch zu, dass es eine Kluft zwischen Arm und Reich erzeugt, die grösser und ungerechter wird. Als Lösungsinstrument für die Umverteilung sieht er – Revolutionen!? Herr Brunetti, wenn Menschen, die von der Macht des Kapitals anhängig sind, eine Revolution starten müssen, um ihr Überleben zu sichern, was machen dann die Mächtigen? Verteilen sie Geld oder hagelt es Kugeln?
Ein weiteres unumstrittenes Gesetz ist für ihn auch, dass die Bedürfnisse der Menschen unbegrenzt sind. Menschen wollen ja nicht mehr vom Gleichen, sondern immer bessere Qualität und Neues. Zum Glück kam dies in der Podiumsdiskussion noch einmal zur Sprache und Herr Binswanger konnte an die perfekten Mechanismen der Werbung erinnern, welche Bedürfnisse suggerieren und schaffen um des Wachstums willen.
Für Herrn Brunetti ist Innovation die Lösung. Diese setzt auch das physikalische Paradox eines unbegrenzten Wachstums in einem physikalisch begrenzten Raum (Erde) ausser Kraft, es gilt dann eben nicht mehr.

Prof. Dr. Mathias Binswanger war ein wirklicher Lichtblick. Er zeigte, dass die Wachstumswirtschaft erst entstanden ist mit dem Wechsel aus dem Agrarzeitalter, wo der Boden die Grundlage der Wirtschaft war und an sich als Grösse konstant, in das Industriezeitalter mit dem Kapital als Grundlage und Taktgeber, das durch Zins und Zinseszins (und Schulden) unendliches Wachstum suggeriert bzw. theoretisch ermöglicht. Als Glücksforscher zeigt er auf, dass mehr Wachstum nicht mit mehr Wohlstand im Sinne eines subjektiven Wohlbefindens zu tun hat. Glücksempfinden ist immer relativ im Vergleich zu anderen. Je nachdem, wer als Vergleichsperson in meiner Gesellschaft zur Verfügung steht, dient dieser mir als Relation zu meinem Glücksempfinden. Interessant war eine Auswertung, die zeigt, dass in der Schweiz junge Menschen bis 19 und alte Menschen ab 65 eher glücklich sind und die Menschen, die im Arbeitsleben gefangen sind, eher unglücklich. Dazu eine Klammerbemerkung – das Durchschnittsalter der Besucher im Publikum war bei ca. 65. Die in der Wachstumswirtschaft eingebundenen Familienväter und -mütter hatten wohl andere Sorgen an einem Samstagvormittag.
Fazit von Herrn Binswanger war, dass Wachstum um des Wachstumswillen keinen Sinn macht. Glücklicher wird dank des Wachstums keiner.

Ab jetzt ging die Werbeveranstaltung so richtig los.

Zuerst mit Herrn Felix Kunz und einem Hohelied auf den Swiss Innovation Park. Technik ist die Lösung für alle Probleme, Innovation der Weg dahin, denn ohne LCD-Display könnten wir uns unser Leben heute gar nicht mehr vorstellen. Ok?!
Aber es kamen auch ein paar reflektierte Aussagen die man sich durchaus merken kann. Der Energiebedarf steigt erfahrungsgemäß mit dem Wachstum. AKWs und Solarzellen sind nicht nachhaltig. Handys sind innovativ und nachhaltig im Bezug auf den Stromverbrauch. Allerdings steckt darin Kinderarbeit, Krieg um Rohstoffe, Landgrabbing findet statt und viel Giftmüll wird erzeugt. Innovation muss sowohl der Wirtschaft als auch der Umwelt und der Gesellschaft nutzen. Deswegen muss der gesamte Lebenszyklus eines Produktes beachtet werden.

Dann folgte der Werbeblock von Uwe E. Jocham für CSL Behring. Er sprach von Nachhaltigkeit im Bezug auf den Bau von Unternehmensgebäuden, die wundervolle und wertschätzende Atmosphäre für Mitarbeiter. Der Begriff „war for talents“ der für die Abwerbung der Besten von der Konkurrenz steht, passt da nicht so in das idyllische Bild, aber sehr gut zu dem Konkurrenzsystem der Wachstumswirtschaft. Ihre Wachstumsstrategie sind innovative Produkte. Ausserdem können sie ihre Plasmaprodukte in vielen Ländern noch gar nicht verkaufen, da dort erst die Diagnosemöglichkeiten geschaffen werden müssen. Darin wird, wenn ich es richtig verstanden habe, investiert. So wird das Feld bereitet für eine Verdoppelung des Umsatzes von einer Milliarde auf zwei Milliarden. Ich erwähne das hier, weil ich die Mechanismen der Wachstumswirtschaft verdeutlichen möchte. Der Slogan hier lautet – wir retten Leben. Auch die Schaffung von vielen Arbeitsplätzen in der Schweiz als Totschlagargument der Wachstumswirtschaft war Teil des Vortrags.

Nun folgte ein Vortrag von Cornelia Diethelm von der Migros. Sie ging wirklich auf das Thema Wachstum und Nachhaltigkeit ein. Im Fokus standen hier die Zielkonflikte zwischen dem, was die Kunden fordern, wo die Wirtschaftlichkeit gegeben sein muss und wo Nachhaltigkeit ethisch und umweltbedingt wirklich gefordert ist. Migros setzt hier sehr stark auf die Zertifizierung von Lieferanten und deren Schulung. Dies nicht im Alleingang sondern in Zusammenarbeit mit der Konkurrenz, weil damit die positiven Effekte auch wirklich vergrössert bzw. besser durchgesetzt werden können. Allerdings finden sehr wenige Prüfungen über die Einhaltung der Standards statt. Auch kam klar herüber, dass eine Genossenschaft einen Vorteil hat, da sie Gewinne sofort wieder investieren kann und nicht die Gewinnausschüttung für die Kapitalgeber im Vordergrund steht. In der Diskussion später wurde die AG als Unternehmensform von Herrn Binswanger auch in Frage gestellt, weil durch solche Konstrukte die Wirtschaft (ausschliesslich) dem Kapital und dessen Wachstum verpflichtet ist.

Die Diskussion anschliessend war eher mager. Herr Brunetti und Herr Binswanger sassen zwar auf einem Podium, allerdings in unterschiedlichen Welten. Herr Jocham erlebte eine innere Zerrissenheit bei der Frage von Lenkungsabgaben auf CO2 Ausstoss, da dadurch die Globalisierung der Wirtschaft in Frage gestellt wird. Als Person war er klar dafür, doch als Unternehmer (der dem Wachstum verpflichtet ist) konnte er überhaupt nicht dafür sein. Also Nachhaltigkeit nur, wenn es nicht das eigene Wachstum betrifft.

Eine gute Idee konnte ich noch aus dem Innovationspark mitnehmen. Durch die 3D -Drucker kann es so weit kommen, dass Waren erst im Warenhaus vor Ort produziert werden und nur Daten und die Rohstoffe um die Welt geschickt werden. Das Rohstoff- und Müllproblem haben wir damit noch nicht gelöst, aber immerhin haben wir weniger Verkehr. Hatten wir das nicht früher schon, als Handwerker uns das herstellten, was wir wirklich brauchten? Wenn das wieder durch Menschen (nicht Roboter aus der Revolution 4.0) erledigt würde, vielleicht auch noch in einer menschlichen Gemeinschaft, könnte das Spass machen, die Kreativität und Freude fördern und auch noch den Zusammenhalt in der Gemeinschaft. Es würde mehr Zeit dafür benötigt, aber die hätten wir ja, wenn wir nicht mehr sinnlos produzieren und leisten. Auf die wahren Bedürfnisse angewendet, die eher von der Migros abgedeckt werden, würde das heissen, Migros liefert die Grundnahrungsmittel und wir kochen und  backen wieder selber. Vielleicht gemeinschaftlich in den Back- und Kochstuben der Migros Genossenschaft?

Fazit für mich: In einer Wirtschaft, wo Wachstum ein Muss ist und Nachhaltigkeit ein „Luxusproblem“ (Zitat Herr Brunetti), wird es keine Nachhaltigkeit geben. Erst wenn wir das ganze System hinterfragen, werden wir die Antworten finden, die uns auch die Innovation nicht bringen kann. Als Schlusswort möchte ich noch Herrn Binswanger zitieren, als er sich mit Herrn Brunetti in der Frage, wie Ökonomie zu verstehen ist (sie muss Nutzen erzeugen), zwar einig war, aber dann doch fragte: „Macht Wachstum um des Wachstums willen Sinn?“

Sieglinde Lorz

Informationen zur Veranstaltung finden Sie hier http://www.forum.unibe.ch/forumsprojekte/aktuelles_projekt/

„Home“ – Eine Hommage an die Erde

„Home“ – ein Film über den Planeten Erde. Über die Entstehung des Lebens und das Zusammenspiel des Ökosystems, wo alles perfekt aufeinander abgestimmt ist und miteinander funktioniert. Das, bis der Mensch – das einzige Wesen mit Vernunft – kam und sich von der Natur weg entwickelte. Wir erheben uns über die Natur und entfernten uns immer mehr von ihr. Trotz der intensiven Forschung verstehen wir heute weniger davon als die Naturvölker, welche mit ihr im Einklang leben.

Durch die Entdeckung der fossilen Brennstoffe kam der Aufschwung und die Massenproduktion vom Band. Maschinen wurden erfunden und verhalfen uns immer mehr zu Wohlstand. Die Bevölkerung explodierte durch den Fortschritt in Technik und Wissenschaft. Die letzten 50 Jahre der industriellen Revolution waren verheerender, als die ganzen 20’000 Jahre davor. Wir zogen vom Land weg und bauten (in den letzten 20 Jahre) gigantische Städte in Wüsten auf, wo es eigentlich keinen Tropfen Wasser gibt. Wolkenkratzer wurden ein Symbol von Wohlstand und Macht. Wir leben heute in einem Komfort und Überfluss, der keine materiellen Wünsche unbefriedigt lässt.

Doch gleichzeitig opfern wir die Natur durch deren Ausbeutung. Wir sind Verbraucher in einem Kreislauf der Natur, in dem wir kaum etwas zurück geben. Wir bauen Getreide für die Tiere an, statt für uns Menschen. Wir holzen ab, pflanzen immer mehr Monokulturen an und rotten eine Art nach der anderen aus. Wir heizen die Erde auf. Wohlstand und Reichtum gibt es nur für die wenigen Gewinner, welche auf dem Rücken der Verlierer entsteht, die an den Rändern der Millionenstädte auf Müllkippen leben und nicht in den schicken Vorstädten mit Einfamilienhäusern, oder den teuren Hochhäusern in der City.

Wir müssen immer mehr Mauern bauen, um „das Glück einiger vor dem Elend der anderen zu schützen“. Wir leben einen Systemfehler. „Wir heizen das Wachstum an wie einen unersättlichen Motor, der immer mehr Benzin braucht.“ Doch Wachstum bringt nur noch mehr Ungerechtigkeit, Armut und Zerstörung. Es nimmt uns den Boden unter den Füssen weg. Verwandelt fruchtbaren Boden in Wüsten. Wir hängen von der Technik und den Maschinen ab. „Das Ende der Erdölforderung wird unser Leben bestimmen.“ Die Kriege darum führen wir heute schon im nahen Osten und in Afrika.

Nur langsam fangen wir an umzudenken. Wir reden über erneuerbare Energien und manchmal tun wir auch etwas dafür. Doch das reicht nicht. Schon gar nicht, wenn wir dabei im Hinterkopf schon wieder nur das Wirtschaftswachstum haben und Arbeitsplätze sichern wollen. Nicht die Arbeitsplätze ernähren uns, sondern die Pflanzen dieser Erde. Die können nur in einem intakten Ökosystem wachsen. Dazu brauchen sie weder chemische Düngemittel noch Pestizide, welche beide auch wiederum aus Erdöl gewonnen werden. Im Gegenteil, mit der ganzen chemischen und maschinellen Landwirtschaft haben wir den humusreichen Boden zerstört. Unsere heutigen Böden sind leblos und hängen am Tropf der agrochemischen Industrie und somit an den sehr endlichen Erdölreserven.

Der Film ist ein Überblick und kann nicht die Details zu allen Themen in der Tiefe bringen. Doch er zeigt uns, wir müssen verantwortliche Verbraucher werden. Wir müssen das System hinterfragen und ändern. Wir müssen anfangen miteinander und füreinander zu handeln, damit wir als Spezies zusammen mit den anderen Arten überleben können.

Es gibt immer mehr Länder die anfangen umzudenken. Costa Rica z.B. hat keine Armee mehr und hat sich entschieden, das Geld in den Naturschutz zu investieren.

Egal welchen Weg wir gehen, die Entscheidung liegt bei uns. Doch nur ein Weg der Achtsamkeit, Genügsamkeit, des Miteinander und des Friedens wird eine Lösung bringen, die unser Überleben, als menschliches Wesen mit Vernunft, sichert.

Lasst uns heute damit beginnen.

Sieglinde Lorz

Link zum Film „Home“ in voller Länge. https://www.youtube.com/watch?v=39ZtMx4PcsA

Stromversorgung ist keine Sache von Grosskonzernen

Kürzlich hörte ich eine Rede der BKW-Chefin, welche sagte, die Zukunft der BKW liege nicht in der Energieerzeugung. Das werde in Zukunft durch immer mehr kleine, regionale Energiewerke erledigt werden. Der Trend geht jetzt schon eindeutig in die Richtung. Wichtiger ist für sie in Zukunft das Stromnetz, welches die Verteilung gewährleistet.
So sehr mich diese Aussage überrascht hat, so sehr hat sie mich auch gefreut. Ich hätte nicht gedacht, dass die Erkenntnis schon so weit fortgeschritten ist, und vor allem auch in der Anerkennung der Sinnhaftigkeit dessen.

Wir brauchen heute nicht einfach nur Strom, sondern unser Leben hängt davon ab. Ohne Strom steht nicht nur das öffentliche Leben still, sondern wir kommen an so gut wie keine Lebensmittel mehr (höchstens wir wohnen neben einem Bauern) und an vielen Orten würde sogar der Wasserhahn trocken bleiben. Das ist den meisten Menschen nicht bewusst. Aber den Politikern und den involvierten Unternehmen, wenn sie von Versorgungssicherheit sprechen, umso mehr.
Versorgungssicherheit hat mehrere Aspekte und man kann sie sehr flexibel auslegen. Welchen Wert nimmt man nun als Massstab einer gegebenen Versorgungssicherheit, wenn man als grosser Konzern mit dem Verkauf von Strom seinen Aktionären auch noch dienen möchte und das in einem Wirtschaftssystem, das auf Wachstum basiert und sich somit in einem Konkurrenzkampf auf einem Markt gegen andere behaupten muss? Oder als kleines regionales oder sogar lokales genossenschaftliches Unternehmen, dass für eine Stadt, eine Gemeinde oder auch nur eine Siedlung verantwortlich ist? Welche Sicht vertreten Politiker, die einerseits die Sicht des Volkes vertreten sollen, aus dem politischen Selbsterhaltungstrieb den Wohlstand ohne Verzicht garantieren müssen, andererseits an Grossunternehmen beteiligt sind, deren Gewinn oder Verlust die Bilanz des Regierungsbezirks (z.B. Kanton) massgeblich beeinflussen? Wobei der Wohlstand des Volkes mit unendlich wachsendem Konsum, sicheren Arbeitsplätzen und einem nachhaltigen, naturerhaltenden Wirtschaften gleichgesetzt wird. In sich paradox.
Grosskonzerne brauchen immer neue und grössere Absatzmärkte. Dies ist nur möglich, wenn der Energieverbrauch steigt, oder wenn sie sich gegenseitig dauernd die Kuchenstücke wegnehmen. Da Letzteres anstrengend und frustrierend ist, ist Ersteres anzustreben. Wenn dann auch noch Elektrogeräte immer effizienter werden, ist es umso wichtiger, dass es immer mehr davon gibt. Darauf allerdings können sie sich verlassen, da auch der Rest der Wirtschaft wachsen muss und das gleiche Ziel hat, immer mehr zu produzieren und zu verkaufen. Das heisst aber auch, die ganze Effizienzsteigerung der letzten Jahre hat den Energieverbrauch keinesfalls gesenkt, sondern immer mehr gesteigert. Mit dem technologischen Fortschritt und der Ausdehnung auf immer mehr Gebiete, sind wir in unserer Versorgungssicherheit im Alltag, neben dem höheren Verbrauch, auch immer abhängiger davon geworden.
Wenn ein grosser Konzern dies leisten muss, dann ist bei einem Produktionsengpass oder -ausfall, immer ein sehr grosses Gebiet und ein sehr grosser Teil der Bevölkerung betroffen. Hat ein regionales Unternehmen eine Panne, sind Wenige betroffen und die regionalen Nachbarn können mit Strom, oder der notwendigen Alltagsversorgung aushelfen.
Aus diesen Beispielen heraus erkennen wir ganz klar den Vorteil und die Sicherheit in der Versorgung durch lokale Stromproduzenten, welche ausserdem die Versorgungssicherheit in Vordergrund stellen und nicht den Erlös aus der Produktion und dem Verkauf. Wenn eine Gemeinschaft sich selber versorgt, dann setzt sie sich sehr kritisch mit allen 3 Punkten auseinander. Wofür produziere ich, wie produziere ich und wie sieht das Notfallkonzept bei einer Unterversorgung oder einem Ausfall aus.
Aus Sicht der Konzerne würde eine Selbstverantwortung für die Erzeugung ihres verbrauchten Stroms ein anderes Denken hervorbringen. Heute ist ein gängiges Modell der Marktwirtschaft, wer grosse Mengen kauft, bekommt Mengenrabatt. Bei einer Selbstversorgung wäre das nicht mehr der Fall. Erst Recht nicht, wenn ein Verbot oder eine sehr starke Besteuerung von fossilen Energien bzw einem umweltschädlichen Verhalten den Anreiz für ein Umdenken unterstützen würde. Auch Unternehmen, die an der lokalen Versorgung einer Gemeinde hängen, werden bei einer genossenschaftlichen Ausrichtung des Versorgers, ihr Verhalten den Zielen der Genossenschaft anpassen müssen. Für Grosskonzerne aus meiner Sicht undenkbar. Innovationen und technologischer Fortschritt im Bezug auf weniger Verbrauch, oder sogar noch das Umdenken im Bezug auf Marktwirtschaft und Konsum wäre sicher eine Folge davon.
Effizienz führt uns nicht in eine versorgungssichere Zukunft, schon gar nicht auf Basis von erneuerbaren Energien. Nur mit Suffizienz und dem radikalen Überdenken unseres von der Technik abhängigen Wohlstandbildes können wir ein böses Erwachen eines Tages verhindern.

Sieglinde Lorz