Wirtschaftswachstum – Versuch einer begrifflichen Umorientierung

von Gerhard Binggeli, Dr.rer.pol.

Die ökonomische Wachstumsfrage ist schon recht alt: Im Laufe der Jahrhunderte gab es „stationäre Epochen“, Zeiten also, in denen sich die menschliche Gesellschaft mit einem gegebenen wirtschaftlichen Wohlstandsniveau zufrieden gab … ob erzwungenermassen durch die Tyrannei der Zeitumstände oder freiwillig aus einer bestimmten Haltung, einem Bewusstsein, einer Weltanschauung, bleibe dahingestellt.
Dann gab es „dynamische Epochen“, Zeiten also, die veränderungsfreudig waren, Gesellschaften, die für ihre Wirtschaft ganz bewusst Wachstum anstrebten.

Theorie und Praxis

Die nationalökonomischen Theorien begleiteten diese Epochen getreulich durch die Jahrhunderte. Die boshafte Frage, ob ökonomische Theorie Veränderungen in der Wirtschaft auslöse oder ob Veränderungen in der Wirtschaft erst im nachhinein neue ökonomische Theorien gebären, bleibe hier unbeantwortet.

Sicher ist eines: Die wirtschaftlichen Wachstumstheorien der Vergangenheit bis in die Gegenwart haben kaum andere Leute zu interessieren vermocht als eben Fachleute.

Ein Buch macht die grosse Ausnahme:

  • 1972 erschien der 1. Bericht des Club of Rome mit dem Titel Grenzen des Wachstums, ein Bericht, der ein weltweites und weit über die Fachkreise hinausreichendes Echo fand.

Mit Modellrechnungen und Computereinsatz versuchten die Autoren Forrester und Meadows die irdisch-materiellen Grenzen des Wachstums aufzuzeigen. Die Modelle und Rechnungen dieses Berichts sind kompliziert, die Aussagen eigentlich sehr einfach:

  • Unsere natürlichen Ressourcen sind endliche Grössen; wenn wir also weiterwirtschaften wie bisher, gehen Rohstoff- und Energievorräte in absehbarer Zeit zu Ende.
  • Die damit einhergehende Zerstörung der Umwelt bedeutet Zerstörung unseres Lebensraumes schlechthin.

Auf einmal war die Wachstumsfrage vergangener Zeiten zur Wachstumsproblematik geworden. Selbstverständlich wurde dem Bericht des Club of Rome widersprochen: den Grenzen des Wachstums wurde die Zukunft des Wachstums entgegengesetzt. Auf den Römer Bericht folgt die Kritik, auf die Kritik der zweite Bericht und die zweite Kritik … und so weiter.

Die Geister scheiden sich. Vereinfachend können wir sagen, dass zwei Lager entstanden sind:

  • Die Wachstumsbefürworter,
  • die Wachstumsgegner.

Die Wachstumsbefürworter argumentieren, dass die heute gesteckten gesellschaftspolitischen Ziele, wie zum Beispiel Vollbeschäftigung, ausreichende Altersvorsorge, Krankenversicherungen, Arbeitszeitreduktion usw., ja dass selbst ein ausreichender Umweltschutz nur über zusätzliches wirtschaftliches Wachstum zu erreichen seien.

Diese Gruppe ist konsequenterweise auch fortschrittsgläubig in einem technologischen Sinn: Fehlende Rohstoffe, fehlende Energiequellen werden dank neuen Technologien ihren Ersatz finden. Diese Leute halten sich an den Grundsatz des englischen Historikers Toynbee „Challenge and Response“. Der Mensch hat im Laufe seiner bisherigen Geschichte auf jede Herausforderung eine Antwort gefunden.

Die Wachstumsgegner haben es schwieriger; ihnen fehlt der technische Fortschrittsglaube. Schliesslich sind die grossen Probleme dieser Zeit durch Wissenschaft und die wirtschaftliche Nutzung technischer Möglichkeiten heraufbeschworen worden:

  • Umweltzerstörung in all ihren Formen, Rohstoff- und Energieverzehr, Bevölkerungsexplosion.
  • Wie also sollen die ökonomisch ausgerichtete Wissenschaft und die hypertrophierte industrielle Technik die Probleme lösen, deren Ursache sie recht eigentlich sind?

Die Wachstumsgegner (milder ausgedrückt die Wachstums-Skeptiker) haben es also schwieriger. Der erste Bericht des Club of Rome traf uns in einer Phase der Hochkonjunktur, der wirtschaftlichen Überhitzung mit sichtbaren Exzessen. Inzwischen aber hat es Rezessionen gegeben. In diesen Phasen Zweifel am Wachstum anzumelden ist eine heisse Sache. Man stelle sich den Politiker vor, der angesichts hoher Arbeitslosenquoten für Nullwachstum eintritt, ohne dabei politischen Selbstmord zu begehen.

Wer hat nun schliesslich recht, die Wachstumsgläubigen oder die Skeptiker?

Wie mir scheint, hat man sich bis heute nur ungenügend mit dem Begriff „Wachstum“ auseinandergesetzt. Ich möchte hier versuchen, das Problem „Wachstum“ vom Begrifflichen her anzugehen.

Ich bin nicht Biologe. Aber es scheint mir nützlich zu sein, den Wachstumsbegriff, wie ihn die Biologie kennt, an den Anfang unserer weiteren Überlegungen zu stellen:

  1. Die Biologie versteht unter Wachstum eine irreversible, also nicht umkehrbare Vergrösserung eines Organismus oder eines einzelnen Organs. Wassereinlagerungen, Schwellungen, Fettansätze und andere Speichervorgänge rechnet die Biologie nicht zum Wachstum.
  2. Beim biologischen Wachstum werden stoffliche Teile der Aussenwelt in den Stoffwechsel des Organismus einbezogen; dies vollzieht sich in einem Kreislauf: Der Organismus lebt in einem Fliessgleichgewicht mit seiner Umwelt.
  3. Biologisches Wachstum ist durch innere (entwicklungsphysiologische und genetische) Faktoren bestimmt. Ein Beispiel:
  • Im Samen einer Pflanze ist der Endzustand (ihr Erfüllungszustand) vorprogrammiert; die endgültige Grösse also, die Struktur und Form, ja sogar so wunderbare Dinge wie Farbe und Duft einer Rose sind im Wachstumskeim angelegt.
  • In der Philosophie nennen wir diesen Sachverhalt Entelechie. Das heisst:
  • Das Ziel von etwas Werdenden ist in diesem Werdenden selbst vorgegeben.
  • Wenn biologisches Wachstum bei Erreichen der normalerweise endgültigen Grösse nicht aufhört, sind wir zutiefst beunruhigt: Ein Mensch, der bei zwei Metern Grösse nicht zu wachsen aufhört, setzt sich selbst und seine Umwelt in Panik.
  • Und noch etwas: Wenn biologisches Wachstum unstrukturiert stattfindet, wenn etwa bei der Zellteilung nicht vorgegebene Formen und Strukturen entstehen, sondern gestaltloses Wachstum geschieht, so nennen wir dies nicht Wachstum, sondern … Wucher. In der Biologie bedeutet dies Krankheit und Zerfall, etwa beim Krebs.

Ich fasse die drei Punkte dieses biologischen Wachstumsbegriffs zusammen:

  1. Biologisches Wachstum ist ein irreversibler (nicht umkehrbarer) Prozess.
  2. Der wachsende Organismus befindet sich in einem Gleichgewicht zu seiner Umwelt.
  3. Der Wachstumskeim hat entelechische Eigenschaften: Nicht nur Beginn, Ablauf und Ende des Wachstums sind vorprogrammiert, sondern auch der hochkomplexe, hochdifferenzierte, voll durchstrukturierte Endzustand.

Wie sieht das nun in der Wirtschaft aus? Die aktuelle Theorie unterscheidet zwei Betrachtungsweisen:

  • Wachstum als unternehmungswirtschaftlicher Begriff.
  • Wachstum als volkswirtschaftlicher Begriff.

Wenn wir nun nach klaren Umschreibungen der beiden Begriffe Ausschau halten, stellen wir ein  beträchtliches Defizit fest. Es gibt zwar eine Menge mehr oder weniger gescheite Wachstumstheorien, aber niemand ist offenbar bereit, Wirtschaftswachstum definitorisch zu fixieren. Bereits 1961 hat George Young gesagt:

„Growth is one of he most frequently used yet least welldefined words in the business dictionary.“

Also: Wachstum ist eines der am häufigsten und doch am schlechtesten definierten Wörter im Wirtschaftslexikon.

Es gilt auch hier das Goethe-Wort: „Denn eben, wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein“.

Das Wort Wirtschaftswachstum, so, wie es heute in Theorien und Diskussionen gebraucht wird, unterscheidet sich in allen drei dargelegten Punkten vom biologischen Wachstum.

  1. Wirtschaftswachstum ist ein reversibler Prozess: Einzelne Unternehmungen, Wirtschaftszweige oder ganze Volkswirtschaften können wachsen oder schrumpfen. Allerdings ist unsere wirtschaftliche Welt derart wachstumsgläubig, dass man in Rezessionen, statt das Schrumpfen zuzugeben, den blödsinnigen Begriff Negativwachstum prägte. Mit einiger sprachlogischer Konsequenz müsste man dann für das Gegenteil den Begriff Positivschrumpfen erfinden. (…)
  2. Die Wirtschaft befindet sich kaum in einem Geichgewichtszustand zur Umwelt. (…) Ernst Bloch hat es einmal sehr krass formuliert:
    „Unsere industrielle Technik steht in der Natur wie eine Besatzungsarmee im Feindesland.“
  3. Weder Einzelunternehmungen, noch Wirtschaftszweige, noch Volkswirtschaften folgen der entelechischen Idee eines strukturierten Endzustandes. Wenn diese wirtschaftlichen Gebilde expandieren, so brauchen wir dafür das Wort Wachstum … für diese Art des Draufloswachsens ohne die Zielvorgabe einer endgültigen Grösse und Gestalt, braucht die Biologie nicht das Wort Wachstum, sondern das Wort Wucher.

Man muss sich also fragen, wie man für die Expansionsprozesse, so wie sie einzel- oder gesamtwirtschaftlich stattfinden, überhaupt den Begriff Wachstum aus der Naturbeobachtung entlehnen konnte. Das inhaltsmagere und unverbindliche Wort Expansion wäre passender.

Aber nun ist es eben so: Das Wort Wachstum hat sich unternehmungswirtschaftlich und  volkswirtschaftlich eingebürgert – sauber definiert ist es immer noch nicht.

Nehmen wir zuerst den unternehmungs-wirtschaftlichen Wachstumsbegriff:

Mangels klarer Definition arbeitet man mit Indikatoren zur Erfassung der Unternehmungsgrössen und deren Wachstum. Die Autoren Kortzfleisch und Zahn verwenden folgende Masseinheiten zur Repräsentation der Unternehmungsgrösse:

Unternehmungswirtschaftliches Wachstum liegt demnach dann vor, wenn diese Massgrössen einzeln oder gesamthaft rein quantitativ im zeitlichen Ablauf einen Zuwachs aufweisen. Wie man überhaupt sauber misst (vor allem die immateriellen Massgrössen) und wie man die einzelnen Grössen bei der Gesamtbeurteilung bewertet, darüber besteht nicht die geringste Übereinstimmung. Die Sache wird dann besonders widersprüchlich, wenn einzelne Grössen perfiderweise gegenläufige Abläufe zeigen.

Immerhin: Umsatzzahlen, Bilanzsummen, Beschäftigtenzahlen gelten als einigermassen aussagekräftig. Diese Art von Wachstum ergibt sich aus der Eigendynamik einer gut geführten Unternehmung. Unternehmungswirtschaftliches Wachstum ergibt sich aber auch durch Unternehmungsverbindungen, also durch Kartellierung, Vertrustung, Konzernbildung. Zur Illustration kann man das Organigramm oder die Beteiligungsliste eines beliebigen Konzerns zur Hand nehmen. Aus Platzgründen sei hier darauf verzichtet.

So oder so entstehen aber Mammutgebilde, die national oder international operieren. Angesichts dieser gewaltigen Kapitalverflechtungen denkt man unweigerlich an den von Marx für den Kapitalismus prognostizierten Prozess der Eigentumskonzentration; dies trifft nun interessanterweise kaum zu. Das Eigentum am Produktionsfaktor Kapital zeigt die Tendenz zu breiterer Streuung, vor allem, wenn man das Anlageverhalten der Sozialversicherungen mitberücksichtigt. Für die USA hat Prof. P.F. Drucker bereits 1985 geschätzt, dass rund 50 %des US-Aktienkapitals im Besitz der Sozialversicherungen sind.

Nicht die Eigentumskonzentration dieser ins Riesenhafte gewachsenen Unternehmungen ist bedrohlich, sondern ihre Machtkonzentration; wenn wir allgemein ein steigendes Unbehagen gegenüber diesen Gebilden registrieren, dann ist dies kaum wegen der Eigentumsfrage am Kapital, sondern wegen derer Machtfülle, wegen ihrer undurchsichtigen, anonymen Organisation, in welcher sich der Einzelne als kleines, bedeutungsloses, austauschbares und ausgeliefertes Teilchen vorkommen muss. Der berüchtigte Entfremdungsprozess findet eben nicht nur in der industriellen Fertigungsweise unserer Zeit statt, sondern zunehmend in der Anonymität der gigantischen Organisationen.

Prof. Wolfgang Engels von der Frankfurter Universität sagt es in einem Satz:

  • Die Lebensqualität der Menschen wir von der grossen Organisation (der staatlichen wie der privaten) bedroht.

Man kann argumentieren, dass solche Konzentrationen notwendig seien, um effizient zu bleiben, um rationalisieren zu können, um Forschung voranzutreiben, um binnenwirtschaftllich und an den Weltmärkten konkurrenzfähig zu bleiben usw. Eine Untersuchung des Internationalen Instituts für Management und Verwaltung im Wissenschaftszentrum Berlin widerlegt diese Argumentation eindeutig: In allen untersuchten Ländern brachten Unternehmungszusammenschlüsse nirgends

merkliche Ertragsverbesserungen; in den Niederlanden, Frankreich und Schweden ergaben sich sogar schlechtere Erträge im Vergleich zu jenen von nichtfusionierten Kontrollgruppen. Auch führten die Fusionen weder zu Preissenkungen noch zu höheren Umsätzen.

Wozu wird dann also fusioniert? Wozu werden durch Unternehmungszusammenschlüsse so kolossale Gebilde in die Welt gesetzt? Wenn die Berliner Untersuchung stimmt, dann scheiden rationale wirtschaftliche Motive aus, und dann bleibt nur noch eine triste Antwort möglich:

  • Fusionen sind das Resultat eines wirtschaftlichen Grössenwahnsinns, einer ökonomischen Megalomanie …

Und damit stellt sich natürlich die Frage nach einem sinnvollen unternehmungswirtschaftlichen Wachstum. Wie soll denn eine Unternehmung wachsen? Zu welcher Grösse soll sie anwachsen? Und welche Gestalt soll sie annehmen? Antworten auf diese Frage finden wir wohl nur, wenn wir die erwähnte Idee der Entelechie in unsere Überlegungen einbeziehen.
Dies bedeutet, dass wir uns bereits in der Phase der Unternehmungsgründung eine Vorstellung über die endgültige Grösse dieser Unternehmung machen müssen, die optimierte Grösse, die wünschbare Grösse.

Wir müssen lernen, so etwas wie eine optimale Unternehmungsgrösse als Unternehmungsziel zu formulieren. Diese statische und flexibel zu handhabende Zielvorgabe in Bezug auf die Grösse der Unternehmung schliesst qualitative Dynamik der Unternehmungsführung nicht aus.

Der Begriff der optimalen Betriebsgrösse ist in der Unternehmungswirtschaftslehre schon lange geläufig; er ergibt sich aus den Begriffen Kostenoptimierung, Ertragsoptimierung, Gewinnoptimierung.
Eine Antwort auf die Frage einer optimalen Betriebs- und Unternehmungsgrösse ist aber auch von einer ganz anderen Seite her möglich:

  • Ein Betrieb, eine Unternehmung, eine Organisation kann nämlich auch menschenoptimal, also menschlich sein.

Hier müssten uns Betriebspsychologie und Betriebssoziologie die dringend benötigten Antworten liefern.

(…)

Soviel zum unternehmungswirtschaftlichen Wachstum. Kommen wir zum volkswirtschaftlichen Wachstum:

Als Messgrösse des gesamtwirtschaftlichen Wachstumsprozesses nimmt man das Bruttosozialprodukt, also den Jahres-Output einer Volkswirtschaft an Gütern und Dienstleistungen. Erfolgreiche Volkwirtschaften und damit erfolgreiche Völker misst man an den Zuwachsraten des Sozialprodukts.

Steigender Ausstoss an Gütern und Diensten bei gleichzeitiger Reduktion der Arbeitszeit … das ist das euphorische Wachstumsbild.

Solches Wachstum ist möglich durch den technischen Fortschritt und die dadurch gesteigerte Produktivität.

Und auf der ökonomischen These von der Substituierbarkeit der Produktionsfaktoren Boden, Arbeit und Kapital lässt sich ein ebenso euphorisches Zukunftsbild entwerfen:

Die menschliche Urgesellschaft auf der Stufe der Jäger- und Sammlergemeinschaft kombiniert die Faktoren Boden und Arbeit, um so zu Konsumgütern zu gelangen.

Der aus Boden und Arbeit abgeleitete Faktor Kapital vergrössert und/oder reduziert den notwendigen Einsatz des Faktors Arbeit:

Je mehr technischer Fortschritt, desto mehr Kapitaleinsatz. Im theoretischen Grenzfall ergibt sich der folgende Endzustand

Es werden nur noch Boden und Kapital kombiniert, und trotzdem ist eine reiche Versorgung mit Konsumgütern sichergestellt … die perfekte Freizeit-, Konsum- und Überflussgesellschaft ist da.

In diese euphorische Wachstumsstimmmung kam nun in den späten Sechzigerjahren die Verunsicherung durch eine neue, kritische und vor allem nicht mit dem Trauma der Weltwirtschaftskrise der Dreissigerjahre und dem Trauma des Zweiten Weltkriegs belastete Generation.

Das Bruttosozialprodukt als Wohlstandsmesser oder gar als Wohlfahrtsmesser wurde angezweifelt; die Konsumgesellschaft wurde als Verschleiss- und Wegwerfgesellschaft apostrophiert, und ein Wachstum, welches das Bruttosozialprodukt zum Mass aller Dinge erhob, wurde abgelehnt. Das neu erfundene Wort Lebensqualität beherrschte plötzlich Literatur und Diskussion.

Aber hier zeigte sich einmal mehr: Ein neues Wort erfinden ist eines; einen neuen Begriff sauber definieren ein anderes. Das Sozialprodukt ist redlich definiert; eine klare Definition von Lebensqualität steht bis heute aus. Nach gewissen Fachleuten ist eine Definition von Lebensqualität gar nicht möglich. Trotzdem hat man versucht, Lebensqualität zu quantifizieren, und zwar anhand sogenannter sozialer Indikatoren, wie sie zum Beispiel die OECD ausgearbeitet hat:

  • Gesundheit
  • Bildung/Ausbildung
  • Arbeit
  • Freizeit
  • Verfügung über Sachgüter und Dienste, also Wohlstand im bisher definierten Sinn
  • Umwelt
  • Persönliche Sicherheit und Rechtsausübung
  • Gemeinschaftsleben

Dies sind nur die Hauptzielbereiche; die OECD arbeitet mit insgesamt 24 Hauptindikatoren. Wenn wir nun Lebensqualität mit diesen Indikatoren quantifizieren, so stellen sich analoge Probleme, wie wir sie schon bei den Messgrössen zur Darstellung der Unternehmungsgrösse gesehen haben.

Die immateriellen Indikatoren sind kaum quantifizierbar, die verschiedenen Indikatoren haben verschiedene Stellenwerte, einzelne weisen sogar gegenläufige Entwicklungen auf, so dass eine Gesamtbewertung von Lebensqualität mehr als fragwürdig ist.

  • Volkswirtschaftliches Wachstum als Wohlstandswachstum im Sinne einer Zunahme des Sozialprodukts ist messbar.
  • Wohlstandswachstum im Sinne einer Zunahme der Lebensqualität ist (wenigstens vorläufig) nicht messbar.

(…)

Müssen wir denn überhaupt messen? Das wäre hier die naive Frage. Die Antwort: Wir müssen!

Wenn wir wissen wollen, welche Entwicklungen unser Systeme, unsere Gesellschaften, unsere Wirtschaften durchlaufen, dann müssen wir vergleichen. Dann müssen wir zeitlich vergleichen, also Gestern-heute-Zustände messen. Dann müssen wir global vergleichen, also aktuelle Zustände in den verschiedenen Systemen, Ländern, Gesellschaften messen.

Was nun, wenn die Massstäbe fehlen?

In diese Situation platzte 1972 der erste Bericht des Club of Rome; und wenig später, gleichsam zur Illustration des Berichts, tat die erste Erdölkrise ihre ernüchternde Wirkung.

Plötzlich wurden von einer ganz anderen Seite her Massstäbe gesetzt: Die Endlichkeit der Ressourcen (Rohstoffe und Energie) wurde deutlich, die Grenzen des Wachstums wurden sichtbar.

Die schöne Gedankenspielerei mit der Substituierbarkeit der Produktionsfaktoren Boden, Arbeit und Kapital drehte in bitteren Ernst. Rein mengenmässig kann man den Faktor Boden wohl als Konstante in dieses Kalkül einsetzen. Boden aber ist mehr als Fläche; Boden ist Umwelt des Menschen in einem physikalischen/biologischen Sinn, ist belebte und unbelebte Natur, in welcher sich der Mensch bewegt, Boden ist Bau-, Anbau- und Abbaufläche. Und mindestens da, wo die Abbaufläche betroffen ist, bedeutet jedes Wachstum in der Produktion von Konsum- und/oder Produktivgütern eine Reduktion des Faktors Boden:

Der Traum von der Konsum-, Überfluss- und Freizeitgesellschaft wird zum Albtraum.

Die Warnschüsse des ersten Berichts des Club of Rome und der Erdölkrise verhallten nicht ungehört; das Echo war ein doppeltes: Auf der einen Seite (wie eingangs geschildert) Kritik am Römer Bericht, Kritik aber auch an der Politik der OPEC, auf der andern Seite die Geburt eines neuen Schlagwortes: Nullwachstum.

Was heisst nun Nullwachstum? Wenn schon Wachstumsdefinition und Wachstumsmassstab fehlen, wird Nullwachstum zum völlig nebulösen Begriff. Nun erinnert man sich an den guten alten gesamtwirtschaftlichen Wachstumsbegriff: Wirtschaftswachstum = Wachstum des Sozialprodukts.

Nullwachstum heisst demnach, dass jede Volkswirtschaft ihr Sozialprodukt auf dem bisherigen Stand stabilisiert, bedeutet, dass sich alle Völker dieser Erde mit dem bisherigen Versorgungsgrad an Gütern und Diensten zu begnügen haben.

Eine ungeheuerliche Forderung, denn sie bedeutet, dass die wirtschaftlich entwickelten Völker ihre bisherige umweltbelastende, rohstoff- und energieverzehrende Wirtschaftsweise auch in Zukunft weiterführen dürfen, bedeutet andrerseits, dass in Ländern der Dritten und Vierten Welt Hunger und Elend für die Zukunft abgesegnet wären.

Was dann, wenn nicht Nullwachstum?

Wir sollten den alten, scheinbar untauglichen Wachstumsbegriff wieder aufnehmen:

Wir definieren Wirtschaft als die Summe aller Massnahmen und Einrichtungen für die Versorgung des Menschen mit Sachgütern und Diensten.

Mit dem Sozialprodukt messen wir den Versorgungsgrad eines Volkes mit wirtschaftlichen Gütern; nicht Glück, Wohlfahrt oder Lebensqualität, sondern nur gerade mit wirtschaftlichen Gütern. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Aber wir sollten diesen Wachstumsbegriff mit der eingangs erwähnten Idee der Entelechie ausrüsten.

Wir müssen also die Ziele des Wachstums formulieren, wir müssen einsehen lernen, dass es einen optimalen Versorungsgrad eines Volkes mit wirtschaftlichen Gütern gibt, und dass eine Überschreitung dieses Optimums eine Schmälerung der Lebensqualität bedeutet.

Mit der Idee eines wirtschaftlichen Existenzminimums haben wir uns längst vertraut gemacht. Noch ist dieses Existenzminimum für viele Völker nicht erreicht: Hier ist Wirtschaftswachstum am Platz, hinauf auf ein Existenzminimum, das sogar regional definiert werden kann.

  • Die Idee eines wirtschaftlichen Existenzminimums ist uns, wie gesagt, vertraut.
  • Die Idee eines wirtschaftlichen Existenzoptimums ist uns fremd.

Auch ein Existenzoptimum kann man regional formulieren, als Resultat einer interdisziplinären Zusammenarbeit von Ökonomen, Ökologen, Soziologen, Psychologen.

Das heisst:

Der Begriff Wirtschaftswachstum ist neu entelechisch zu fassen.

Und das heisst:

Jede Wirtschaft ist auf einen grössenmässig und strukturell definierten Endzustand auszurichten.

Zum Schluss noch einmal der Vergleich Ist-Zustand und Sollzustand:

Bis heute ist Wirtschaftswachstum nichts als gestaltlose, orientierungslose Expansion ohne Zielvorgabe der Endgrössen und Endstrukturen.

Was wir brauchen sind Wirtschaften mit vordefinierten Dimensionen und Strukturen: Entelechisches Wachstum.

Geben wir das Schlusswort einem Biologen, Konrad Lorenz:

Der Irrglaube an ein ins Unendliche weiterwucherndes Wachstum von Wirtschaft und industrieller Technik trägt eindeutig die Züge einer Massenneurose. Neurosen aber sind dadurch heilbar, dass man dem Patienten ihre Ursache und ihre inneren Strukturen zum Bewusstsein bringt.


Dr. Gerhard Binggeli
Ehemaliger Dozent an der Ingenieurschule Burgdorf
Dieser Artikel erschien bereits am 8. Juli 1980 in der Wöchentlichen Industrie- und Handelszeitung „Technische Rundschau“.

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Die Wirtschaft wächst an Problemen

Warum wir lieber Probleme lösen, statt Ursachen zu beheben.

Neulich sagte ich mal gegenüber jemandem, dass die Wachstumswirtschaft es liebt, Probleme zu lösen und nicht Ursachen zu beseitigen. Er verstand mich nicht. Es ist subtil, deswegen möchte ich es hier an einem Beispiel erläutern. Mit einer Lösung kann man einen Markt erzeugen und bedienen. Die Lösung hat als Ziel den Verkauf und nicht die Problembehebung. Wenn sie noch Mängel aufweist, kann man durch die Weiterentwicklung des Produktes dieses erneut verkaufen. Wenn sie selber Nebenwirkungen, also Probleme, erzeugt, kann man die nächste Lösung entwickeln usw. Wenn man die Ursache behebt, ist man fertig.

Der unten verlinkte Artikel und die darin präsentierte Lösung dient als wunderbares Beispiel. Einige werden nun sagen, aber da wird doch die Ursache behoben. Nein, reingefallen! Es wird gerne so getan, als ob dies eine Behebung der Ursache ist, das Problem quasi bei der Wurzel angepackt wird, der störenden Natürlichkeit einer Verdauung entgegengewirkt wird. Das ist ein alter Trick der Pharmaindustrie, der uns mit jeder Pille neu serviert wird. Sie nehmen ihn gern, denn er funktioniert (noch). Mit der Kuh ist grundsätzlich alles in Ordnung. Mit ihrer Verdauung auch. Sie lebt wider ihre Natur und es gibt einfach zu viele davon und das soll so bleiben. Das ist ihr Ziel. Nur dann können sie viele Lösungen verkaufen.
Ich picke mir einen wunderbaren Satz aus dem Artikel heraus, welcher so schön darstellt, wie Wachstumswirtschaft erfolgreich an die Frau gebracht wird.
„Die Frage, wie er sich stoppen lässt, ohne dass die Konsumenten gleich auf Milch, Käse und Rindsfilets verzichten müssen, beschäftigt seit über zehn Jahren Forscher und Entwicklungsabteilungen auf der ganzen Welt.
Analysieren wir mal diesen Satz.

Wir müssen etwas stoppen. Stop steht für Gefahr, für ein hartes Eingreifen. Wir verhindern etwas was schadet, falsch läuft. Man wird nicht sofort zum Helden, aber man engagiert sich stark. Wir greifen ein, wir retten, ist die Botschaft.
Seit über zehn Jahren beschäftigen sich Wissenschaftler der ganzen Welt damit. Na so ein Einsatz und Aufwand! Puh, das gehört gewürdigt und belohnt! Das rechtfertigt jetzt wahrlich ein Milliardengeschäft.
Nun kommt das Leckerli: ohne dass die Konsumenten gleich auf Milch, Käse und Rindsfilets verzichten müssen. Na also ihr Konsumenten (das ist die Rollenzuweisung) Milch, Käse und Rindsfilet sind unser Wohlstand! Verstanden! Das wird noch einmal zementiert. Ihr müsst nicht „gleich verzichten“. Es ist eine Lösung, bei der keine Veränderung ins Negative nötig ist. Das Wort verzichten suggeriert automatisch eine Negativität. Die Botschaft heisst: Entspannung, es sind keine Opfer nötig. Keiner nimmt euch die Identität und Tradition mit Milch und Käse weg und den Wohlstand mit dem Rindsfilet dürft ihr auch behalten. Und wenn wir schon mal entspannt sind, können wir das Hinterfragen auch gleich sein lassen und weitermachen. Sie sind da, die Guten, haben unsere Identität und den Wohlstand im Auge, und nach einiger Anstrengung auch alles im Griff. Die Lösung für d a s Problem ist da. Es geht ja um nichts geringeres als die Treibhausgase. Mit Betonung auf das, denn die anderen Probleme der Massentierhaltung (für unseren Wohlstand!) werden in dem ganzen Artikel nicht erwähnt.

Es folgen die üblichen wissenschaftlichen Argumenten, die keiner prüfen kann und wird und natürlich werden die wirtschaftlichen Vorteile für die Bauern, die diese genialen Erfindung mit sich bringt, auch noch schnell durchgerechnet.
In einem Nebensatz wird erwähnt, dass es keine Nebenwirkungen gibt. Im Gegenteil, die Kuh gewinnt Energie bei der Verdauung. Sie gehört also auch zu den Gewinnern. Es wurde an das Wohl aller gedacht auch an den Tierschutz. Ethik erfüllt, abhaken. Dann wird noch ein wenig nobel über die Konkurrenz gesprochen und ihr Lösung zuletzt doch als minderwertiger präsentiert.

Was ist die Rolle des Verfassers dieses Berichtes? Er ist Texter und verfasst einen Artikel im Auftrag. Dieser soll sachlich erscheinen, ist aber eigentlich Werbung und soll subtil wirken.
Was ist die Rolle der Presse hier (oder mittlerweile allgemein)? Die Werbung, pardon Lösung an den Mann zu bringen. Auch sie gehört zum Wirtschaftskreislauf und muss Rendite erzeugen. Und so geht es weiter.

Wegen all diesen Abhängigkeiten in diesem auf Wachstum angewiesenen System werden wir nie Ursachen beheben. Wir können aus diesem Problem-Lösungs-Denken erst wieder herausfinden, wenn wir das System ändern. Dann beseitigen wir Ursachen und schaffen uns eine echte Chance zu überleben und einen natürlichen (statt diesem künstlichen) Wohlstand.

Ein Anfang ist, die Verantwortung für unser Denken nicht mehr an andere zu delegieren, die dies bisher erfolgreich und gewinnbringend nutzen. Sondern selber zu denken und zu hinterfragen. Auch das hat eine Ursache in uns selber. Vielleicht fangen wir genau dort an.

Sieglinde Kliemen

 

Link zum Artikel
https://www.derbund.ch/sonntagszeitung/milliardengeschaeft-mit-ruelpsenden-kuehen/story/13464239

 

Kaleidoskopische Bilder für einen Gesellschaftswandel

Zum neuen Buch von Franz Hochstrasser Dem Übermaß mit Maß begegnen {1}

Was tut man, wenn man zur Zeitbombe Konsum eine enzyklopädische Fülle von Informationen in leicht verständlicher Form zwischen zwei Buchdeckel bringen will? Wie kann man vorgehen, wenn einen dazu noch die Dringlichkeit des eigenen Anliegens antreibt? Diese Fragen mögen den Autor Franz Hochstrasser beschäftigt haben, als er sein drittes Buch zum Thema Konsumismus konzipierte und schrieb. Seine Lösung des Problems: Er präsentiert sein Material nicht in der Form einer geschlossenen Abhandlung mit Einleitung, Hauptteil und Schluss, sondern als kaleidoskopisch sich veränderndes Bild in immer wieder neuen Zusammensetzungen. Das ergibt neun Essays zu verschiedenen Aspekten des Themas. Einige Beispiele: Die Ökonomisierung des Alters. Warum handeln Menschen im Konsum gegen ihre eigenen Interessen? Die Zusammenhänge zwischen Digitalisierung, Fremdsteuerung und Autonomie im Konsum. Moral im Konsumismus. Verzicht als Zukunftsperspektive. Vorausdenken und Voraushandeln für Zukünfte. Der Autor erhebt keinen Anpruch auf objektive Gültigkeit seiner Erkenntnisse. Er steht zu seiner Subjektivität und stellt sich bewusst neben die Lesenden, die in sein Kaleidoskop gucken; er erklärt und kommentiert in der ersten Person die Bilder, die sich beim Drehen des Rohrs ergeben.

Gleich zu Beginn darf man festhalten: Das Buch ist eine Fundgrube für Leute, die Argumente und Unterstützung im kritischen Umgang mit dem allgegenwärtigen Konsumismus suchen. Der Autor hat sein schwieriges Thema mit einer Ernsthaftigkeit bearbeitet, die Respekt verdient. Ein erklärtermaßen wie ein Kaleidoskop konzipiertes Buch lässt sich schwer zusammenfassen. Die vom Autor gewählte Ichform der Darstellung lädt vielmehr zum Dialog ein. Man müsste bei jedem Bild innehalten, es kommentieren und darüber diskutieren können. Diese Rezension strebt deshalb nicht eine ausgewogene Darstellung und Würdigung des Buchs an. Stattdessen folgen hier einige Eindrücke, die sich mir beim Lesen aufgedrängt haben. Es ist eine Bilderreihe, die sich für mich beim Drehen des Rohrs ergeben hat. Ich präsentiere und kommentiere sie in der Ichform, wie Hochstrasser es mit seinen Kaleidoskopbildern tut.

Erstes Bild: Der Autor macht sich in Bezug auf die kapitalistische Wirtschaft keine Illusionen und will auch keine wecken. Er schildert den Kapitalismus als ein amoralisches Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, in dem die Kapitalakkumulation – also die Tatsache, dass aus Geld mehr Geld wird – immer Vorrang vor allen anderen Zielsetzungen hat. So schreibt er in Bezug auf die kapitalistische Wirtschaftsweise: «Diese ist so gebaut, dass der Zweck der Produktion nicht in „Lebensgütern“ für die Menschen liegt, sondern in der Verwertung des Kapitals, das in die Produktion investiert wurde. Das Kapital ist es zuerst, das wachsen muss. Die konkrete Güterproduktion ist ihm fast gleichgültig. Bei Bedarf hüpft es von der einen Produktion zu einer andern, die größeres Wachstum bzw. eine steigende Profitrate verheisst.» (25/26) So unverblümt benennen nach meinem Eindruck nur wenige konsum- und wachstumskritische Autoren den Kern des kapitalistischen Systems.

Zweites Bild: Hochstrasser räumt dem Begriff der Suffizienz hohe Priorität ein und spricht auch da Klartext: Eine suffizient lebende Gesellschaft kann unmöglich eine kapitalistische Gesellschaft sein (159). VertreterInnen der Décroissance- oder Degrowth-Bewegung und anderer wachstumskritischer Gruppen können in dieser Feststellung eine willkommene Bestätigung ihres eigenen Denkens und Handelns finden. Hochstrasser nennt die Wachstumsücknahme neben anderen Bewegungen als Beispiel für den antikapitalistischen Widerstand (94 und 172). Das ist ermutigend und kann das Bewusstsein kleiner wachstumsverweigernder Gruppen stärken, dass sie mit ihren Anliegen nicht allein sind.

Drittes Bild: Ich verhehle nicht, dass mir einige wenige Stellen im Buch nicht gefallen haben, weil sie das kaleidoskopische Farbenspiel stören: So muss etwa in einem wachstumskritischen Werk der zweimalige positive Bezug ausgerechnet auf den Wachstums- und Konsumfreak Michael Braungart befremden (25 und 155). Auch die Verwendung des Begriffs der nachhaltigen Entwicklung – glücklicherweise nur in einem Zitat, das nicht vom Autor selbst stammt (171) – wirkt im Buch wie ein Fremdkörper. Der Begriff wurde der Weltöffentlichkeit nach der Konferenz von Rio 1992 von einigen Konzernen unter der Führung des Schweizer Industriellen Stephan Schmidheiny aufgezwungen, als Leitbegriff der internationalen Umweltpolitik. Er ist ein typisches Beispiel für neoliberalen Neusprech und treibt sogar in «grünen» Publikationen immer noch sein Unwesen. Zwei sachliche Irrtümer sind mir ebenfalls aufgefallen: Effizienz und Effizienzsteigerung sind nicht das Gleiche, wie dies die Definition des Effizienzbegriffs auf Seite 151 könnte glauben machen. Und Etienne de la Boétie, der Autor des Traktats «Über die freiwillige Knechtschaft», dem Hochstrasser zu Recht viel Aufmerksamkeit widmet, gehört nicht ins siebzehnte Jahrhundert, sondern ins sechzehnte (76). Aber all dies tut meinem positiven Gesamteindruck von Hochstrassers Buch keinen Abbruch.

Viertes Bild: Das Thema des Autors ist zwar der Konsumismus, also ein durch Überkonsum charakterisiertes Subsystem des Kapitalismus, welches sich in den letzten Jahrzehnten gebildet hat und das Zusammenleben und die Mentalitäten der Menschen in unserer Gesellschaft formt und prägt. Aber darunter wird an verschiedenen Stellen des Buchs ein anderes, tiefer liegendes Thema sichtbar – ich vermute, dass es Hochstrassers eigentliches Thema ist: das Wirtschaftswachstum. Warum stellen sich die Menschen im neoliberal formatierten Kapitalismus freiwillig unter das Gebot des Wachstums, von dem man doch weiß, dass es für die Menschheit letztlich eine tödliche Gefahr ist? Ich finde es verdienstvoll, dass der Autor einerseits keine «pfannenfertige» Anwort auf diese Frage bereithält, andererseits aber in seinen Gedankengängen immer wieder um das Thema Wachstum kreist. Vier Ausdrücke habe ich im Laufe meiner Lektüre gefunden, mit denen er dem Rätsel des Wachstums beizukommen versucht. Er sieht Wachstum und Wachstumsdenken als «Mantra» (26), als «mentale Infrastruktur» (Harald Welzer) (46), als «Ideologie» (149) oder als «Ideologem» (166). Persönlich stimme ich dem allem zu. Ich meine, es ist das, was sich unweigerlich in den Köpfen der meisten Menschen festsetzt, die in einem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem unter Wachstumszwang leben müssen.

Fünftes Bild: Es ist heute in kapitalismuskritischen Publikationen üblich, Schuldige zu suchen und zu benennen: die Banker, die Reichen, die Manager, die Wall Street, das «eine Prozent» und so weiter. Hochstrasser ist da sehr zurückhaltend. Zwar spricht er den Konzernbesitzern, Parteibonzen und anderem Gelichter nicht einfach jegliche Verantwortung ab. Aber am interessantesten ist sein Text meines Erachtens da, wo er unter die Oberfläche der individuellen Verantwortlichkeiten vordringt. So gibt es dem Autor zufolge Fälle, wo «[…] Herrschaft selbst […] nicht fassbar, sondern nur an ihren freiheitsbeschränkenden Wirkungen zu erkennen [ist]. Sie bleibt nebulös und ungreifbar, wie Franz Kafka, das im Romanfragment „Das Schloss“ beschrieben hatte. Immerhin verfügt sie über Funktionäre, welche bürokratische Funktionen wahrnehmen.» (89) Der Autor benennt hier nach meinem Eindruck die anonyme Macht- und Herrschaftsstruktur, die bei Lewis Mumford {2} und Fabian Scheidler {3} «Megamaschine» heißt. Und wenn wir ins Jahr 1867 zurückgingen, würden wir im ersten Band des Kapitals von Karl Marx den seltsamen Begriff des «automatischen Subjekts» finden, ganz in der Nähe dessen, was Hochstrasser im zitierten Satz mit Bezug auf Kafka beschreibt. Solche Parallelen müssten all jenen zu denken geben, die glauben, die sozialen und ökologischen Probleme im Kapitalismus ließen sich schon lösen, wenn man nur endlich alle Verantwortlichen zur Rechenschaft zöge und ihre Machenschaften unterbinden würde.

Sechstes und letztes Bild: Was den nötigen Widerstand gegen das wachstumsgetriebene konsumistische System betrifft, so predigt Hochstrasser nicht positives Denken. Er steht in Bezug auf die Erfolgsaussichten sogar ausdrücklich zu seinem Pessimismus (168). Wie erholsam für Lesende, denen die allgemein verbindliche «Hofferei» (Wolf-Dieter Narr) auf eine bessere Gesellschaft manchmal auf die Nerven geht! Auch in diesem Zusammenhang spricht Hochstrasser ganz unverkrampft Klartext. Aber er stellt dem Pessimismus den kollektiven Willen zum Überleben gegenüber. Dieses Thema liegt offensichtlich in der Luft. Der eine Generation jüngere Tomasz Konicz kam vor einigen Monaten in seinem Buch Kapitalkollaps {4} zu ähnlichen Schlüssen. Hochstrasser fordert die Lesenden auf, den eigenen Pessimismus nicht zu leugnen oder zu verdrängen, sondern ihm zu widerstehen, so zu tun, als ob sie schon wüssten, dass ihr Engagement Früchte tragen werde, auch wenn das gegenwärtig überhaupt nicht klar ist (213). Dies ist eben die Rolle, die dem Autor zufolge auch die Décroissance-Bewegung zu spielen hat, gemeinsam mit vielen anderen Gruppen und Organisationen. Alle diese Bewegungen haben nämlich ein gemeinsames Ziel: «Zuoberst auf der Agenda steht, die demokratische Mitbestimmung der Menschen zu stärken sowie den ökologischen und sozialen Umbau der Wirtschaft und der Gesellschaft in Angriff zu nehmen oder weiterzuführen.» (170) Ich wünsche dem Buch und seinem Autor viele Leserinnen und Leser, die bereit und fähig sind, sich auf eine nicht allzu eilige, aufmerksame Lektüre einzulassen.

Ernst Schmitter, April 2017

{1} Franz Hochstrasser, Dem Übermaß mit Maß begegnen – Essays über Konsum, Verzicht und Genügsamkeit, Oekom Verlag, München 2017, ISBN: 978-3-96006-000-0
{2} Lewis Mumford: Mythos der Maschine. Kultur, Technik und Macht, Europa-Verlag, Zürich 1974
{3} Fabian Scheidler, Das Ende der Megamaschine, Promedia Verlag, Wien 2015, ISBN 978-3-85371-384-6
{4} Tomasz Konicz, Kapitalkollaps – Die finale Krise der Weltwirtschaft, KVV konkret, Hamburg 2016, ISBN 978-3-930786-80-0

 

Wachstumskritik oder Nachhaltigkeitstheater an der Uni Bern?

Zur Zeit findet eine Veranstaltungsreihe an der Uni in Bern statt mit dem Titel „Nachhaltigkeit und Wirtschaftswachstum – Ein Widerspruch?“. Vielversprechend, wenn man sich selber zu den Wachstumskritikern zählt. Ein Blick auf die Referentenliste dämpft allerdings schon ein wenig die Erwartung auf eine kritische Auseinandersetzung. An der Veranstaltung mit dem Schwerpunkt „Wirtschaftswachstum für den Wohlstand“ war ich dabei. Nur einer von  fünf Referenten konnte als wachstumskritisch gelten: Herr Prof. Dr. Mathias Binswanger. Nicht gerade ausgewogen.

Prof. Dr. Aymo Brunetti beschäftigte sich mit den Antworten auf die unberechtigte Kritik am Wirtschaftswachstum. Er hielt nur einen der häufigen Kritikpunkte (die er selber definierte) für „ernst zu nehmend“: den im Bezug auf die Umwelt. Das ökonomische Lösungsinstrument liegt schon bereit – die Lenkungsabgaben. Leider sind diese politisch kaum durchzusetzen. Unumstritten ist für Herrn Brunetti, dass Wachstum allen Menschen ein besseres Leben ermöglicht. Gleichzeitig gibt er aber auch zu, dass es eine Kluft zwischen Arm und Reich erzeugt, die grösser und ungerechter wird. Als Lösungsinstrument für die Umverteilung sieht er – Revolutionen!? Herr Brunetti, wenn Menschen, die von der Macht des Kapitals anhängig sind, eine Revolution starten müssen, um ihr Überleben zu sichern, was machen dann die Mächtigen? Verteilen sie Geld oder hagelt es Kugeln?
Ein weiteres unumstrittenes Gesetz ist für ihn auch, dass die Bedürfnisse der Menschen unbegrenzt sind. Menschen wollen ja nicht mehr vom Gleichen, sondern immer bessere Qualität und Neues. Zum Glück kam dies in der Podiumsdiskussion noch einmal zur Sprache und Herr Binswanger konnte an die perfekten Mechanismen der Werbung erinnern, welche Bedürfnisse suggerieren und schaffen um des Wachstums willen.
Für Herrn Brunetti ist Innovation die Lösung. Diese setzt auch das physikalische Paradox eines unbegrenzten Wachstums in einem physikalisch begrenzten Raum (Erde) ausser Kraft, es gilt dann eben nicht mehr.

Prof. Dr. Mathias Binswanger war ein wirklicher Lichtblick. Er zeigte, dass die Wachstumswirtschaft erst entstanden ist mit dem Wechsel aus dem Agrarzeitalter, wo der Boden die Grundlage der Wirtschaft war und an sich als Grösse konstant, in das Industriezeitalter mit dem Kapital als Grundlage und Taktgeber, das durch Zins und Zinseszins (und Schulden) unendliches Wachstum suggeriert bzw. theoretisch ermöglicht. Als Glücksforscher zeigt er auf, dass mehr Wachstum nicht mit mehr Wohlstand im Sinne eines subjektiven Wohlbefindens zu tun hat. Glücksempfinden ist immer relativ im Vergleich zu anderen. Je nachdem, wer als Vergleichsperson in meiner Gesellschaft zur Verfügung steht, dient dieser mir als Relation zu meinem Glücksempfinden. Interessant war eine Auswertung, die zeigt, dass in der Schweiz junge Menschen bis 19 und alte Menschen ab 65 eher glücklich sind und die Menschen, die im Arbeitsleben gefangen sind, eher unglücklich. Dazu eine Klammerbemerkung – das Durchschnittsalter der Besucher im Publikum war bei ca. 65. Die in der Wachstumswirtschaft eingebundenen Familienväter und -mütter hatten wohl andere Sorgen an einem Samstagvormittag.
Fazit von Herrn Binswanger war, dass Wachstum um des Wachstumswillen keinen Sinn macht. Glücklicher wird dank des Wachstums keiner.

Ab jetzt ging die Werbeveranstaltung so richtig los.

Zuerst mit Herrn Felix Kunz und einem Hohelied auf den Swiss Innovation Park. Technik ist die Lösung für alle Probleme, Innovation der Weg dahin, denn ohne LCD-Display könnten wir uns unser Leben heute gar nicht mehr vorstellen. Ok?!
Aber es kamen auch ein paar reflektierte Aussagen die man sich durchaus merken kann. Der Energiebedarf steigt erfahrungsgemäß mit dem Wachstum. AKWs und Solarzellen sind nicht nachhaltig. Handys sind innovativ und nachhaltig im Bezug auf den Stromverbrauch. Allerdings steckt darin Kinderarbeit, Krieg um Rohstoffe, Landgrabbing findet statt und viel Giftmüll wird erzeugt. Innovation muss sowohl der Wirtschaft als auch der Umwelt und der Gesellschaft nutzen. Deswegen muss der gesamte Lebenszyklus eines Produktes beachtet werden.

Dann folgte der Werbeblock von Uwe E. Jocham für CSL Behring. Er sprach von Nachhaltigkeit im Bezug auf den Bau von Unternehmensgebäuden, die wundervolle und wertschätzende Atmosphäre für Mitarbeiter. Der Begriff „war for talents“ der für die Abwerbung der Besten von der Konkurrenz steht, passt da nicht so in das idyllische Bild, aber sehr gut zu dem Konkurrenzsystem der Wachstumswirtschaft. Ihre Wachstumsstrategie sind innovative Produkte. Ausserdem können sie ihre Plasmaprodukte in vielen Ländern noch gar nicht verkaufen, da dort erst die Diagnosemöglichkeiten geschaffen werden müssen. Darin wird, wenn ich es richtig verstanden habe, investiert. So wird das Feld bereitet für eine Verdoppelung des Umsatzes von einer Milliarde auf zwei Milliarden. Ich erwähne das hier, weil ich die Mechanismen der Wachstumswirtschaft verdeutlichen möchte. Der Slogan hier lautet – wir retten Leben. Auch die Schaffung von vielen Arbeitsplätzen in der Schweiz als Totschlagargument der Wachstumswirtschaft war Teil des Vortrags.

Nun folgte ein Vortrag von Cornelia Diethelm von der Migros. Sie ging wirklich auf das Thema Wachstum und Nachhaltigkeit ein. Im Fokus standen hier die Zielkonflikte zwischen dem, was die Kunden fordern, wo die Wirtschaftlichkeit gegeben sein muss und wo Nachhaltigkeit ethisch und umweltbedingt wirklich gefordert ist. Migros setzt hier sehr stark auf die Zertifizierung von Lieferanten und deren Schulung. Dies nicht im Alleingang sondern in Zusammenarbeit mit der Konkurrenz, weil damit die positiven Effekte auch wirklich vergrössert bzw. besser durchgesetzt werden können. Allerdings finden sehr wenige Prüfungen über die Einhaltung der Standards statt. Auch kam klar herüber, dass eine Genossenschaft einen Vorteil hat, da sie Gewinne sofort wieder investieren kann und nicht die Gewinnausschüttung für die Kapitalgeber im Vordergrund steht. In der Diskussion später wurde die AG als Unternehmensform von Herrn Binswanger auch in Frage gestellt, weil durch solche Konstrukte die Wirtschaft (ausschliesslich) dem Kapital und dessen Wachstum verpflichtet ist.

Die Diskussion anschliessend war eher mager. Herr Brunetti und Herr Binswanger sassen zwar auf einem Podium, allerdings in unterschiedlichen Welten. Herr Jocham erlebte eine innere Zerrissenheit bei der Frage von Lenkungsabgaben auf CO2 Ausstoss, da dadurch die Globalisierung der Wirtschaft in Frage gestellt wird. Als Person war er klar dafür, doch als Unternehmer (der dem Wachstum verpflichtet ist) konnte er überhaupt nicht dafür sein. Also Nachhaltigkeit nur, wenn es nicht das eigene Wachstum betrifft.

Eine gute Idee konnte ich noch aus dem Innovationspark mitnehmen. Durch die 3D -Drucker kann es so weit kommen, dass Waren erst im Warenhaus vor Ort produziert werden und nur Daten und die Rohstoffe um die Welt geschickt werden. Das Rohstoff- und Müllproblem haben wir damit noch nicht gelöst, aber immerhin haben wir weniger Verkehr. Hatten wir das nicht früher schon, als Handwerker uns das herstellten, was wir wirklich brauchten? Wenn das wieder durch Menschen (nicht Roboter aus der Revolution 4.0) erledigt würde, vielleicht auch noch in einer menschlichen Gemeinschaft, könnte das Spass machen, die Kreativität und Freude fördern und auch noch den Zusammenhalt in der Gemeinschaft. Es würde mehr Zeit dafür benötigt, aber die hätten wir ja, wenn wir nicht mehr sinnlos produzieren und leisten. Auf die wahren Bedürfnisse angewendet, die eher von der Migros abgedeckt werden, würde das heissen, Migros liefert die Grundnahrungsmittel und wir kochen und  backen wieder selber. Vielleicht gemeinschaftlich in den Back- und Kochstuben der Migros Genossenschaft?

Fazit für mich: In einer Wirtschaft, wo Wachstum ein Muss ist und Nachhaltigkeit ein „Luxusproblem“ (Zitat Herr Brunetti), wird es keine Nachhaltigkeit geben. Erst wenn wir das ganze System hinterfragen, werden wir die Antworten finden, die uns auch die Innovation nicht bringen kann. Als Schlusswort möchte ich noch Herrn Binswanger zitieren, als er sich mit Herrn Brunetti in der Frage, wie Ökonomie zu verstehen ist (sie muss Nutzen erzeugen), zwar einig war, aber dann doch fragte: „Macht Wachstum um des Wachstums willen Sinn?“

Sieglinde Lorz

Informationen zur Veranstaltung finden Sie hier http://www.forum.unibe.ch/forumsprojekte/aktuelles_projekt/

„Home“ – Eine Hommage an die Erde

„Home“ – ein Film über den Planeten Erde. Über die Entstehung des Lebens und das Zusammenspiel des Ökosystems, wo alles perfekt aufeinander abgestimmt ist und miteinander funktioniert. Das, bis der Mensch – das einzige Wesen mit Vernunft – kam und sich von der Natur weg entwickelte. Wir erheben uns über die Natur und entfernten uns immer mehr von ihr. Trotz der intensiven Forschung verstehen wir heute weniger davon als die Naturvölker, welche mit ihr im Einklang leben.

Durch die Entdeckung der fossilen Brennstoffe kam der Aufschwung und die Massenproduktion vom Band. Maschinen wurden erfunden und verhalfen uns immer mehr zu Wohlstand. Die Bevölkerung explodierte durch den Fortschritt in Technik und Wissenschaft. Die letzten 50 Jahre der industriellen Revolution waren verheerender, als die ganzen 20’000 Jahre davor. Wir zogen vom Land weg und bauten (in den letzten 20 Jahre) gigantische Städte in Wüsten auf, wo es eigentlich keinen Tropfen Wasser gibt. Wolkenkratzer wurden ein Symbol von Wohlstand und Macht. Wir leben heute in einem Komfort und Überfluss, der keine materiellen Wünsche unbefriedigt lässt.

Doch gleichzeitig opfern wir die Natur durch deren Ausbeutung. Wir sind Verbraucher in einem Kreislauf der Natur, in dem wir kaum etwas zurück geben. Wir bauen Getreide für die Tiere an, statt für uns Menschen. Wir holzen ab, pflanzen immer mehr Monokulturen an und rotten eine Art nach der anderen aus. Wir heizen die Erde auf. Wohlstand und Reichtum gibt es nur für die wenigen Gewinner, welche auf dem Rücken der Verlierer entsteht, die an den Rändern der Millionenstädte auf Müllkippen leben und nicht in den schicken Vorstädten mit Einfamilienhäusern, oder den teuren Hochhäusern in der City.

Wir müssen immer mehr Mauern bauen, um „das Glück einiger vor dem Elend der anderen zu schützen“. Wir leben einen Systemfehler. „Wir heizen das Wachstum an wie einen unersättlichen Motor, der immer mehr Benzin braucht.“ Doch Wachstum bringt nur noch mehr Ungerechtigkeit, Armut und Zerstörung. Es nimmt uns den Boden unter den Füssen weg. Verwandelt fruchtbaren Boden in Wüsten. Wir hängen von der Technik und den Maschinen ab. „Das Ende der Erdölforderung wird unser Leben bestimmen.“ Die Kriege darum führen wir heute schon im nahen Osten und in Afrika.

Nur langsam fangen wir an umzudenken. Wir reden über erneuerbare Energien und manchmal tun wir auch etwas dafür. Doch das reicht nicht. Schon gar nicht, wenn wir dabei im Hinterkopf schon wieder nur das Wirtschaftswachstum haben und Arbeitsplätze sichern wollen. Nicht die Arbeitsplätze ernähren uns, sondern die Pflanzen dieser Erde. Die können nur in einem intakten Ökosystem wachsen. Dazu brauchen sie weder chemische Düngemittel noch Pestizide, welche beide auch wiederum aus Erdöl gewonnen werden. Im Gegenteil, mit der ganzen chemischen und maschinellen Landwirtschaft haben wir den humusreichen Boden zerstört. Unsere heutigen Böden sind leblos und hängen am Tropf der agrochemischen Industrie und somit an den sehr endlichen Erdölreserven.

Der Film ist ein Überblick und kann nicht die Details zu allen Themen in der Tiefe bringen. Doch er zeigt uns, wir müssen verantwortliche Verbraucher werden. Wir müssen das System hinterfragen und ändern. Wir müssen anfangen miteinander und füreinander zu handeln, damit wir als Spezies zusammen mit den anderen Arten überleben können.

Es gibt immer mehr Länder die anfangen umzudenken. Costa Rica z.B. hat keine Armee mehr und hat sich entschieden, das Geld in den Naturschutz zu investieren.

Egal welchen Weg wir gehen, die Entscheidung liegt bei uns. Doch nur ein Weg der Achtsamkeit, Genügsamkeit, des Miteinander und des Friedens wird eine Lösung bringen, die unser Überleben, als menschliches Wesen mit Vernunft, sichert.

Lasst uns heute damit beginnen.

Sieglinde Lorz

Link zum Film „Home“ in voller Länge. https://www.youtube.com/watch?v=39ZtMx4PcsA

Wachstum – ein Missverständnis

Unser lineares Denken hindert uns oft an der Vorstellung, was dauerndes prozentuales Wachstum bedeutet und wo es hinführt. Bilder mit Zahlen wie „ich werde schön gleichmässig immer ein Jahr älter“, „ich bekomme jeden Monat meinen gleichen Lohn“ sind uns geläufig.

Prozentuales Wachstum hingegen ist nicht mehr linear. Es ist das, was unser Wirtschaftssystem „fordert“:
2% Wachstum pro Jahr, 5% Zins pro Jahr, 12% Rendite pro Jahr und andere phantastische Versprechungen.
Grafisch aufgetragen führt prozentuales Wachstum zu einer ständig steiler werdenden Kurve. Zu exponentiellem Wachstum.
Nichts in Natur oder Technik kann ewig wachsen, schon gar nicht exponentiell. Aber genau das will „die Wirtschaft“.

Ein häufiger Denkfehler, der sich aus ergibt:
10 Jahre lang 5% Wachstum ergebe 50% (5% x 10). Aber das ist falsch.
10 Jahre 5% ergibt schon 62,9% (Berechnung [{1,05 hoch 10} -1] x 100).

Die beiden Kurven in der Grafik haben in der Gegenwart (Zeitpunkt null) die gleiche Wachstumsrate von 5%.
Die Höhe der violetten, exponentiellen Kurve mit konstantem prozentualen Wachstum verdoppelt sich aber in gleichmässigen Abständen. Als Faustregel, welche sich aus der Mathematik der Exponentialfunktion ergibt, kann man die Verdoppelungzeit berechnen aus 70 geteilt durch die Wachstumsrate. Hier also z.B. 70 durch 5% pro Jahr = 14 Jahre (und nicht 20 Jahre wie bei linearem Denken).
Die grüne Kurve hat anfangs mehr als 5% Wachstum, welches dann langsam auf 0% zurückgeht.

Exponentielles Wachstum ist krank, weil unnatürlich. Kein physikalisches oder biologisches System kann längere Zeit auf solche Weise wachsen, wie man es für die Wirtschaft bis in alle Ewigkeit vorgesehen hat. Die vermeintlichen Ausnahmen (Krebsgeschwüre) geben sich unweigerlich der Selbstzerstörung preis.

Gesundes, natürliches Wachstum respektiert Ressourcen und Systemgrenzen. So wie ein Baby oder jedes andere Lebewesen wächst. Dies zeigt sich im sogenannt logistischen Wachstum, in welchem ein anfänglich möglicher, sogar exponentieller Anstieg sich abflacht und zu einer stabilen Situation führt.

Wie kann sich eine angeblich „freie“ Marktwirtschaft dem bekannten, derart kranken Zwang zu immer mehr, grösser, schneller unterwerfen, der nur während begrenzter Zeit und dank Plünderung an natürlichen Ressourcen und dem Raubzug auf die Bedürfnisse unserer Nachkommen möglich ist?

Thomas Schneeberger