Fernweh oder, warum halten wir es hier nicht aus?

Neulich hatten wir in unserem Café Décroissance das Thema Suffizienz. Es ging dabei um eine Studie des Centre for Development and Environment (CDE) der Uni Bern, die herausfinden wollte, was Menschen bewegt suffizient zu leben und dabei doch noch (oder erst recht) glücklich zu sein.
Ich möchte hier nicht die Studie präsentieren. Sie kann in dem daraus resultierten Buch {1} im Detail nachgelesen werden. Doch ich möchte gerne einen Aspekt herausgreifen, der wohl immer wieder im Zusammenhang mit Suffizienz die Gemüter bewegt – das Reisen allgemein und das Fliegen im Speziellen.
Die Studie erlaubt als suffizientes Kriterium einmal im Jahr zu fliegen. Ja, jetzt geht schon mal ein Raunen durch einen Teil der Menge. Einmal im Jahr fliegen und suffizient leben, das geht doch gar nicht?! Vielleicht doch, meinen die Forscherinnen. Es kommt ja letztendlich auf den gesamten Lebensstil an. Denn reisen, das merkt man bei vielen, ist den Schweizern ein liebes Kind. So gern möchte man doch ferne Länder kennen lernen. Die Flüge sind billig, die globalisierte Wirtschaft freut‘s. Ein Markt mit Wachstumspotential.

Reisen, Urlaub machen ist nun wirklich nicht nur eine Frage von Kultur und Bildung. Es wird einfach gerne so dargestellt. Viele der Reisenden sind auf der Suche nach Erholung, auf der Flucht vor dem Alltag, oder wollen sich einfach mal etwas Gutes gönnen. Die unsinnigen Geschäftsreisen blende ich mal aus, da sie Teil des globalisierten Wirtschaftssystems sind.

Ich möchte nun ein paar Fragen stellen, um der Sache ein wenig näher zu kommen.
Warum müssen wir so weit weg fliegen, um Erholung, Abwechslung vom Alltag und Gutes zu finden? Wenn ich alle Hügel, Seen und Berge der Schweiz kennen lernen möchte, wandere ich ein Leben lang und muss nicht viele davon öfters besuchen. Abwechslung, Erholung und Gutes gibt es hier sicher genug.
Wieso passt uns unser Wetter, wenn wir arbeiten, aber wenn wir frei haben nicht? Wenn wir ein anderes Wetter wollen, sollten wir doch einfach in ein anderes Klimagebiet auswandern. Darüber denken die Wenigsten überhaupt nach.
Wieso ist das Wissen über fremde Länder und Kulturen so wichtig, wenn wir uns erstens in Hotels bewegen, die sowieso unserer Kultur entsprechen und zweitens oft nur 14 Tage dort sind? Wieso haben fremde Kulturen so eine grosse Anziehungskraft auf uns? Der Mensch ist neugierig, das ist mir bewusst. Wenn ich durch den Wald und über die Wiesen laufe, kann ich über Jahre hinweg, jeden Tag eine neue Pflanze, ein neues Insekt oder einen neuen Vogel kennen lernen. Noch haben wir ein bisschen Natur, auch wenn wir immer mehr davon vernichten. Mit dem Wissen um die einheimische Fauna und Flora ist mir in meinem Leben und in meinem Alltag mehr gedient als mit fernen Pseudo-Bildungsreisen. Die Neugier fremde Kulturen kennenzulernen, kommt ein wenig dem Begaffen von wilden Tieren im Zoo gleich. Sobald diese in unseren Alltag eindringen, wehren wir uns vehement dagegen. Wölfe erschiessen wir, Neophyten werden mit allen Mitteln bekämpft und Flüchtlinge sperren wir in Heime. Das muss alles unsere Ordnung haben.

Reisen ist ein Stück Freiheit. Die Freiheit dahin zu gehen, wo ich gerne sein möchte. Wieso kommen die aus den fernen Ländern nicht auch alle zu uns zu Besuch? Dürfen sie nicht, können sie nicht, oder wollen sie nicht? Ich sage, alles davon ist wahr. Doch ich neige zu der Antwort, die meisten davon wollen nicht. Sie wollen nicht unsere Kultur kennen lernen. Sie wollen nicht so weit weg von daheim fortschreiten (Achtung Wortspiel Fortschritt). Sie haben eine Kultur, kennen sie und fühlen sich darin wohl. Ich kann mich an dem Film ThuleTuvalu {2} erinnern. Eine der Frauen von der Insel Tuvalu sollte das erste Mal in ihrem Leben auf die Nachbarinsel reisen. Eine halbe Tagesreise mit dem Boot entfernt. Sie war so aufgeregt, obwohl mitten im Leben, war sie noch nie weg von ihrer Heimatinsel gewesen. Die Möglichkeit hätte sie gehabt. Ist das jetzt eine Frage der Bildung, des Fortschritts oder der Kultur? Reisen in andere Kulturen erweitert den Horizont, sagt man. Ist unser Horizont so beschränkt, dass wir ihn dauernd erweitern müssen und im Gegenzug der Horizont von dieser Frau so weit, dass es sie nicht nach Erweiterung dürstet? Oder ist sie einfach, ungebildet und weiss gar nicht um ihre mögliche Beschränktheit? Ich möchte niemanden beleidigen (auch mich nicht), doch wir reden hier vor allem von einem guten Leben. Wenn wir gut leben würden, einfach so wie diese Eingeborene gut lebt, wovon würden wir träumen, was würden wir begehren? Sie ist vielleicht aus unserer Sicht beschränkt in ihrem Leben. Das ist aber unsere Sicht und somit unser Mass für Beschränkung. Das müssen wir uns mal bewusst machen. Wir beurteilen ihre Situation mit unserem Blickwinkel.
Diejenigen, die nun aus den „aufstrebenden“ Ländern den Weg als Touristen zu uns finden, tun das aus den gleichen Gründen wie wir. Sie sind nicht plötzlich neugierig geworden auf die Ferne, oder folgen einer jahrelangen Sehnsucht nach Freiheit, die sie nun verwirklichen können. Sie folgen vor allem einer wirtschaftlichen Entwicklung, die das Reisen als eines ihrer Statussymbole propagiert und dafür sehr viele Mittel für Werbung ausgibt, um diese Sehnsucht künstlich herzustellen und immer weiter zu befeuern. Vielleicht treibt sie auch der Fortschritt langsam in die Ferne, sowie uns auch, weil wir unsere von der Wirtschaft geprägte destruktive Kultur selber nicht mehr ertragen können. Die kurze Flucht zwischendurch in eine andere (schönere oder weniger schöne) Welt, kann unseren Blickwinkel auf unseren Alltag wieder etwas korrigieren. Er wird wieder etwas erträglicher.

Ich habe sicher weder Recht noch Unrecht. Das ist auch nicht mein Ziel. Ich möchte dazu anregen, in einer stillen und freien Minute immer mal wieder über das eigene Fernweh (oder die Flucht) nachzudenken. Entweder alleine daheim mit einer Reise nach Innen, oder in einer gemütlichen Runde mit Nachbarn und Freunden. Es spricht auch nichts dagegen gemeinsam nach Innen zu reisen.

Sieglinde Lorz, April 2017
{1} Genug genüg – Mit Suffizienz zu einem guten Leben, Marion Leng, Kirstin Schild, Heidi Hofmann, oekom Verlag 2016 ISBN 978-3.86581-815-7

{2} http://www.thuletuvalu.com/

Mobilität – Fetisch oder Bedürfnis ?

Für gewisse Politiker*innen ist Mobilität nicht ein notwendiges Übel, sondern Garantin des sozialen Zusammenhalts, Markenzeichen für Weltoffenheit und Motor des Fortschritts. So wird sie unversehens vom Mittel zum Selbstzweck. Deshalb wird hier  gefragt: Wo sollte die Mobilität in unserer Rangordnung der Werte stehen? Wieviel Mobilität brauchen wir wirklich?

Mobilität als Fetisch
In einer zeitlich weit zurückliegenden Kultur, der wir ohne Zweifel viel verdanken, galt Mobilität so gut wie nichts: im klassischen Athen. Sokrates machte keine Ferienreisen. Aber heute fliegen jährlich Hunderttausende von Zürich, Basel oder Genf in die ganze Welt und werden dadurch doch nicht klüger. Weit entfernte Reiseziele sind zu Statussymbolen geworden. Meistens werden anglophone Länder besucht, aber wenn das Ziel in Asien oder Afrika liegt, dann wagt man sich nur in die Metropolen und in speziell ausgestattete Feriensiedlungen, wo man sich mit Englisch durchschlagen kann. Deshalb erleben diese Reisenden vor allem eine touristische Inszenierung. Zwar gibt es auch Mutige, die sich von den ausgetretenen Pfaden des Massentourismus entfernen und den direkten Kontakt mit fremden Kulturen suchen (soweit dies ohne Kenntnis der Landessprache überhaupt möglich ist), aber sie sind in der Minderheit.

Der ungeheure Aufschwung des Ferntourismus hängt natürlich auch mit den Preisen der Flüge zusammen, die heute extrem tief sind. Es ist unverständlich, dass Flughäfen und Fluggesellschaften immer noch steuerlich begünstigt werden. Das Gegenteil wäre aus ökologischen Gründen richtig. Ein hoher Zuschlag für den CO2-Ausstoss und eine angemessene Entschädigung für den Lärm würden zu vernünftigen Preisen führen und auf Kurz- und Mittelstrecken die Bahn wieder konkurrenzfähig machen. Den Lärm hört man übrigens nicht nur in der Nähe der Flughäfen. Wer sich in der Schweiz fern von allen Strassen und Bahnen erholen will und sein Gehör noch nicht in Diskotheken geschädigt hat, kann mindestens einmal alle zehn Minuten einen Flieger hören, der von Zürich, Basel, Genf oder Mailand gestartet ist. Und dann sind da auch noch diese weissen Kondensstreifen, die fast immer den blauen Himmel verschandeln. Die Verursacher dieser Übel müssen endlich zur Kasse gebeten werden.

2. Wieviel Mobilität brauchen wir?
Wohnung und Arbeitsplatz sind heute fast immer räumlich getrennt. Das lässt sich kaum ändern, aber die mittlere Entfernung zwischen beiden ist viel grösser als notwendig wäre. Wenn man absieht von berufstätigen Paaren mit weit auseinander liegenden Arbeitsorten, dann sind die Gründe hohe Wohnungsmieten in den Städten, aber auch der Wunsch, im eigenen Haus im Grünen zu wohnen. Damit noch nicht zufrieden, wollen einige auch noch freie Sicht auf die Alpen oder auf einen See. Deshalb gibt es Leute, die in Bern arbeiten, aber am Thunersee wohnen. Wenn diese sich über volle Züge oder Staus auf der Autobahn zwischen Bern und Thun beklagen, dann muss ihnen gesagt werden: Ihr seid selber schuld.

Auch in der Freizeit wollen wir mobil sein. Es gehört zum menschlichen Leben, dass man Freunde und Verwandte hat, die man hin und wieder treffen will. Gegen solche Reisen ist nichts einzuwenden, wenn die Distanzen moderat sind. Auch die Teilnahme am politischen und kulturellen Leben der Region, in der man lebt, erfordert Beweglichkeit. Darauf soll niemand verzichten. Etwas anderes sind die Fahrten zu touristischen Zielen, die heute den grössten Teil des Personenverkehrs an Wochenenden ausmachen. Hier gilt: weiter ist nicht per se schöner. Wer im Mittelland oder in den Voralpen wandert, kann an einem Tag mehr erleben als bei einer Autofahrt über fünf Alpenpässe.

Helmut Knolle