Die Wirtschaft wächst an Problemen

Warum wir lieber Probleme lösen, statt Ursachen zu beheben.

Neulich sagte ich mal gegenüber jemandem, dass die Wachstumswirtschaft es liebt, Probleme zu lösen und nicht Ursachen zu beseitigen. Er verstand mich nicht. Es ist subtil, deswegen möchte ich es hier an einem Beispiel erläutern. Mit einer Lösung kann man einen Markt erzeugen und bedienen. Die Lösung hat als Ziel den Verkauf und nicht die Problembehebung. Wenn sie noch Mängel aufweist, kann man durch die Weiterentwicklung des Produktes dieses erneut verkaufen. Wenn sie selber Nebenwirkungen, also Probleme, erzeugt, kann man die nächste Lösung entwickeln usw. Wenn man die Ursache behebt, ist man fertig.

Der unten verlinkte Artikel und die darin präsentierte Lösung dient als wunderbares Beispiel. Einige werden nun sagen, aber da wird doch die Ursache behoben. Nein, reingefallen! Es wird gerne so getan, als ob dies eine Behebung der Ursache ist, das Problem quasi bei der Wurzel angepackt wird, der störenden Natürlichkeit einer Verdauung entgegengewirkt wird. Das ist ein alter Trick der Pharmaindustrie, der uns mit jeder Pille neu serviert wird. Sie nehmen ihn gern, denn er funktioniert (noch). Mit der Kuh ist grundsätzlich alles in Ordnung. Mit ihrer Verdauung auch. Sie lebt wider ihre Natur und es gibt einfach zu viele davon und das soll so bleiben. Das ist ihr Ziel. Nur dann können sie viele Lösungen verkaufen.
Ich picke mir einen wunderbaren Satz aus dem Artikel heraus, welcher so schön darstellt, wie Wachstumswirtschaft erfolgreich an die Frau gebracht wird.
„Die Frage, wie er sich stoppen lässt, ohne dass die Konsumenten gleich auf Milch, Käse und Rindsfilets verzichten müssen, beschäftigt seit über zehn Jahren Forscher und Entwicklungsabteilungen auf der ganzen Welt.
Analysieren wir mal diesen Satz.

Wir müssen etwas stoppen. Stop steht für Gefahr, für ein hartes Eingreifen. Wir verhindern etwas was schadet, falsch läuft. Man wird nicht sofort zum Helden, aber man engagiert sich stark. Wir greifen ein, wir retten, ist die Botschaft.
Seit über zehn Jahren beschäftigen sich Wissenschaftler der ganzen Welt damit. Na so ein Einsatz und Aufwand! Puh, das gehört gewürdigt und belohnt! Das rechtfertigt jetzt wahrlich ein Milliardengeschäft.
Nun kommt das Leckerli: ohne dass die Konsumenten gleich auf Milch, Käse und Rindsfilets verzichten müssen. Na also ihr Konsumenten (das ist die Rollenzuweisung) Milch, Käse und Rindsfilet sind unser Wohlstand! Verstanden! Das wird noch einmal zementiert. Ihr müsst nicht „gleich verzichten“. Es ist eine Lösung, bei der keine Veränderung ins Negative nötig ist. Das Wort verzichten suggeriert automatisch eine Negativität. Die Botschaft heisst: Entspannung, es sind keine Opfer nötig. Keiner nimmt euch die Identität und Tradition mit Milch und Käse weg und den Wohlstand mit dem Rindsfilet dürft ihr auch behalten. Und wenn wir schon mal entspannt sind, können wir das Hinterfragen auch gleich sein lassen und weitermachen. Sie sind da, die Guten, haben unsere Identität und den Wohlstand im Auge, und nach einiger Anstrengung auch alles im Griff. Die Lösung für d a s Problem ist da. Es geht ja um nichts geringeres als die Treibhausgase. Mit Betonung auf das, denn die anderen Probleme der Massentierhaltung (für unseren Wohlstand!) werden in dem ganzen Artikel nicht erwähnt.

Es folgen die üblichen wissenschaftlichen Argumenten, die keiner prüfen kann und wird und natürlich werden die wirtschaftlichen Vorteile für die Bauern, die diese genialen Erfindung mit sich bringt, auch noch schnell durchgerechnet.
In einem Nebensatz wird erwähnt, dass es keine Nebenwirkungen gibt. Im Gegenteil, die Kuh gewinnt Energie bei der Verdauung. Sie gehört also auch zu den Gewinnern. Es wurde an das Wohl aller gedacht auch an den Tierschutz. Ethik erfüllt, abhaken. Dann wird noch ein wenig nobel über die Konkurrenz gesprochen und ihr Lösung zuletzt doch als minderwertiger präsentiert.

Was ist die Rolle des Verfassers dieses Berichtes? Er ist Texter und verfasst einen Artikel im Auftrag. Dieser soll sachlich erscheinen, ist aber eigentlich Werbung und soll subtil wirken.
Was ist die Rolle der Presse hier (oder mittlerweile allgemein)? Die Werbung, pardon Lösung an den Mann zu bringen. Auch sie gehört zum Wirtschaftskreislauf und muss Rendite erzeugen. Und so geht es weiter.

Wegen all diesen Abhängigkeiten in diesem auf Wachstum angewiesenen System werden wir nie Ursachen beheben. Wir können aus diesem Problem-Lösungs-Denken erst wieder herausfinden, wenn wir das System ändern. Dann beseitigen wir Ursachen und schaffen uns eine echte Chance zu überleben und einen natürlichen (statt diesem künstlichen) Wohlstand.

Ein Anfang ist, die Verantwortung für unser Denken nicht mehr an andere zu delegieren, die dies bisher erfolgreich und gewinnbringend nutzen. Sondern selber zu denken und zu hinterfragen. Auch das hat eine Ursache in uns selber. Vielleicht fangen wir genau dort an.

Sieglinde Kliemen

 

Link zum Artikel
https://www.derbund.ch/sonntagszeitung/milliardengeschaeft-mit-ruelpsenden-kuehen/story/13464239

 

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Lange Arbeitswege bestrafen

Heute wird viel darüber diskutiert, welcher Arbeitsweg zumutbar ist, damit aus einem Arbeitslosen oder einen Sozialhilfeempfänger ein Lohnarbeiter wird. Weil alle und jeder müssen einer Erwerbstätigkeit nachgehen, nach dem höchsten Motto der Politik: ein Recht (und vor allem eine Pflicht) auf Lohnarbeit für alle.
Nun ja, aber wie wir wissen, haben wir zu viel Verkehr, unser Fussabdruck braucht 2.5 Planeten und der Stress frisst unsere Gesundheit mehr und mehr auf. Das alles kurbelt zwar die Wirtschaft an, doch es entzieht uns Menschen auch ganz sicher unsere Lebensgrundlage.

Also lasst uns doch jeden Arbeitsweg, der länger als 30 km beträgt, mit einer Lenkungsabgabe bestrafen. Jawohl, wer uns allen mehr Schaden zumutet als 30 km Pendeln ausmacht, soll saftig dafür zahlen!
Ab jetzt heisst es auf dem RAV, auf dem Soz, in der Presse, in der Nachbarschaft und Verwandtschaft, wie du pendelst länger als 30 km? Schäm dich du Schmarotzer!

Nun sind die Grünen und auch die Sozialen gerne bereit, den öffentlichen Verkehr gegenüber dem Individualverkehr zu fördern. Doch weniger wird er dabei nicht. Er verlagert sich nur und wird vielleicht etwas grüner angehaucht. Uns und dem Planeten hilft das nicht. Es ist mehr ein Greenwashing mit Wachstumschancen in anderen Branchen. Denkt an die Arbeitsplätze …!
Die Sozialkassen müssen wir entlasten, denn es soll ja keiner auf Kosten der Allgemeinheit auf der faulen Haut liegen. Meinen rechts und Mitte Politiker. Das dürfen nur Erben, Kapitalrenditebezieher und Menschen, die von der Schuld der anderen leben. Auch Ausbeuten im Rahmen der Gesetze ist erlaubt.

Aber zurück zu meiner Vision. Was passiert nun, wenn wir plötzlich umdenken? Die Menschen bleiben in der Region. Der Stress wird weniger und Menschen werden wieder mehr lächeln. Eltern sind näher bei ihren Kindern und der Austausch und das Leben in der Region wird gefördert. Der Kampf um die besten Arbeitsplätze und die besten Bewerber lässt nach. Und wer seinen Traumjob woanders sieht, zieht einfach um. Ein Kampf weniger macht Platz für mehr Kooperation und neue Modelle. Wir gewinnen Freiräume für das, was uns Freude macht. Die Staumeldungen im Radio werden durch eine Rubrik Gute Nachrichten aus der Region ersetzt. Die Luft- und Lärmverschmutzung lässt nach. Die Autos werden weniger. Velo und Fussgänger bekommen mehr Raum. Parkplätze werden zu Begegnungszonen für Mensch und Natur. Der öffentliche Verkehr in der Region kann neu durchdacht werden. Es entwickelt sich eine Dynamik durch Mut zu radikalem Umdenken bei soviel Erfolg …

Nun für diejenigen Kritiker, die meinen, das sei nicht genug durchdacht – folgendes: es ist genauso sehr oder wenig durchdacht wie alles andere, was Politiker vorschlagen und umsetzen. Für die, die meinen es sei nicht umsetzbar: Veränderungen brauchen Querdenker, Visionen und Mut, sonst bleibt immer alles beim Alten. Oder es wird wie jetzt, von der unsichtbaren Hand des Marktes gelenkt. Wo letzteres hinführt, sehen wir ja, wir sind nämlich genau dort. Unser Blick starrt dabei auf das Lodern der Zündschnur am Ende der Sackgasse. Augen verschliessen ändert daran auch nichts. Aber mutiges Querdenken schon.

Habt Mut und denkt mit und weiter – auf dem Weg zu neuen Taten!

Sieglinde Lorz

Fernweh oder, warum halten wir es hier nicht aus?

Neulich hatten wir in unserem Café Décroissance das Thema Suffizienz. Es ging dabei um eine Studie des Centre for Development and Environment (CDE) der Uni Bern, die herausfinden wollte, was Menschen bewegt suffizient zu leben und dabei doch noch (oder erst recht) glücklich zu sein.
Ich möchte hier nicht die Studie präsentieren. Sie kann in dem daraus resultierten Buch {1} im Detail nachgelesen werden. Doch ich möchte gerne einen Aspekt herausgreifen, der wohl immer wieder im Zusammenhang mit Suffizienz die Gemüter bewegt – das Reisen allgemein und das Fliegen im Speziellen.
Die Studie erlaubt als suffizientes Kriterium einmal im Jahr zu fliegen. Ja, jetzt geht schon mal ein Raunen durch einen Teil der Menge. Einmal im Jahr fliegen und suffizient leben, das geht doch gar nicht?! Vielleicht doch, meinen die Forscherinnen. Es kommt ja letztendlich auf den gesamten Lebensstil an. Denn reisen, das merkt man bei vielen, ist den Schweizern ein liebes Kind. So gern möchte man doch ferne Länder kennen lernen. Die Flüge sind billig, die globalisierte Wirtschaft freut‘s. Ein Markt mit Wachstumspotential.

Reisen, Urlaub machen ist nun wirklich nicht nur eine Frage von Kultur und Bildung. Es wird einfach gerne so dargestellt. Viele der Reisenden sind auf der Suche nach Erholung, auf der Flucht vor dem Alltag, oder wollen sich einfach mal etwas Gutes gönnen. Die unsinnigen Geschäftsreisen blende ich mal aus, da sie Teil des globalisierten Wirtschaftssystems sind.

Ich möchte nun ein paar Fragen stellen, um der Sache ein wenig näher zu kommen.
Warum müssen wir so weit weg fliegen, um Erholung, Abwechslung vom Alltag und Gutes zu finden? Wenn ich alle Hügel, Seen und Berge der Schweiz kennen lernen möchte, wandere ich ein Leben lang und muss nicht viele davon öfters besuchen. Abwechslung, Erholung und Gutes gibt es hier sicher genug.
Wieso passt uns unser Wetter, wenn wir arbeiten, aber wenn wir frei haben nicht? Wenn wir ein anderes Wetter wollen, sollten wir doch einfach in ein anderes Klimagebiet auswandern. Darüber denken die Wenigsten überhaupt nach.
Wieso ist das Wissen über fremde Länder und Kulturen so wichtig, wenn wir uns erstens in Hotels bewegen, die sowieso unserer Kultur entsprechen und zweitens oft nur 14 Tage dort sind? Wieso haben fremde Kulturen so eine grosse Anziehungskraft auf uns? Der Mensch ist neugierig, das ist mir bewusst. Wenn ich durch den Wald und über die Wiesen laufe, kann ich über Jahre hinweg, jeden Tag eine neue Pflanze, ein neues Insekt oder einen neuen Vogel kennen lernen. Noch haben wir ein bisschen Natur, auch wenn wir immer mehr davon vernichten. Mit dem Wissen um die einheimische Fauna und Flora ist mir in meinem Leben und in meinem Alltag mehr gedient als mit fernen Pseudo-Bildungsreisen. Die Neugier fremde Kulturen kennenzulernen, kommt ein wenig dem Begaffen von wilden Tieren im Zoo gleich. Sobald diese in unseren Alltag eindringen, wehren wir uns vehement dagegen. Wölfe erschiessen wir, Neophyten werden mit allen Mitteln bekämpft und Flüchtlinge sperren wir in Heime. Das muss alles unsere Ordnung haben.

Reisen ist ein Stück Freiheit. Die Freiheit dahin zu gehen, wo ich gerne sein möchte. Wieso kommen die aus den fernen Ländern nicht auch alle zu uns zu Besuch? Dürfen sie nicht, können sie nicht, oder wollen sie nicht? Ich sage, alles davon ist wahr. Doch ich neige zu der Antwort, die meisten davon wollen nicht. Sie wollen nicht unsere Kultur kennen lernen. Sie wollen nicht so weit weg von daheim fortschreiten (Achtung Wortspiel Fortschritt). Sie haben eine Kultur, kennen sie und fühlen sich darin wohl. Ich kann mich an dem Film ThuleTuvalu {2} erinnern. Eine der Frauen von der Insel Tuvalu sollte das erste Mal in ihrem Leben auf die Nachbarinsel reisen. Eine halbe Tagesreise mit dem Boot entfernt. Sie war so aufgeregt, obwohl mitten im Leben, war sie noch nie weg von ihrer Heimatinsel gewesen. Die Möglichkeit hätte sie gehabt. Ist das jetzt eine Frage der Bildung, des Fortschritts oder der Kultur? Reisen in andere Kulturen erweitert den Horizont, sagt man. Ist unser Horizont so beschränkt, dass wir ihn dauernd erweitern müssen und im Gegenzug der Horizont von dieser Frau so weit, dass es sie nicht nach Erweiterung dürstet? Oder ist sie einfach, ungebildet und weiss gar nicht um ihre mögliche Beschränktheit? Ich möchte niemanden beleidigen (auch mich nicht), doch wir reden hier vor allem von einem guten Leben. Wenn wir gut leben würden, einfach so wie diese Eingeborene gut lebt, wovon würden wir träumen, was würden wir begehren? Sie ist vielleicht aus unserer Sicht beschränkt in ihrem Leben. Das ist aber unsere Sicht und somit unser Mass für Beschränkung. Das müssen wir uns mal bewusst machen. Wir beurteilen ihre Situation mit unserem Blickwinkel.
Diejenigen, die nun aus den „aufstrebenden“ Ländern den Weg als Touristen zu uns finden, tun das aus den gleichen Gründen wie wir. Sie sind nicht plötzlich neugierig geworden auf die Ferne, oder folgen einer jahrelangen Sehnsucht nach Freiheit, die sie nun verwirklichen können. Sie folgen vor allem einer wirtschaftlichen Entwicklung, die das Reisen als eines ihrer Statussymbole propagiert und dafür sehr viele Mittel für Werbung ausgibt, um diese Sehnsucht künstlich herzustellen und immer weiter zu befeuern. Vielleicht treibt sie auch der Fortschritt langsam in die Ferne, sowie uns auch, weil wir unsere von der Wirtschaft geprägte destruktive Kultur selber nicht mehr ertragen können. Die kurze Flucht zwischendurch in eine andere (schönere oder weniger schöne) Welt, kann unseren Blickwinkel auf unseren Alltag wieder etwas korrigieren. Er wird wieder etwas erträglicher.

Ich habe sicher weder Recht noch Unrecht. Das ist auch nicht mein Ziel. Ich möchte dazu anregen, in einer stillen und freien Minute immer mal wieder über das eigene Fernweh (oder die Flucht) nachzudenken. Entweder alleine daheim mit einer Reise nach Innen, oder in einer gemütlichen Runde mit Nachbarn und Freunden. Es spricht auch nichts dagegen gemeinsam nach Innen zu reisen.

Sieglinde Lorz, April 2017
{1} Genug genüg – Mit Suffizienz zu einem guten Leben, Marion Leng, Kirstin Schild, Heidi Hofmann, oekom Verlag 2016 ISBN 978-3.86581-815-7

{2} http://www.thuletuvalu.com/

Zum Begriff der nachhaltigen Entwicklung

Umweltschutz auf Neoliberal – der Brundtlandbericht
1982 scheiterte der zweite UN-Weltgipfel für Umwelt und Entwicklung in Nairobi. Er wird heute in der Liste der großen Umweltkonferenzen gar nicht mehr aufgeführt. Aber die UNO konnte der Weltöffentlichkeit die brutale Tatsache nicht unverhüllt zumuten, dass die Umwelt in einer neoliberal regierten Welt kein Thema mehr war. Deshalb vertraute sie 1983 der neu geschaffenen Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, der sogenannten Brundtlandkommission, die Aufgabe an, einen Bericht zu langfristig tragfähiger, umweltschonender Entwicklung im Weltmaßstab bis zum Jahr 2000 und darüber hinaus zu erarbeiten.(1)

Der Kommission gehörten einundzwanzig Mitglieder an; unter ihnen William Doyle Ruckelshaus, Direktor der US-Umweltbehörde EPA unter Nixon und später unter Reagan; Maurice Strong, der in der Erdölindustrie und Wasserversorgungsindustrie Karriere gemacht hatte, später Generalsekretär des Weltgipfels Rio 1992 wurde und beste, sehr breit angelegte Beziehungen zur Wirtschaft hatte; Saburo Okita, ehemaliger japanischer Außenminister und einer der Architekten des japanischen «Wirtschaftswunders»; Susanna Agnelli, Schwester des Vorstandsvorsitzenden von Fiat. Die Brundtlandkommission publizierte 1987 den Bericht «Our Common Future», der den Begriff der nachhaltigen Entwicklung im Bewusstsein der Weltöffentlichkeit verankerte.(2) Die Unterzeichnenden galten damals in Sachen Umweltschutz als Visionäre, die der Welt die Möglichkeit aufzeigten, die scheinbar gegensätzlichen Bedürfnisse von Umweltschutz und Entwicklung zu versöhnen. Der Bericht erhielt viel Beifall und weckte große Hoffnungen. Aber er war nichts anderes als die Festschreibung neoliberaler Grundsätze in den Bereichen Umweltschutz und Entwicklung. Die Kommission war offensichtlich darum bemüht, die neoliberal geprägte Globalisierung mit gut gemeinten Appellen humaner zu gestalten als bisher. Aber ihr eigentliches Ziel war die ungehinderte Fortführung des Globalisierungsprozesses. Wirtschaftswachstum, Freihandel und Zusammenarbeit der Entwicklungsländer mit den transnationalen Konzernen wurden als Rezepte für eine bessere Zukunft vorgeschlagen. Im Bericht erschienen die Probleme in Umwelt- und Entwicklungspolitik nicht als Folgen der globalen Machtungleichgewichte, sondern sie wurden wie Störungen dargestellt, die beim Betrieb einer noch nicht perfekt funktionierenden Maschine auftreten können und die man beheben muss. Nirgends im Text wurde die Globalisierung als das Herrschaftsprojekt vorgestellt, das sie von Anfang an war. «Unsere gemeinsame Zukunft» war die theoretische Rechtfertigung der neoliberalen Hegemonie, wie sie sich einige Jahre vorher durchgesetzt hatte. Vielleicht hatten es die redlichsten Mitglieder der Kommission anders gemeint; aber die Zukunft, von der sie sprachen, hatte längst begonnen. Und der Begriff der nachhaltigen Entwicklung wurde fünf Jahre später zum Schlüsselbegriff für den Weltgipfel von Rio 1992.

Agenda 21
Mitte 1990 lud Maurice Strong, Generalsekretär der UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung, den Schweizer Industriellen Stephan Schmidheiny ein, sein Hauptberater für Fragen der Wirtschaft und der Industrie zu werden. Schmidheiny gründete den «Unternehmerrat für nachhaltige Entwicklung» (Business Council for Sustainable Development BCSD) und erreichte, dass 47 führende Industrielle aus der ganzen Welt diesem Rat beitraten. Das erklärte Ziel von Strong und Schmidheiny war es, der Industrie an der Konferenz von Rio die Hauptrolle zuzuweisen. Ihnen war klar, dass internationale Umweltpolitik in den Chefetagen der großen Konzerne entworfen und von dort aus gesteuert werden sollte. Im Mittelpunkt von Schmidheinys Aktivitäten stand der Begriff der nachhaltigen Entwicklung. Für diesen Begriff gilt, was der französische Philosoph Bertrand Méheust 2009 für viele im Neoliberalismus verwendete Begriffe festgestellt hat: Sie vereinen einen unversöhnlichen Gegensatz in einem einzigen Ausdruck und lassen so den Gegensatz als versöhnt erscheinen. Sie lassen uns glauben, ein bisher unlösbares Problem werde dadurch lösbar, dass ihm ein solcher Begriff, ein Oxymoron, übergestülpt wird.(3) Wenn wirtschaftliche Entwicklung gleichbedeutend mit Wachstum ist, kann sie nur dann nachhaltig im ursprünglichen Sinne des Wortes sein, wenn die Ressourcenproduktivität im gleichen Maße zunimmt wie die Produktion oder wenn der Vorrat an Ressourcen seinerseits wächst. Beides ist nach den bisherigen Erfahrungen praktisch nie der Fall. Nachhaltige Entwicklung ist ein Oxymoron im Dienste der neoliberalen Propaganda, das mit der ökonomischen Realität nichts zu tun hat – ein typisches Beispiel für neoliberalen Neusprech. Es wurde der Welt nach der Konferenz von Rio 1992 unter dem Diktat der Konzerne als Leitbegriff der internationalen Umweltpolitik aufgezwungen. Der Begriff hatte damals schon eine lange Geschichte hinter sich. Er musste den neutraleren Begriff der Ökoentwicklung ersetzen, der an der Konferenz von Stockholm 1972 verwendet worden war. Henry Kissinger persönlich forderte, dass nicht mehr von Ökoentwicklung gesprochen werde. Die Brundtlandkommission führte 1987 die nachhaltige Entwicklung als weltweit anerkannten Grundsatz in die Umwelt- und Entwicklungspolitik ein. 1992 publizierte Schmidheiny sein Buch «Kurswechsel»(4), um den Verlauf der Konferenz von Rio in seinem Sinne zu beeinflussen. Darin stellte er die freie Marktwirtschaft als das einzig mögliche Instrument für nachhaltige Entwicklung dar. Dem BCSD, der später zum World Business Council for Sustainable Development WBCSD erweitert wurde, war die Einwurzelung des Begriffs im Bewusstsein der Weltöffentlichkeit so wichtig, dass er sich entscheidend an Planung und Finanzierung der Konferenz von Rio 1992 beteiligte.

Die Konferenz hat unter dem Titel «Agenda 21» ein 360-seitiges Dokument veröffentlicht. Es war als Anweisung zur weltweiten Umsetzung des Programms der nachhaltigen Entwicklung gedacht. Es enthielt keine verbindlichen Beschlüsse, sondern bloß Empfehlungen. Es gab und gibt denn auch keine rechtlichen Mittel zur Durchsetzung der Ziele der Agenda 21. Das Antasten von bestehenden Machtverhältnissen war im Dokument Tabu. Sowohl Gentechnik in der Landwirtschaft als auch Atomkraftwerke erschienen im Bericht als unverzichtbare Instrumente der nachhaltigen Entwicklung. Die Führungsrolle der transnationalen Konzerne wurde zur Grundlage der internationalen Umwelt- und Entwicklungspolitik gemacht. Weder WTO (damals noch GATT) noch IWF oder Weltbank wurden in irgendeiner Weise auf nachhaltiges Handeln verpflichtet. Insgesamt wurde Natur nur insofern wahrgenommen und dargestellt, als sie ökonomisierbar ist. Der Umsetzungsprozess verlief konsequent von oben nach unten. Das bedeutete, dass die Ziele im Wesentlichen in den Konzernzentralen bestimmt und dann an der Konferenz von Rio beschlossen wurden. Von dort gelangten sie als «Agenda 21» an die beteiligten Staaten, die ihrerseits die Realisierung an die Gemeinden delegieren sollten. Dies alles geschah auf freiwilliger Basis oder geschah eben nicht. Millionen von Menschen ließen sich in lokalen Programmen der Agenda 21 beschäftigen und hofften, durch ihre Freiwilligenarbeit etwas zur Rettung des Planeten beizutragen. Obwohl die lokale Agenda 21 nicht ganz ergebnislos geblieben ist, muss doch festgestellt werden, dass man in Sachen Umweltschutz in den zwanzig Jahren nach Rio 1992 kaum irgendwo über die seit Jahrzehnten andauernde «Hofferei»(5) hinausgelangt ist. Das Hauptziel der Großkonzerne, nämlich das ungehinderte Weiterwirtschaften unter dem Motto der «nachhaltigen Entwicklung», war zwar erreicht. Aber für Umwelt und Klima sind nach Rio 1992 zwanzig wertvolle Jahre verloren gegangen.

Ernst Schmitter

Quellennachweis:
(1) Ich folge in diesem Abschnitt der Darstellung von Aurélien Bernier in seinem leider nicht auf Deutsch übersetzten Buch «Comment la mondialisation a tué l’écologie“, Ed. Mille et une Nuits, Paris 2012.

(2) Der Begriff der Nachhaltigkeit stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft und bedeutet, dass nicht mehr Holz geschlagen wird, als nachwachsen kann. Er wurde von verschiedenen Institutionen übernommen, unter anderem von der Brundtlandkommission. In ihrem Bericht wird nachhaltige Entwicklung folgendermaßen definiert: «Entwicklung zukunftsfähig zu machen, heißt, dass die gegenwärtige Generation ihre Bedürfnisse befriedigt, ohne die Fähigkeit der zukünftigen Generation zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen zu können.» Schon bald wurde der Begriff von Wirtschaftsvertretern systematisch missbraucht. Im heutigen Sprachgebrauch ist «nachhaltig» oft gleichbedeutend mit «dauernd, anhaltend», was einer fast vollständigen Verkehrung der ursprünglichen Bedeutung in ihr Gegenteil gleichkommt.

(3) Bertrand Méheust, La politique de l’oxymore, Ed. La Découverte, Paris 2009

(4) Stephan Schmidheiny, Kurswechsel – Globale unternehmerische Perspektiven für Entwicklung und Umwelt, Artemis und Winkler, München 1992

(5) Der Ausdruck stammt vom Politikwissenschaftler Wolf-Dieter Narr.