Wachstumskritik oder Nachhaltigkeitstheater an der Uni Bern?

Zur Zeit findet eine Veranstaltungsreihe an der Uni in Bern statt mit dem Titel „Nachhaltigkeit und Wirtschaftswachstum – Ein Widerspruch?“. Vielversprechend, wenn man sich selber zu den Wachstumskritikern zählt. Ein Blick auf die Referentenliste dämpft allerdings schon ein wenig die Erwartung auf eine kritische Auseinandersetzung. An der Veranstaltung mit dem Schwerpunkt „Wirtschaftswachstum für den Wohlstand“ war ich dabei. Nur einer von  fünf Referenten konnte als wachstumskritisch gelten: Herr Prof. Dr. Mathias Binswanger. Nicht gerade ausgewogen.

Prof. Dr. Aymo Brunetti beschäftigte sich mit den Antworten auf die unberechtigte Kritik am Wirtschaftswachstum. Er hielt nur einen der häufigen Kritikpunkte (die er selber definierte) für „ernst zu nehmend“: den im Bezug auf die Umwelt. Das ökonomische Lösungsinstrument liegt schon bereit – die Lenkungsabgaben. Leider sind diese politisch kaum durchzusetzen. Unumstritten ist für Herrn Brunetti, dass Wachstum allen Menschen ein besseres Leben ermöglicht. Gleichzeitig gibt er aber auch zu, dass es eine Kluft zwischen Arm und Reich erzeugt, die grösser und ungerechter wird. Als Lösungsinstrument für die Umverteilung sieht er – Revolutionen!? Herr Brunetti, wenn Menschen, die von der Macht des Kapitals anhängig sind, eine Revolution starten müssen, um ihr Überleben zu sichern, was machen dann die Mächtigen? Verteilen sie Geld oder hagelt es Kugeln?
Ein weiteres unumstrittenes Gesetz ist für ihn auch, dass die Bedürfnisse der Menschen unbegrenzt sind. Menschen wollen ja nicht mehr vom Gleichen, sondern immer bessere Qualität und Neues. Zum Glück kam dies in der Podiumsdiskussion noch einmal zur Sprache und Herr Binswanger konnte an die perfekten Mechanismen der Werbung erinnern, welche Bedürfnisse suggerieren und schaffen um des Wachstums willen.
Für Herrn Brunetti ist Innovation die Lösung. Diese setzt auch das physikalische Paradox eines unbegrenzten Wachstums in einem physikalisch begrenzten Raum (Erde) ausser Kraft, es gilt dann eben nicht mehr.

Prof. Dr. Mathias Binswanger war ein wirklicher Lichtblick. Er zeigte, dass die Wachstumswirtschaft erst entstanden ist mit dem Wechsel aus dem Agrarzeitalter, wo der Boden die Grundlage der Wirtschaft war und an sich als Grösse konstant, in das Industriezeitalter mit dem Kapital als Grundlage und Taktgeber, das durch Zins und Zinseszins (und Schulden) unendliches Wachstum suggeriert bzw. theoretisch ermöglicht. Als Glücksforscher zeigt er auf, dass mehr Wachstum nicht mit mehr Wohlstand im Sinne eines subjektiven Wohlbefindens zu tun hat. Glücksempfinden ist immer relativ im Vergleich zu anderen. Je nachdem, wer als Vergleichsperson in meiner Gesellschaft zur Verfügung steht, dient dieser mir als Relation zu meinem Glücksempfinden. Interessant war eine Auswertung, die zeigt, dass in der Schweiz junge Menschen bis 19 und alte Menschen ab 65 eher glücklich sind und die Menschen, die im Arbeitsleben gefangen sind, eher unglücklich. Dazu eine Klammerbemerkung – das Durchschnittsalter der Besucher im Publikum war bei ca. 65. Die in der Wachstumswirtschaft eingebundenen Familienväter und -mütter hatten wohl andere Sorgen an einem Samstagvormittag.
Fazit von Herrn Binswanger war, dass Wachstum um des Wachstumswillen keinen Sinn macht. Glücklicher wird dank des Wachstums keiner.

Ab jetzt ging die Werbeveranstaltung so richtig los.

Zuerst mit Herrn Felix Kunz und einem Hohelied auf den Swiss Innovation Park. Technik ist die Lösung für alle Probleme, Innovation der Weg dahin, denn ohne LCD-Display könnten wir uns unser Leben heute gar nicht mehr vorstellen. Ok?!
Aber es kamen auch ein paar reflektierte Aussagen die man sich durchaus merken kann. Der Energiebedarf steigt erfahrungsgemäß mit dem Wachstum. AKWs und Solarzellen sind nicht nachhaltig. Handys sind innovativ und nachhaltig im Bezug auf den Stromverbrauch. Allerdings steckt darin Kinderarbeit, Krieg um Rohstoffe, Landgrabbing findet statt und viel Giftmüll wird erzeugt. Innovation muss sowohl der Wirtschaft als auch der Umwelt und der Gesellschaft nutzen. Deswegen muss der gesamte Lebenszyklus eines Produktes beachtet werden.

Dann folgte der Werbeblock von Uwe E. Jocham für CSL Behring. Er sprach von Nachhaltigkeit im Bezug auf den Bau von Unternehmensgebäuden, die wundervolle und wertschätzende Atmosphäre für Mitarbeiter. Der Begriff „war for talents“ der für die Abwerbung der Besten von der Konkurrenz steht, passt da nicht so in das idyllische Bild, aber sehr gut zu dem Konkurrenzsystem der Wachstumswirtschaft. Ihre Wachstumsstrategie sind innovative Produkte. Ausserdem können sie ihre Plasmaprodukte in vielen Ländern noch gar nicht verkaufen, da dort erst die Diagnosemöglichkeiten geschaffen werden müssen. Darin wird, wenn ich es richtig verstanden habe, investiert. So wird das Feld bereitet für eine Verdoppelung des Umsatzes von einer Milliarde auf zwei Milliarden. Ich erwähne das hier, weil ich die Mechanismen der Wachstumswirtschaft verdeutlichen möchte. Der Slogan hier lautet – wir retten Leben. Auch die Schaffung von vielen Arbeitsplätzen in der Schweiz als Totschlagargument der Wachstumswirtschaft war Teil des Vortrags.

Nun folgte ein Vortrag von Cornelia Diethelm von der Migros. Sie ging wirklich auf das Thema Wachstum und Nachhaltigkeit ein. Im Fokus standen hier die Zielkonflikte zwischen dem, was die Kunden fordern, wo die Wirtschaftlichkeit gegeben sein muss und wo Nachhaltigkeit ethisch und umweltbedingt wirklich gefordert ist. Migros setzt hier sehr stark auf die Zertifizierung von Lieferanten und deren Schulung. Dies nicht im Alleingang sondern in Zusammenarbeit mit der Konkurrenz, weil damit die positiven Effekte auch wirklich vergrössert bzw. besser durchgesetzt werden können. Allerdings finden sehr wenige Prüfungen über die Einhaltung der Standards statt. Auch kam klar herüber, dass eine Genossenschaft einen Vorteil hat, da sie Gewinne sofort wieder investieren kann und nicht die Gewinnausschüttung für die Kapitalgeber im Vordergrund steht. In der Diskussion später wurde die AG als Unternehmensform von Herrn Binswanger auch in Frage gestellt, weil durch solche Konstrukte die Wirtschaft (ausschliesslich) dem Kapital und dessen Wachstum verpflichtet ist.

Die Diskussion anschliessend war eher mager. Herr Brunetti und Herr Binswanger sassen zwar auf einem Podium, allerdings in unterschiedlichen Welten. Herr Jocham erlebte eine innere Zerrissenheit bei der Frage von Lenkungsabgaben auf CO2 Ausstoss, da dadurch die Globalisierung der Wirtschaft in Frage gestellt wird. Als Person war er klar dafür, doch als Unternehmer (der dem Wachstum verpflichtet ist) konnte er überhaupt nicht dafür sein. Also Nachhaltigkeit nur, wenn es nicht das eigene Wachstum betrifft.

Eine gute Idee konnte ich noch aus dem Innovationspark mitnehmen. Durch die 3D -Drucker kann es so weit kommen, dass Waren erst im Warenhaus vor Ort produziert werden und nur Daten und die Rohstoffe um die Welt geschickt werden. Das Rohstoff- und Müllproblem haben wir damit noch nicht gelöst, aber immerhin haben wir weniger Verkehr. Hatten wir das nicht früher schon, als Handwerker uns das herstellten, was wir wirklich brauchten? Wenn das wieder durch Menschen (nicht Roboter aus der Revolution 4.0) erledigt würde, vielleicht auch noch in einer menschlichen Gemeinschaft, könnte das Spass machen, die Kreativität und Freude fördern und auch noch den Zusammenhalt in der Gemeinschaft. Es würde mehr Zeit dafür benötigt, aber die hätten wir ja, wenn wir nicht mehr sinnlos produzieren und leisten. Auf die wahren Bedürfnisse angewendet, die eher von der Migros abgedeckt werden, würde das heissen, Migros liefert die Grundnahrungsmittel und wir kochen und  backen wieder selber. Vielleicht gemeinschaftlich in den Back- und Kochstuben der Migros Genossenschaft?

Fazit für mich: In einer Wirtschaft, wo Wachstum ein Muss ist und Nachhaltigkeit ein „Luxusproblem“ (Zitat Herr Brunetti), wird es keine Nachhaltigkeit geben. Erst wenn wir das ganze System hinterfragen, werden wir die Antworten finden, die uns auch die Innovation nicht bringen kann. Als Schlusswort möchte ich noch Herrn Binswanger zitieren, als er sich mit Herrn Brunetti in der Frage, wie Ökonomie zu verstehen ist (sie muss Nutzen erzeugen), zwar einig war, aber dann doch fragte: „Macht Wachstum um des Wachstums willen Sinn?“

Sieglinde Lorz

Informationen zur Veranstaltung finden Sie hier http://www.forum.unibe.ch/forumsprojekte/aktuelles_projekt/

Werbeanzeigen

Mobilität – Fetisch oder Bedürfnis ?

Für gewisse Politiker*innen ist Mobilität nicht ein notwendiges Übel, sondern Garantin des sozialen Zusammenhalts, Markenzeichen für Weltoffenheit und Motor des Fortschritts. So wird sie unversehens vom Mittel zum Selbstzweck. Deshalb wird hier  gefragt: Wo sollte die Mobilität in unserer Rangordnung der Werte stehen? Wieviel Mobilität brauchen wir wirklich?

Mobilität als Fetisch
In einer zeitlich weit zurückliegenden Kultur, der wir ohne Zweifel viel verdanken, galt Mobilität so gut wie nichts: im klassischen Athen. Sokrates machte keine Ferienreisen. Aber heute fliegen jährlich Hunderttausende von Zürich, Basel oder Genf in die ganze Welt und werden dadurch doch nicht klüger. Weit entfernte Reiseziele sind zu Statussymbolen geworden. Meistens werden anglophone Länder besucht, aber wenn das Ziel in Asien oder Afrika liegt, dann wagt man sich nur in die Metropolen und in speziell ausgestattete Feriensiedlungen, wo man sich mit Englisch durchschlagen kann. Deshalb erleben diese Reisenden vor allem eine touristische Inszenierung. Zwar gibt es auch Mutige, die sich von den ausgetretenen Pfaden des Massentourismus entfernen und den direkten Kontakt mit fremden Kulturen suchen (soweit dies ohne Kenntnis der Landessprache überhaupt möglich ist), aber sie sind in der Minderheit.

Der ungeheure Aufschwung des Ferntourismus hängt natürlich auch mit den Preisen der Flüge zusammen, die heute extrem tief sind. Es ist unverständlich, dass Flughäfen und Fluggesellschaften immer noch steuerlich begünstigt werden. Das Gegenteil wäre aus ökologischen Gründen richtig. Ein hoher Zuschlag für den CO2-Ausstoss und eine angemessene Entschädigung für den Lärm würden zu vernünftigen Preisen führen und auf Kurz- und Mittelstrecken die Bahn wieder konkurrenzfähig machen. Den Lärm hört man übrigens nicht nur in der Nähe der Flughäfen. Wer sich in der Schweiz fern von allen Strassen und Bahnen erholen will und sein Gehör noch nicht in Diskotheken geschädigt hat, kann mindestens einmal alle zehn Minuten einen Flieger hören, der von Zürich, Basel, Genf oder Mailand gestartet ist. Und dann sind da auch noch diese weissen Kondensstreifen, die fast immer den blauen Himmel verschandeln. Die Verursacher dieser Übel müssen endlich zur Kasse gebeten werden.

2. Wieviel Mobilität brauchen wir?
Wohnung und Arbeitsplatz sind heute fast immer räumlich getrennt. Das lässt sich kaum ändern, aber die mittlere Entfernung zwischen beiden ist viel grösser als notwendig wäre. Wenn man absieht von berufstätigen Paaren mit weit auseinander liegenden Arbeitsorten, dann sind die Gründe hohe Wohnungsmieten in den Städten, aber auch der Wunsch, im eigenen Haus im Grünen zu wohnen. Damit noch nicht zufrieden, wollen einige auch noch freie Sicht auf die Alpen oder auf einen See. Deshalb gibt es Leute, die in Bern arbeiten, aber am Thunersee wohnen. Wenn diese sich über volle Züge oder Staus auf der Autobahn zwischen Bern und Thun beklagen, dann muss ihnen gesagt werden: Ihr seid selber schuld.

Auch in der Freizeit wollen wir mobil sein. Es gehört zum menschlichen Leben, dass man Freunde und Verwandte hat, die man hin und wieder treffen will. Gegen solche Reisen ist nichts einzuwenden, wenn die Distanzen moderat sind. Auch die Teilnahme am politischen und kulturellen Leben der Region, in der man lebt, erfordert Beweglichkeit. Darauf soll niemand verzichten. Etwas anderes sind die Fahrten zu touristischen Zielen, die heute den grössten Teil des Personenverkehrs an Wochenenden ausmachen. Hier gilt: weiter ist nicht per se schöner. Wer im Mittelland oder in den Voralpen wandert, kann an einem Tag mehr erleben als bei einer Autofahrt über fünf Alpenpässe.

Helmut Knolle

„Home“ – Eine Hommage an die Erde

„Home“ – ein Film über den Planeten Erde. Über die Entstehung des Lebens und das Zusammenspiel des Ökosystems, wo alles perfekt aufeinander abgestimmt ist und miteinander funktioniert. Das, bis der Mensch – das einzige Wesen mit Vernunft – kam und sich von der Natur weg entwickelte. Wir erheben uns über die Natur und entfernten uns immer mehr von ihr. Trotz der intensiven Forschung verstehen wir heute weniger davon als die Naturvölker, welche mit ihr im Einklang leben.

Durch die Entdeckung der fossilen Brennstoffe kam der Aufschwung und die Massenproduktion vom Band. Maschinen wurden erfunden und verhalfen uns immer mehr zu Wohlstand. Die Bevölkerung explodierte durch den Fortschritt in Technik und Wissenschaft. Die letzten 50 Jahre der industriellen Revolution waren verheerender, als die ganzen 20’000 Jahre davor. Wir zogen vom Land weg und bauten (in den letzten 20 Jahre) gigantische Städte in Wüsten auf, wo es eigentlich keinen Tropfen Wasser gibt. Wolkenkratzer wurden ein Symbol von Wohlstand und Macht. Wir leben heute in einem Komfort und Überfluss, der keine materiellen Wünsche unbefriedigt lässt.

Doch gleichzeitig opfern wir die Natur durch deren Ausbeutung. Wir sind Verbraucher in einem Kreislauf der Natur, in dem wir kaum etwas zurück geben. Wir bauen Getreide für die Tiere an, statt für uns Menschen. Wir holzen ab, pflanzen immer mehr Monokulturen an und rotten eine Art nach der anderen aus. Wir heizen die Erde auf. Wohlstand und Reichtum gibt es nur für die wenigen Gewinner, welche auf dem Rücken der Verlierer entsteht, die an den Rändern der Millionenstädte auf Müllkippen leben und nicht in den schicken Vorstädten mit Einfamilienhäusern, oder den teuren Hochhäusern in der City.

Wir müssen immer mehr Mauern bauen, um „das Glück einiger vor dem Elend der anderen zu schützen“. Wir leben einen Systemfehler. „Wir heizen das Wachstum an wie einen unersättlichen Motor, der immer mehr Benzin braucht.“ Doch Wachstum bringt nur noch mehr Ungerechtigkeit, Armut und Zerstörung. Es nimmt uns den Boden unter den Füssen weg. Verwandelt fruchtbaren Boden in Wüsten. Wir hängen von der Technik und den Maschinen ab. „Das Ende der Erdölforderung wird unser Leben bestimmen.“ Die Kriege darum führen wir heute schon im nahen Osten und in Afrika.

Nur langsam fangen wir an umzudenken. Wir reden über erneuerbare Energien und manchmal tun wir auch etwas dafür. Doch das reicht nicht. Schon gar nicht, wenn wir dabei im Hinterkopf schon wieder nur das Wirtschaftswachstum haben und Arbeitsplätze sichern wollen. Nicht die Arbeitsplätze ernähren uns, sondern die Pflanzen dieser Erde. Die können nur in einem intakten Ökosystem wachsen. Dazu brauchen sie weder chemische Düngemittel noch Pestizide, welche beide auch wiederum aus Erdöl gewonnen werden. Im Gegenteil, mit der ganzen chemischen und maschinellen Landwirtschaft haben wir den humusreichen Boden zerstört. Unsere heutigen Böden sind leblos und hängen am Tropf der agrochemischen Industrie und somit an den sehr endlichen Erdölreserven.

Der Film ist ein Überblick und kann nicht die Details zu allen Themen in der Tiefe bringen. Doch er zeigt uns, wir müssen verantwortliche Verbraucher werden. Wir müssen das System hinterfragen und ändern. Wir müssen anfangen miteinander und füreinander zu handeln, damit wir als Spezies zusammen mit den anderen Arten überleben können.

Es gibt immer mehr Länder die anfangen umzudenken. Costa Rica z.B. hat keine Armee mehr und hat sich entschieden, das Geld in den Naturschutz zu investieren.

Egal welchen Weg wir gehen, die Entscheidung liegt bei uns. Doch nur ein Weg der Achtsamkeit, Genügsamkeit, des Miteinander und des Friedens wird eine Lösung bringen, die unser Überleben, als menschliches Wesen mit Vernunft, sichert.

Lasst uns heute damit beginnen.

Sieglinde Lorz

Link zum Film „Home“ in voller Länge. https://www.youtube.com/watch?v=39ZtMx4PcsA

Stromversorgung ist keine Sache von Grosskonzernen

Kürzlich hörte ich eine Rede der BKW-Chefin, welche sagte, die Zukunft der BKW liege nicht in der Energieerzeugung. Das werde in Zukunft durch immer mehr kleine, regionale Energiewerke erledigt werden. Der Trend geht jetzt schon eindeutig in die Richtung. Wichtiger ist für sie in Zukunft das Stromnetz, welches die Verteilung gewährleistet.
So sehr mich diese Aussage überrascht hat, so sehr hat sie mich auch gefreut. Ich hätte nicht gedacht, dass die Erkenntnis schon so weit fortgeschritten ist, und vor allem auch in der Anerkennung der Sinnhaftigkeit dessen.

Wir brauchen heute nicht einfach nur Strom, sondern unser Leben hängt davon ab. Ohne Strom steht nicht nur das öffentliche Leben still, sondern wir kommen an so gut wie keine Lebensmittel mehr (höchstens wir wohnen neben einem Bauern) und an vielen Orten würde sogar der Wasserhahn trocken bleiben. Das ist den meisten Menschen nicht bewusst. Aber den Politikern und den involvierten Unternehmen, wenn sie von Versorgungssicherheit sprechen, umso mehr.
Versorgungssicherheit hat mehrere Aspekte und man kann sie sehr flexibel auslegen. Welchen Wert nimmt man nun als Massstab einer gegebenen Versorgungssicherheit, wenn man als grosser Konzern mit dem Verkauf von Strom seinen Aktionären auch noch dienen möchte und das in einem Wirtschaftssystem, das auf Wachstum basiert und sich somit in einem Konkurrenzkampf auf einem Markt gegen andere behaupten muss? Oder als kleines regionales oder sogar lokales genossenschaftliches Unternehmen, dass für eine Stadt, eine Gemeinde oder auch nur eine Siedlung verantwortlich ist? Welche Sicht vertreten Politiker, die einerseits die Sicht des Volkes vertreten sollen, aus dem politischen Selbsterhaltungstrieb den Wohlstand ohne Verzicht garantieren müssen, andererseits an Grossunternehmen beteiligt sind, deren Gewinn oder Verlust die Bilanz des Regierungsbezirks (z.B. Kanton) massgeblich beeinflussen? Wobei der Wohlstand des Volkes mit unendlich wachsendem Konsum, sicheren Arbeitsplätzen und einem nachhaltigen, naturerhaltenden Wirtschaften gleichgesetzt wird. In sich paradox.
Grosskonzerne brauchen immer neue und grössere Absatzmärkte. Dies ist nur möglich, wenn der Energieverbrauch steigt, oder wenn sie sich gegenseitig dauernd die Kuchenstücke wegnehmen. Da Letzteres anstrengend und frustrierend ist, ist Ersteres anzustreben. Wenn dann auch noch Elektrogeräte immer effizienter werden, ist es umso wichtiger, dass es immer mehr davon gibt. Darauf allerdings können sie sich verlassen, da auch der Rest der Wirtschaft wachsen muss und das gleiche Ziel hat, immer mehr zu produzieren und zu verkaufen. Das heisst aber auch, die ganze Effizienzsteigerung der letzten Jahre hat den Energieverbrauch keinesfalls gesenkt, sondern immer mehr gesteigert. Mit dem technologischen Fortschritt und der Ausdehnung auf immer mehr Gebiete, sind wir in unserer Versorgungssicherheit im Alltag, neben dem höheren Verbrauch, auch immer abhängiger davon geworden.
Wenn ein grosser Konzern dies leisten muss, dann ist bei einem Produktionsengpass oder -ausfall, immer ein sehr grosses Gebiet und ein sehr grosser Teil der Bevölkerung betroffen. Hat ein regionales Unternehmen eine Panne, sind Wenige betroffen und die regionalen Nachbarn können mit Strom, oder der notwendigen Alltagsversorgung aushelfen.
Aus diesen Beispielen heraus erkennen wir ganz klar den Vorteil und die Sicherheit in der Versorgung durch lokale Stromproduzenten, welche ausserdem die Versorgungssicherheit in Vordergrund stellen und nicht den Erlös aus der Produktion und dem Verkauf. Wenn eine Gemeinschaft sich selber versorgt, dann setzt sie sich sehr kritisch mit allen 3 Punkten auseinander. Wofür produziere ich, wie produziere ich und wie sieht das Notfallkonzept bei einer Unterversorgung oder einem Ausfall aus.
Aus Sicht der Konzerne würde eine Selbstverantwortung für die Erzeugung ihres verbrauchten Stroms ein anderes Denken hervorbringen. Heute ist ein gängiges Modell der Marktwirtschaft, wer grosse Mengen kauft, bekommt Mengenrabatt. Bei einer Selbstversorgung wäre das nicht mehr der Fall. Erst Recht nicht, wenn ein Verbot oder eine sehr starke Besteuerung von fossilen Energien bzw einem umweltschädlichen Verhalten den Anreiz für ein Umdenken unterstützen würde. Auch Unternehmen, die an der lokalen Versorgung einer Gemeinde hängen, werden bei einer genossenschaftlichen Ausrichtung des Versorgers, ihr Verhalten den Zielen der Genossenschaft anpassen müssen. Für Grosskonzerne aus meiner Sicht undenkbar. Innovationen und technologischer Fortschritt im Bezug auf weniger Verbrauch, oder sogar noch das Umdenken im Bezug auf Marktwirtschaft und Konsum wäre sicher eine Folge davon.
Effizienz führt uns nicht in eine versorgungssichere Zukunft, schon gar nicht auf Basis von erneuerbaren Energien. Nur mit Suffizienz und dem radikalen Überdenken unseres von der Technik abhängigen Wohlstandbildes können wir ein böses Erwachen eines Tages verhindern.

Sieglinde Lorz

Die Welt wurde zu Geld – Die Umkehr

Ich beginne gerne mit einem Zitat aus dem Buch „Ökonomie der Verbundenheit“ von Charles Eisenstein „Wie kann man überleben (…) in einer Welt, welche die Zerstörung genau jener Dinge belohnt, die man bewahren möchte?“
In den letzten beiden Jahrhunderten haben wir uns damit beschäftigt, den Wohlstand mit Hilfe von bahnbrechenden Technologien zu erheben und zu verbreiten. Trotz all der verheerenden Auswirkungen, tun wir es erstaunlicherweise immer noch.
„Im Zeitalter der Zinsen, also im Zeitalter des Wachstums, war es die primäre Triebkraft hinter jeder neuen Technologie, neue Bereiche für die Umwandlung von natürlichem und sozialem Reichtum in Geld zu erschliessen“ so Eisenstein. Nun sitzen wir da auf unseren Müllbergen, zerstörten Landschaften und in Betonwüsten und führen bald die letzten Kriege um Öl, Wasser, Boden und Luft. So sauber wie dies noch sein kann, nach all dem künstlichen Wohlstand. Auch wenn das neue Phone noch so „smart“ ist, es kennt die Lösung nicht. Guter Rat wäre teuer, meint man, doch er ist es nicht. Es gibt ihn fast kostenlos von wirklichen Vordenkern, wie auch Eisenstein mit seinem beglückenden Buch. Doch das will in den Führungsetagen der Welt keiner hören. Sie machen lieber weiter mit noch mehr Kriegen, noch mehr Wirtschaftswachstum und noch mehr Problemen.
Also ist es an uns, die Umkehr einzuleiten. Auf die Mächtigen dieser Welt ist kein Verlass. Im Gegenteil, wir sollten es leise und emsig an vielen unterschiedlichen Enden tun, damit sie es nicht merken und uns dabei nicht stören.
Nun müssen wir diesen Geld, das man nicht essen kann, nehmen und wieder zurückverwandeln in das, was bleibenden und nährenden Wert hat und was uns Unabhängigkeit von diesem Machtkonstrukt bringt – in Natur! Starten sollten wir dabei mit einem Kulturwandel. Es beginnt also, wie immer, in den Köpfen der Einzelnen und verbreitet sich über die Kultur einer Gemeinschaft in der Gemeinschaft und darüber hinaus.

Hier komme ich gerne auf die Pioniere der Permakultur zurück. Einerseits die beiden Australier Bill Mollison und David Holmgren welche 1978 diesen Begriff prägten und ein Konzept erstellten, damals für landwirtschaftliche Systeme. Anderseits im europäischen Raum war es der Österreicher Sepp Holzer, welcher 1979 spezialisierte Anbaumethoden im alpinen Bereich umsetzte. Zwischenzeitlich hat sich das Konzept geografisch stark verbreitet und renaturiert komplett verwüstet Landstriche sehr erfolgreich. Beispiele gibt es in Entwicklungsländern wie Indien, China, Jordanien, Kenia, aber auch im europäischen Raum wie Spanien, Portugal unvm. Damit verbreitet es einen wahren Wohlstand der Unabhängigkeit vor Ort und sehr viel Hoffnung für andere. Permakultur bezieht sich aber nicht nur auf die Landwirtschaft. Es hat drei Pfeiler, die sich in der Balance des Ganzen halten: earth care (ökologisch), people care (sozial) und fair share (ökonomisch). Es ist somit ein rundes Konzept entstanden, das alle Lebensräume umfasst und in nachhaltigen und lokalen Kreisläufen umsetzt. Das nach dem Vorbild der Natur.

Eine Umkehr bedeutet nun konkret, unsere Schaffenskraft in Projekte zu stecken, die nachhaltig und in geschlossenen Kreisläufen (gerne nach dem Vorbild der Permakultur) unsere unmittelbare Welt renaturieren. Das bezieht sich auf das Wohnen, das Essen und die soziale Interaktion. Ich spreche bei Letzterem bewusst nicht von Arbeitszeit und Freizeit, weil diese Trennung der Lebenszeit ein künstliches Konstrukt der geldbasierten Welt ist. Noch konkreter, heisst das: man nehme gehäuftes Geld und kaufe damit den Ort, die Bausteine und die noch nötige Entschädigung für die Arbeitskraft, um diese Projekte in die Unabhängigkeit zu realisieren. Wichtig ist zu beachten – ich betone es gerne noch einmal – es soll der Erde, der Gemeinschaft und dem (Über-)Leben dienen.

Um mit den Worten von Charles Eisenstein zu schliessen: „Deshalb sage ich, dass wir Geld verwenden werden, um Geld zu zerstören. Manchmal können die Werkzeuge des Herrn eben doch das Haus des Herrn niederreissen.“

In diesem Sinne!

Sieglinde Lorz

Charles Eisenstein „Ökonomie der Verbundenheit – Wie das Geld die Welt an den Abgrund führte – und sie dennoch jetzt retten kann“ Erschienen 2013 in deutscher Sprache im Scorpio Verlag (ISBN 978-3-943416-03-9)

Film über Renaturierung mit Hilfe der Permakultur: https://www.youtube.com/watch?v=YBLZmwlPa8A#t=1170

Warme Luft vom Klimagipfel?

Muss man Prophet sein, um vorauszusagen, dass auch von diesem Klimagipfel (Paris 2015) nur warme Luft übrigbleibt?
Auch diesmal sind die Erwartungen hochgeschraubt worden: Als „Gipfel der letzten Chance“ angekündigt, sollen alle Staaten ein gemeinsames Papier unterzeichnen können. Die Zeit ist surreal knapp: 2 Wochen!
Entweder wird das Vorhaben kläglich scheitern, oder das „Abkommen“ wird das Papier nicht wert sein, auf dem es gedruckt wird.

Fast unerträglich auch der Pathos, mit welchem der französische Präsident in der Stadt, die noch in der Terrorstarre steckt, die Weltgemeinschaft auf eine bessere Welt einschwört.

Was ist, wenn China, der grösste Emittent, nicht mitmacht?

Das Problem ist immer noch:
Alle Nationen wollen Wachstum. Wirtschaftliches Wachstum ist nicht zu haben ohne eine Zunahme des Energieverbrauchs. Noch nie ist das Gegenteil eingetreten.

Die vielbeschworene „Effizienz“ kann höchstens in Teilbereichen und höchstens zeitlich begrenzt zu einem Rückgang führen; sie hat klare Grenzen. Und auch neue Technologien werden die Menschheit nicht davon abhalten, die fossilen Energien bis zum letzten Kohlekorn, Öltropfen und Gasbläschen aufzubrauchen.

Hauptsache, die Klimagipfler können sich darauf einigen, wohin sie für das nächste Klimapalaver fliegen…

 

Thomas Schneeberger

Krieg säen und Frieden ernten

Das ist eine Strategie die nicht aufgeht, weder über kurz noch über lang. Das sagen viele weise Menschen schon länger und auch heute noch. Doch angekommen sind diese Worte weder in unseren Köpfen, noch in unseren Herzen und in unserem Handeln.
Kriege die zu Siegen führen und zu einem oberflächlichen, vermeintlichen Frieden, führen auch zu Unterdrückung. Unterdrückung explodiert irgendwann in Form von einem Attentat aus dem Untergrund heraus. Wir nennen dies Terrorismus. Auch das ist allgemein bekannt und wird auch so gelehrt. Trotzdem machen wir damit weiter.

Doch nun zu unserer Saat. Wir alle unterstützen aktiv den Krieg und leben auf dessen Kosten. Das machen wir in mehreren Formen ständig und systematisch. Unser System basiert auf Raub, Ausbeutung, Unterdrückung, Sieg, der Macht des Stärkeren, auf Kontrolle, Abhängigkeit und Konkurrenz. Hab ich was vergessen? Ja, wir haben natürlich auch ein Sozialsystem. Auch darauf werde ich zu sprechen kommen.

Wir erobern immer noch die Welt. Heute nicht immer nur durch illegale Kriege, sondern auch durch legalisierte Mittel der Besetzung wie Landkauf (-grabbing), Veräusserung von lebensnotwendigem Allgemeingut wie Wasser, Boden, Luft an private Unternehmen, die Vergabe von Patenten auf Pflanzen und die Kultivierung/Zerstörung von natürlichem Lebensraum. Wir unterwerfen alles in unserem Leben, im Denken und Handeln, unsere komplette Schaffenskraft dem Kapitalmarkt und beuten so alle natürlichen Ressourcen der Erde, der Pflanzen, der Tiere und Menschen systematisch aus. Wir unterdrücken beinahe alles, was nicht dem Ziel des Wachstums und der Gewinnmaximierung entspricht und erachten es als brotlose Kunst, als ein nicht funktionierendes Konzept und stempeln es als nutzlos für Menschheit ab, sobald es nutzlos fürs System ist.
Wer die Kontrolle hat, hat die Macht und den Profit. Die Abhängigkeit ist das beste Mittel, die Kontrolle zu behalten und alles was ihr schadet, ist zu unterdrücken. Ein System der Konkurrenz botet die Abhängigen untereinander aus, fördert die Aussicht auf Macht und Kontrolle und legitimiert diese somit. So ein System funktioniert nur durch Krieg. Wer die besseren Waffen hat, die bessere Strategie und immer eine Schritt voraus ist, kann Macht behalten und ausbauen. Waffen haben viele Formen. Alles was tötet, unterdrückt, kontrolliert, bedroht, boykottiert und manipuliert sind Waffen. Ziel ist die absolute Macht und Kontrolle. Das gibt Sicherheit, muss aber auch immer wieder verteidigt werden. Die beste Verteidigung ist auch hier Kontrolle. Dies wird gerne mit dem gut funktionierenden Pärchen Angst/Sicherheit verkauft.
Auch nehmen wir gerne die Perspektive des Wohlstands als Motor, um dieses System zu bedienen und am Laufen zu halten. Fortschritt und Wohlstand sind ein weiteres beliebtes Paar, das uns die Illusion erhält, es handele sich um etwas Gutes mit erstrebenswerten Zielen. Doch auch hier investieren wir immer noch in Waffen und Kriegsmaterial, in Strategien, welche die Monopolisierung unterstützen, Vielfalt und Souveränität unterbinden, natürliche Kräfte und Mittel verleugnen und diffamieren. Was wissenschaftlich erforscht ist, gilt als erwiesen und gewiss, ist fundiert und glaubhaft. Es ist wichtig, dass dies als fundamentaler Glaube erhalten bleibt. Denn nur dann kann das Natürliche sich nicht unkontrolliert, und vom gesteuerten Machtkreislauf getrennt, entfalten. Alles, was nicht aus wissenschaftlichem und technischem Fortschritt heraus entsteht, ist rückständig, primitiv oder abergläubisch.
Auch unsere Sozialsysteme basieren auf diesem Prinzip. Es sorgen nicht die Jungen für die Alten und die Starken für die Schwachen. Die Alten sind abhängig von einem System, in dem Junge sich dem Kapitalmarkt mit deren Potential und Schaffenskraft unterwerfen. Das System wiederum entscheidet, wer was davon bekommt, oder auch nicht. Genauso gilt das für die Starken und Schwachen. Auch hier bestimmt die Macht hinter dem System, was gilt und geht. Zentralbanken, Pensionskassen und andere soziale Versicherungssysteme sind Teil des Kapitalmarkts. Sie hängen fest in diesem mächtigen Finanz- und Wirtschaftssystem und finanzieren und fördern die Kriege um Macht und Kontrolle. Solange wir diesem System dienen, dienen wir den Kriegen. Solange wir immer noch bereit sind, immer mehr von unserer Souveränität und Selbstbestimmung abzugeben, weil wir um unsere Arbeitsplätze und die damit verbundene Existenz bangen, werden wir Sklaven und Soldaten sein. Solange wir dieses System in seinem Ungleichgewicht nur korrigieren und es nicht ändern, dienen wir ihm.

Erst wenn wir beginnen zu bergreifen, was alles Krieg ist, werden wir verstehen, was Frieden wäre. Dann können wir beginnen diesen in uns zu finden, ihn zu leben und in die Welt zu tragen. Wir müssen unser Denken und Verhalten ändern und damit die Spielregeln untereinander. Nur wenn ich das System des Kriegs im Aussen und auch im Innen durchschaut habe, bin ich in der Lage Frieden zu säen, damit ich auch Frieden ernten kann.

Sieglinde Lorz

Wachstum – ein Missverständnis

Unser lineares Denken hindert uns oft an der Vorstellung, was dauerndes prozentuales Wachstum bedeutet und wo es hinführt. Bilder mit Zahlen wie „ich werde schön gleichmässig immer ein Jahr älter“, „ich bekomme jeden Monat meinen gleichen Lohn“ sind uns geläufig.

Prozentuales Wachstum hingegen ist nicht mehr linear. Es ist das, was unser Wirtschaftssystem „fordert“:
2% Wachstum pro Jahr, 5% Zins pro Jahr, 12% Rendite pro Jahr und andere phantastische Versprechungen.
Grafisch aufgetragen führt prozentuales Wachstum zu einer ständig steiler werdenden Kurve. Zu exponentiellem Wachstum.
Nichts in Natur oder Technik kann ewig wachsen, schon gar nicht exponentiell. Aber genau das will „die Wirtschaft“.

Ein häufiger Denkfehler, der sich aus ergibt:
10 Jahre lang 5% Wachstum ergebe 50% (5% x 10). Aber das ist falsch.
10 Jahre 5% ergibt schon 62,9% (Berechnung [{1,05 hoch 10} -1] x 100).

Die beiden Kurven in der Grafik haben in der Gegenwart (Zeitpunkt null) die gleiche Wachstumsrate von 5%.
Die Höhe der violetten, exponentiellen Kurve mit konstantem prozentualen Wachstum verdoppelt sich aber in gleichmässigen Abständen. Als Faustregel, welche sich aus der Mathematik der Exponentialfunktion ergibt, kann man die Verdoppelungzeit berechnen aus 70 geteilt durch die Wachstumsrate. Hier also z.B. 70 durch 5% pro Jahr = 14 Jahre (und nicht 20 Jahre wie bei linearem Denken).
Die grüne Kurve hat anfangs mehr als 5% Wachstum, welches dann langsam auf 0% zurückgeht.

Exponentielles Wachstum ist krank, weil unnatürlich. Kein physikalisches oder biologisches System kann längere Zeit auf solche Weise wachsen, wie man es für die Wirtschaft bis in alle Ewigkeit vorgesehen hat. Die vermeintlichen Ausnahmen (Krebsgeschwüre) geben sich unweigerlich der Selbstzerstörung preis.

Gesundes, natürliches Wachstum respektiert Ressourcen und Systemgrenzen. So wie ein Baby oder jedes andere Lebewesen wächst. Dies zeigt sich im sogenannt logistischen Wachstum, in welchem ein anfänglich möglicher, sogar exponentieller Anstieg sich abflacht und zu einer stabilen Situation führt.

Wie kann sich eine angeblich „freie“ Marktwirtschaft dem bekannten, derart kranken Zwang zu immer mehr, grösser, schneller unterwerfen, der nur während begrenzter Zeit und dank Plünderung an natürlichen Ressourcen und dem Raubzug auf die Bedürfnisse unserer Nachkommen möglich ist?

Thomas Schneeberger

Den Preis zahlen die anderen

Am diesjährigen Festival „Filme für die Erde“ wurde der Film „The true cost“ gezeigt. Es handelt sich um einen Film, welcher aufzeigt, was unsere „fashion“-vermarktete Kleider- und Modeindustrie für Produktionsstätten hat und wer welchen Preis dafür bezahlt. Bereits der Film „Der Preis der Blue-Jeans“ zeigte vor einem Jahr schon deutliche Bilder. Auch die Katastrophe in einer der Kleiderfabriken in Bangladesch berührte uns und schreckte auf. Doch sie verschwand schnell aus den Medien und aus unserem Sinn. Wir machen weiter mit unserem falschen Wohlstand und unserer Wachstumswirtschaft!
Jeder muss diese beiden Filme sehen! Ich weiss das alles und meine, einiges vertragen zu können, doch auch diesmal war ich wieder überwältigt. Wer bei den Filmen hinschaut und das Gesehene zulässt, dem wird zumindest schlecht. Das Geschrei des eigenen Gewissens wird einen in den Tagen danach begleiten. Ich hoffe, es wirkt nachhaltig und ändert das Handeln.
Ich kann nur eine Hose gleichzeitig tragen und nur ein Oberteil. Ich brauche sicher etwas zum Wechseln und mehr an kalten Tagen. Aber ich muss nicht einer Wachstumsindustrie zuliebe, sinnlos und billig einkaufen, damit ich einem Wegwerftrend folge, der falsche Werte propagiert. Es wird meine innere Leere nicht füllen können und auch wahre, nachhaltige Freude bringt es nicht.
Wir haben unsere Produktion ausgelagert. Wer nicht billig genug für uns produziert, wird fallen gelassen und wir ziehen in das nächste Land, wo die Ausbeutung weitergehen kann. Die Menschen können kaum überleben und die Natur wird auf Jahrzehnte hinaus verseucht. Wenn sich nun Manager und andere Wohlstandsprediger hinstellen und sagen, das ist ein normaler Prozess und die Umweltverschmutzung hatten wir ja auch, bis wir Standards einführten, dann ist das der erste Moment, an dem ich heftig widersprechen muss. Als unser Land für unser Land produzierte, hatten wir unseren „Dreck“. China (Jeans), Bangladesch oder Indien (Schuhe) produzieren für die ganze Welt. Seither sind die Konsumgüter exponentiell gewachsen und haben sich um ein Vielfaches vermehrt. Sie haben nun den „exponentiellen Dreck“ der ganzen Welt! Ihre Flüsse sind bunt, wie ein Regenbogen und biologisch tot. Das Grundwasser enthält alle Bestandteile des Periodensystems in allen möglichen chemischen Verbindungen. Der Boden ist nicht fruchtbar, sondern Sondermüll. Das, was darauf wächst, nährt niemanden, aber bringt jeden um.
Die Menschen, welche für uns 7 Tage die Woche 14 (und mehr) stundenlang produzieren und das 365 Tage im Jahr, sind unsere Sklaven. Sie können davon nicht leben und ihr Leben gleicht eher einem langsamen Sterben. Die Anonymität der Globalisierung hat uns gesichtslos und stimmlos gemacht.
Es bringt nichts, wenn wir noch mehr kaufen, oder ein wenig mehr dafür bezahlen. Auch faire Preise helfen da nichts. Denn so oder so bleiben sie abhängig von unserer Stimmung, unserem Denken und unserem Handeln. Abhängig von diesem System des Wirtschaftswachstums, in dem wir zufällig die Reiche(re)n sind und sie die Armen. Sie und wir alle brauchen weder das Geld noch die Grosszügigkeit von Gönnern. Es gilt, diese Abhängigkeit zu lösen. Wir haben dort nichts verloren! Unsere Kleidung, die wir wirklich brauchen, können wir selber für uns herstellen. Sie brauchen ihren Boden, unverseucht und nahrhaft, für ihre Selbstversorgung. Das dient auch uns! Denn auch wir müssen uns von diesem System befreien, dass nur funktionieren kann, wenn der Mensch den Preis für das Kapital zahlt, das über ihn herrscht. Es ist ein Wirtschaftssystem der Abhängigkeit und Gier, weil es immer einen Zins verlangt und braucht. Nur wer verkauft, mehr als der anderen und mehr als gestern, kann in diesem System überleben. Das macht keinen Sinn und richtet uns zu Grunde. Spätestens dann, wenn wir die Erde komplett verbraucht haben.

Ein Umdenken muss und kann nur im Kopf des Einzelnen stattfinden.

Es kommt nun die Weihnachtszeit, die Hochzeit des Konsums. Geh in Dich und lass das Kaufen diesmal bleiben. Such die Freude in der Gemeinschaft. Es dient Dir und den anderen.

(Sieglinde Lorz, Oktober 2015)

 

Die Globalisierung der Menschenströme (oder: Die Produktion von Flüchtlingen)

Wir leben in einer globalen Welt, ist ein gern genommener Satz. Er stimmt seit der Entstehung des Planeten, schliesslich ist die Erde ein in sich zusammenhängender Organismus. Doch was bedeutet dieser Satz, wenn sich plötzlich ein ökonomisches System breit machen will, das auf Kapital beruht? D.h. einige Menschen fangen an, Teile des Planeten als ihren Besitz zu erklären, erheben sich damit über die Natur und schliessen andere Menschen von diesem Besitz aus!

Nun mache ich einen Zeitsprung in der Entwicklung bis zu der Zeit, wo neue Welten entdeckt werden mussten, weil der Hunger nach Besitz, nach Macht, nach Bodenschätzen am ursprünglichen Ort nicht mehr gestillt werden konnte. Gebiete wurden neu besiedelt, weil es zu eng und unerträglich wurde. Der Wunsch und die Hoffnung nach einem besseren, selbstbestimmten Leben war ihr Antrieb. Und schon sind wir in der heutigen Zeit. Doch heute können wir nur noch bedingt neues Land erschliessen, und unser Wachstums-Konsum-Kreislauf zerstört das vorhandene immer mehr!

Nun wieder zu diesem Wirtschaftssystem, das auf Kapital und dessen Macht beruht und über das Mehr (an Schulden und Zinsen) finanziert wird. Tatsache ist – dies kann fundiert nachgelesen werden – wir haben ein Wirtschaftssystem, das Wachstum braucht, damit es die Schulden und den Zins für die getanen Investitionen zahlen kann. Dabei ist die Realwirtschaft schon längst nicht mehr der Herr über die Tauschgeschäfte mittels Geld, sondern die Geldwirtschaft ist der Ausbeuter der Realwirtschaft und deren natürlichen Ressourcen. Zu den natürlichen Ressourcen gehören auch wir Menschen. Wir sind keine unabhängigen Selbstversorger mehr auf unserem Heimatboden, sondern abhängige Arbeiter, die ihre Kraft verkaufen, um sich ernähren zu können. Das wird propagiert und gefördert. Was uns bei Laune hält, ist das Klassensystem und die Möglichkeit aufzusteigen auf der Gewinnerleiter. Es gibt immer eine Aussicht auf Entwicklung. Deswegen gibt es entwickelte Länder, Entwicklungsländer und die Armen der Ärmsten, die man gar nicht entwickeln will, weil man nur ihre Ressourcen braucht. Unsere Illusion von Wohlstand gilt als Mass, das allen „Unterentwickelten“ mit der einen Hand verkauft wird, während sie mit der anderen Hand ausgebeutet werden.
Entwicklungsländer braucht man aus zwei Gründen. Für die Verlagerung von Arbeitsplätzen und Umweltschäden für eine billigere Produktion und die Steigerung der Rendite (Wettbewerbsfähigkeit). Ausserdem müssen wir sie zu Konsumenten entwickeln, damit die Umsatzzahlen steigen. Nachdem wir die Ausbeutung der Rohstoffe mit der Kolonialisierung globalisiert hatten, die Produktionsstätten mit der Verlagerung von Arbeitsplätzen in „Billigländer“ globalisiert haben, müssen wir nun auch den Absatzmarkt globalisieren. Die Geldströme der losgelösten Finanzindustrie sind es ja sowieso.
Dieses System, das auf immer mehr Konsum beruht, hat einen Haken. Es benötig billige und nie mehr endende Ressourcen. Die haben wir auf diesem Planeten nicht. Also beginnt irgendwann (der Zeitpunkt ist längst überschritten) der Streit um die Ressourcen. Es entstehen Kriege, die nur ein Ziel haben: sich die Ressourcen für die Maschinerie zu sichern und möglichst Monopolstellungen zu entwickeln, damit diese für immer und ewig gesichert sind.

Wir haben Kriege überall dort, wo die Bodenschätze für unseren materiellen Wohlstand herkommen. Der für alle versprochene Wohlstand endet allerdings immer in Armut für viele und noch mehr Macht und Geld für Wenige. Die Kehrseite der Globalisierung von Ressourcen-, Waren- und Geldströmen ist, dass sie die Menschenströme mit einschliessen als logische Folge.
Die eine Form des Menschenstroms ist die Abwanderung billigerer Arbeitskräfte in reiche Länder. Jeder der sich in einem fremden Land ansiedeln möchte, geht gerne Kompromisse ein und freut sich Fuss fassen zu können, indem er auch schlechtere Bedingungen in Kauf nimmt, als die einheimische Bevölkerung. Für ihn ist das immer noch ein Gewinn. Also gehen die Guten des Landes immer in das nächstbessere Land, um eine Stufe auf der Wohlstandsleiter aufzusteigen. Das passiert auch innerhalb Europas. Die anderen flüchten vor existenzieller Bedrohung durch Armut und Krieg. Die Flüchtlingsströme von heute sind das Beispiel dafür.

Diese Entwurzelung und Zerstörung der lokalen, ökologisch-gesunden Kreisläufe, die wir Menschen brauchen und ein Teil davon sind, die Globalisierung der Lebensgrundlagen mit einer Macht- und Wohlstandskonzentration, löst auch bei den Menschen eine Dynamik aus, denen die Lebensgrundlagen weggerissen und -gebombt wurden. Wir können also nicht das eine wollen und das andere ablehnen. Das heisst, solange wir an diesem Rauptierkapitalismus festhalten, müssen wir akzeptieren, dass uns die Schattenseiten einholen und ihren Tribut fordern.
Alles was zuviel ist, schadet und zerstört, alles was zu wenig ist genügt nicht, kann nicht nähren und erhalten. Wieso halten wir immer noch an solch einem System fest, das als einzige Lösung für das Problem, das Problem kennt?
Es macht keinen Sinn, das Zuviel an Allem auf wenige Stellen zu konzentrieren und alles anderen in Wüsten zu verwandeln. Wir müssen solange auch die Flüchtlinge willkommen heissen, bis wir bereit sind dieses ganze „Wohlstandssytem“ loszulassen. Das eine bedingt das andere. Wann entscheiden wir uns für „genug und ausreichend“ und entschliessen uns für Kooperation statt Konkurrenz? Wann hören wir auf Waffen herzustellen, Kriege zu führen, um dieses System überall durchzusetzen und mit politischer Blindheit immer noch Wachstum zu predigen? Wann hören wir auf, uns über die Natur zu erheben und sehen endlich ein, dass wir ein Teil davon sind? Wie lange brauchen wir noch, bis die absolute Schmerzgrenze erreicht ist und wir merken, wir hier in der westlichen Welt erkranken und sterben gerade am Zuviel des Wohlstands!

Wir kämpfen um die globale Macht über nährenden Boden für unsere Wurzeln, statt lokal zu wurzeln und unsere Früchte zu teilen. Die Natur schenkt uns allen alles, was wir wirklich brauchen, in Fülle.
Es fehlt uns nicht am Wissen, Tatsachen zu erkennen und am Können, etwas zu ändern. Es fehlt uns am Mut anzufangen. Es ist unbequem (Schein-)Sicherheit durch Eigenverantwortung zu ersetzen. Doch Sicherheit loszulassen, ist der erste logische und notwendige Schritt, den können wir tun, ohne den ganzen Weg zu kennen. Wir kennen das Ziel – ein Leben in Genügsamkeit und Frieden. Das sollte reichen!

Sieglinde Lorz