Die Globalisierung der Menschenströme (oder: Die Produktion von Flüchtlingen)

Wir leben in einer globalen Welt, ist ein gern genommener Satz. Er stimmt seit der Entstehung des Planeten, schliesslich ist die Erde ein in sich zusammenhängender Organismus. Doch was bedeutet dieser Satz, wenn sich plötzlich ein ökonomisches System breit machen will, das auf Kapital beruht? D.h. einige Menschen fangen an, Teile des Planeten als ihren Besitz zu erklären, erheben sich damit über die Natur und schliessen andere Menschen von diesem Besitz aus!

Nun mache ich einen Zeitsprung in der Entwicklung bis zu der Zeit, wo neue Welten entdeckt werden mussten, weil der Hunger nach Besitz, nach Macht, nach Bodenschätzen am ursprünglichen Ort nicht mehr gestillt werden konnte. Gebiete wurden neu besiedelt, weil es zu eng und unerträglich wurde. Der Wunsch und die Hoffnung nach einem besseren, selbstbestimmten Leben war ihr Antrieb. Und schon sind wir in der heutigen Zeit. Doch heute können wir nur noch bedingt neues Land erschliessen, und unser Wachstums-Konsum-Kreislauf zerstört das vorhandene immer mehr!

Nun wieder zu diesem Wirtschaftssystem, das auf Kapital und dessen Macht beruht und über das Mehr (an Schulden und Zinsen) finanziert wird. Tatsache ist – dies kann fundiert nachgelesen werden – wir haben ein Wirtschaftssystem, das Wachstum braucht, damit es die Schulden und den Zins für die getanen Investitionen zahlen kann. Dabei ist die Realwirtschaft schon längst nicht mehr der Herr über die Tauschgeschäfte mittels Geld, sondern die Geldwirtschaft ist der Ausbeuter der Realwirtschaft und deren natürlichen Ressourcen. Zu den natürlichen Ressourcen gehören auch wir Menschen. Wir sind keine unabhängigen Selbstversorger mehr auf unserem Heimatboden, sondern abhängige Arbeiter, die ihre Kraft verkaufen, um sich ernähren zu können. Das wird propagiert und gefördert. Was uns bei Laune hält, ist das Klassensystem und die Möglichkeit aufzusteigen auf der Gewinnerleiter. Es gibt immer eine Aussicht auf Entwicklung. Deswegen gibt es entwickelte Länder, Entwicklungsländer und die Armen der Ärmsten, die man gar nicht entwickeln will, weil man nur ihre Ressourcen braucht. Unsere Illusion von Wohlstand gilt als Mass, das allen „Unterentwickelten“ mit der einen Hand verkauft wird, während sie mit der anderen Hand ausgebeutet werden.
Entwicklungsländer braucht man aus zwei Gründen. Für die Verlagerung von Arbeitsplätzen und Umweltschäden für eine billigere Produktion und die Steigerung der Rendite (Wettbewerbsfähigkeit). Ausserdem müssen wir sie zu Konsumenten entwickeln, damit die Umsatzzahlen steigen. Nachdem wir die Ausbeutung der Rohstoffe mit der Kolonialisierung globalisiert hatten, die Produktionsstätten mit der Verlagerung von Arbeitsplätzen in „Billigländer“ globalisiert haben, müssen wir nun auch den Absatzmarkt globalisieren. Die Geldströme der losgelösten Finanzindustrie sind es ja sowieso.
Dieses System, das auf immer mehr Konsum beruht, hat einen Haken. Es benötig billige und nie mehr endende Ressourcen. Die haben wir auf diesem Planeten nicht. Also beginnt irgendwann (der Zeitpunkt ist längst überschritten) der Streit um die Ressourcen. Es entstehen Kriege, die nur ein Ziel haben: sich die Ressourcen für die Maschinerie zu sichern und möglichst Monopolstellungen zu entwickeln, damit diese für immer und ewig gesichert sind.

Wir haben Kriege überall dort, wo die Bodenschätze für unseren materiellen Wohlstand herkommen. Der für alle versprochene Wohlstand endet allerdings immer in Armut für viele und noch mehr Macht und Geld für Wenige. Die Kehrseite der Globalisierung von Ressourcen-, Waren- und Geldströmen ist, dass sie die Menschenströme mit einschliessen als logische Folge.
Die eine Form des Menschenstroms ist die Abwanderung billigerer Arbeitskräfte in reiche Länder. Jeder der sich in einem fremden Land ansiedeln möchte, geht gerne Kompromisse ein und freut sich Fuss fassen zu können, indem er auch schlechtere Bedingungen in Kauf nimmt, als die einheimische Bevölkerung. Für ihn ist das immer noch ein Gewinn. Also gehen die Guten des Landes immer in das nächstbessere Land, um eine Stufe auf der Wohlstandsleiter aufzusteigen. Das passiert auch innerhalb Europas. Die anderen flüchten vor existenzieller Bedrohung durch Armut und Krieg. Die Flüchtlingsströme von heute sind das Beispiel dafür.

Diese Entwurzelung und Zerstörung der lokalen, ökologisch-gesunden Kreisläufe, die wir Menschen brauchen und ein Teil davon sind, die Globalisierung der Lebensgrundlagen mit einer Macht- und Wohlstandskonzentration, löst auch bei den Menschen eine Dynamik aus, denen die Lebensgrundlagen weggerissen und -gebombt wurden. Wir können also nicht das eine wollen und das andere ablehnen. Das heisst, solange wir an diesem Rauptierkapitalismus festhalten, müssen wir akzeptieren, dass uns die Schattenseiten einholen und ihren Tribut fordern.
Alles was zuviel ist, schadet und zerstört, alles was zu wenig ist genügt nicht, kann nicht nähren und erhalten. Wieso halten wir immer noch an solch einem System fest, das als einzige Lösung für das Problem, das Problem kennt?
Es macht keinen Sinn, das Zuviel an Allem auf wenige Stellen zu konzentrieren und alles anderen in Wüsten zu verwandeln. Wir müssen solange auch die Flüchtlinge willkommen heissen, bis wir bereit sind dieses ganze „Wohlstandssytem“ loszulassen. Das eine bedingt das andere. Wann entscheiden wir uns für „genug und ausreichend“ und entschliessen uns für Kooperation statt Konkurrenz? Wann hören wir auf Waffen herzustellen, Kriege zu führen, um dieses System überall durchzusetzen und mit politischer Blindheit immer noch Wachstum zu predigen? Wann hören wir auf, uns über die Natur zu erheben und sehen endlich ein, dass wir ein Teil davon sind? Wie lange brauchen wir noch, bis die absolute Schmerzgrenze erreicht ist und wir merken, wir hier in der westlichen Welt erkranken und sterben gerade am Zuviel des Wohlstands!

Wir kämpfen um die globale Macht über nährenden Boden für unsere Wurzeln, statt lokal zu wurzeln und unsere Früchte zu teilen. Die Natur schenkt uns allen alles, was wir wirklich brauchen, in Fülle.
Es fehlt uns nicht am Wissen, Tatsachen zu erkennen und am Können, etwas zu ändern. Es fehlt uns am Mut anzufangen. Es ist unbequem (Schein-)Sicherheit durch Eigenverantwortung zu ersetzen. Doch Sicherheit loszulassen, ist der erste logische und notwendige Schritt, den können wir tun, ohne den ganzen Weg zu kennen. Wir kennen das Ziel – ein Leben in Genügsamkeit und Frieden. Das sollte reichen!

Sieglinde Lorz

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