Lange Arbeitswege bestrafen

Heute wird viel darüber diskutiert, welcher Arbeitsweg zumutbar ist, damit aus einem Arbeitslosen oder einen Sozialhilfeempfänger ein Lohnarbeiter wird. Weil alle und jeder müssen einer Erwerbstätigkeit nachgehen, nach dem höchsten Motto der Politik: ein Recht (und vor allem eine Pflicht) auf Lohnarbeit für alle.
Nun ja, aber wie wir wissen, haben wir zu viel Verkehr, unser Fussabdruck braucht 2.5 Planeten und der Stress frisst unsere Gesundheit mehr und mehr auf. Das alles kurbelt zwar die Wirtschaft an, doch es entzieht uns Menschen auch ganz sicher unsere Lebensgrundlage.

Also lasst uns doch jeden Arbeitsweg, der länger als 30 km beträgt, mit einer Lenkungsabgabe bestrafen. Jawohl, wer uns allen mehr Schaden zumutet als 30 km Pendeln ausmacht, soll saftig dafür zahlen!
Ab jetzt heisst es auf dem RAV, auf dem Soz, in der Presse, in der Nachbarschaft und Verwandtschaft, wie du pendelst länger als 30 km? Schäm dich du Schmarotzer!

Nun sind die Grünen und auch die Sozialen gerne bereit, den öffentlichen Verkehr gegenüber dem Individualverkehr zu fördern. Doch weniger wird er dabei nicht. Er verlagert sich nur und wird vielleicht etwas grüner angehaucht. Uns und dem Planeten hilft das nicht. Es ist mehr ein Greenwashing mit Wachstumschancen in anderen Branchen. Denkt an die Arbeitsplätze …!
Die Sozialkassen müssen wir entlasten, denn es soll ja keiner auf Kosten der Allgemeinheit auf der faulen Haut liegen. Meinen rechts und Mitte Politiker. Das dürfen nur Erben, Kapitalrenditebezieher und Menschen, die von der Schuld der anderen leben. Auch Ausbeuten im Rahmen der Gesetze ist erlaubt.

Aber zurück zu meiner Vision. Was passiert nun, wenn wir plötzlich umdenken? Die Menschen bleiben in der Region. Der Stress wird weniger und Menschen werden wieder mehr lächeln. Eltern sind näher bei ihren Kindern und der Austausch und das Leben in der Region wird gefördert. Der Kampf um die besten Arbeitsplätze und die besten Bewerber lässt nach. Und wer seinen Traumjob woanders sieht, zieht einfach um. Ein Kampf weniger macht Platz für mehr Kooperation und neue Modelle. Wir gewinnen Freiräume für das, was uns Freude macht. Die Staumeldungen im Radio werden durch eine Rubrik Gute Nachrichten aus der Region ersetzt. Die Luft- und Lärmverschmutzung lässt nach. Die Autos werden weniger. Velo und Fussgänger bekommen mehr Raum. Parkplätze werden zu Begegnungszonen für Mensch und Natur. Der öffentliche Verkehr in der Region kann neu durchdacht werden. Es entwickelt sich eine Dynamik durch Mut zu radikalem Umdenken bei soviel Erfolg …

Nun für diejenigen Kritiker, die meinen, das sei nicht genug durchdacht – folgendes: es ist genauso sehr oder wenig durchdacht wie alles andere, was Politiker vorschlagen und umsetzen. Für die, die meinen es sei nicht umsetzbar: Veränderungen brauchen Querdenker, Visionen und Mut, sonst bleibt immer alles beim Alten. Oder es wird wie jetzt, von der unsichtbaren Hand des Marktes gelenkt. Wo letzteres hinführt, sehen wir ja, wir sind nämlich genau dort. Unser Blick starrt dabei auf das Lodern der Zündschnur am Ende der Sackgasse. Augen verschliessen ändert daran auch nichts. Aber mutiges Querdenken schon.

Habt Mut und denkt mit und weiter – auf dem Weg zu neuen Taten!

Sieglinde Lorz

Transition Town trifft Décroissance

In Bern gibt es beides, sowohl eine Transition Town als auch eine Décroissance Bewegung und diese sind sich nah. Sie teilen Ideologien, haben eine ähnliche Vision von einer neuen Welt und begegnen sich immer wieder im gemeinsamen Handeln.

In einem Wandel von unten gesteuert ist Bern schon länger. Es gibt Projekte der Solidarische Landwirtschaft wie Radiesli und Uniterre. Die Lorraine, der Breitsch (Breitenrain) und auch das Rossfeld sind Quartiere wo Gemeinschaft, Nachbarschaft und Solidarität schon lange Tradition hat. Das sind nur einige, wenige Beispiele und alle anderen Aktiven mögen mir die Nichterwähnung nachsehen. Unter dem Namen Transition Bern begann der Wandel jedoch erst im Frühling 2013, als eine Gruppe von wandelfreudigen und wandelaktiven Menschen entschied, einen Infoabend zu organisieren und so Transition Bern ins Leben zu rufen. Darunter befand auch ich mich, also eine Aktive der Décroissance Bewegung, welche im Jahre 2010 bei der damaligen Tour der Lorraine ihren Anfang nahm.
Die Ziele, welche mit der Gründung der Transition Bewegung verfolgt werden, sind mehrere. Einerseits die Vernetzung der vorhandenen Projekte, welche bereits den Wandel in Bern vorantreiben. Andererseits der Wunsch immer mehr Aktivitäten zu starten, um Bern zu einer nachhaltigen, resilienten und zukunftsfähigen Stadt zu entwickeln. So kamen etwa fünfzig Interessierte an diese Startveranstaltung und befürworteten die Initiative. Eine Kerngruppe wurde gebildet und eine weitere Vernetzung von Interessierten in den Quartieren konnte stattfinden. Denn die Begeisterung der Bürger, der Nachbarschaften und Quartiere einen gemeinsamen Weg zu gehen, bleibt auch hier die weltweit etablierte Strategie der Transition Bewegung.

Transition Bern und Décroissance Bern teilen nicht nur Ideologie und Vision, es gibt auch Menschen, welche in beiden Bewegungen aktiv sind. Bei Décroissance kämpfen sie mit Aufklärung und einer differenzierter Sichtweise gegen den Wachstumszwang im System. Eine laute Stimme, die sich unermüdlich gegen die Selbstverständlichkeit gegenüber diesem System wehrt. Bei Transition Bern können sie endlich handeln, etwas konkretes tun und somit den Frust des Kampfes gegen Wachstums-Windmühlen in positive Taten lenken.

Aber nicht alle, welche sich für den Wandel in Bern begeistern lassen und gerne Positives bewirken wollen,  können sich mit den ewig kritischen Stimmen der Décroissanceler anfreunden. Nicht selten gelten wir in politischen Kreisen als ewige Verhinderer, wenn wir den Zeigefinger heben, weil auch eine grüne Wachstumswirtschaft immer noch eine Wachstumswirtschaft ist, die primär dem Wachstum dient und nicht der Nachhaltigkeit. Der Suffizienzgedanke ist politisch nicht tragfähig. Das klingt nach Verzicht, verlorenem Wohlstand und dem Verlust von Arbeitsplätzen. So wird dann auch mal Unmut von Sympathisanten laut, wenn sich die Kerngruppe von Transition Bern entscheidet, mit Décroissance Bern ein gemeinsames Sommerfest zu organisieren, was mittlerweile regelmässig geschieht.

Aber genau dieser Suffizienz-Gedanke ist auch ein Teil der Transition Bewegung. Ein gutes Beispiel dafür ist das Projekt Transition Streets, wo die Arbeitsgruppe Energie und Mobilität von Décroissance Bern, auf Anfrage der Transitioner, bei der Übersetzung des damit verbundenen Handbuches hilft, indem sie die Verantwortung für die Ausführung des Kapitels Energie übernommen hat.
Bei Transition Streets geht es darum, dass sich Menschen in Nachbarschaften zusammen tun, um sich gegenseitig dabei zu unterstützen, das eigene Verhalten in Richtung eines sorgfältigen und sparsamen Umgangs mit Ressourcen, Reduktion von Müll, lokalem und regionalem Einkauf, gemeinsame Nutzung von Werkzeugen, etc. zu wandeln. Das Handbuch hilft als Wegweiser und Leitfaden angepasst an die politischen und örtlichen Gegebenheit eins Landes oder einer Stadt bzw. Region.
Die Stärke der Transition Bewegung, auch in Bern, liegt darin, Menschen zu verbinden und sich gegenseitig zu motivieren und zu unterstützen. So wurden beim Projekt Transition Streets auch Studenten der Uni Bern in Zusammenarbeit mit dem Center for Development and Environment (CDE) eingebunden, welche das Thema in einer Semesterarbeit behandelten. Ihrer Arbeit mündete auch in einer gemeinsam Präsentation ihrer Ergebnisse am eco Naturkongresses 2015 in Basel, wo sie diese zusammen mit Transition Bern in einem Workshop präsentieren und diskutieren durften. Seither sind einige Studenten begeisterte Transitioner und die Zusammenarbeit mit dem CDE geht weiter. So wurde im Rahmen einer Studie des CDE zum Thema Suffizienz sowohl Transition Bern, als auch Décroissance Bern eingeladen, an Workshops innerhalb der Studie teilzunehmen und ihre Sichtweise mit einzubringen. Ein guter Erfolg für alle Beteiligten und ein weiteres Kapitel in der Geschichte einer Stadt im Sog des Wandels.

Egal wo man startet und welche Ausrichtung man bei seinem Engagement hat, zeigt sich mal wieder, man muss nicht immer das Selbe tun, um Gleiches zu erreichen. Wichtig ist ein freundschaftlicher und unterstützender Kontakt, der Austausch, die Interaktion – das Miteinander auf einem gemeinsamen Weg. So wie das bei Freunden üblich ist. Am Ziel wird gemeinsam gefeiert und zwischendurch erst recht. Denn es stärkt die Verbindung in der Freundschaft, bündelt und vergrössert die Kraft in einem gemeinschaftlichen Wandel.

Sieglinde Lorz

http://www.decroissance-bern.ch / info@decroissance-bern.ch
http://www.transition-initiativen.de/group/bern / etib@websource.ch

Dieser Artikel ist in der aktuellen Ausgabe (November 2016) der MOINS! in französischer Sprache übersetzt erschienen. Diese kann unter folgendem Link bestellt werden http://www.achetezmoins.ch/

Mobilität – Fetisch oder Bedürfnis ?

Für gewisse Politiker*innen ist Mobilität nicht ein notwendiges Übel, sondern Garantin des sozialen Zusammenhalts, Markenzeichen für Weltoffenheit und Motor des Fortschritts. So wird sie unversehens vom Mittel zum Selbstzweck. Deshalb wird hier  gefragt: Wo sollte die Mobilität in unserer Rangordnung der Werte stehen? Wieviel Mobilität brauchen wir wirklich?

Mobilität als Fetisch
In einer zeitlich weit zurückliegenden Kultur, der wir ohne Zweifel viel verdanken, galt Mobilität so gut wie nichts: im klassischen Athen. Sokrates machte keine Ferienreisen. Aber heute fliegen jährlich Hunderttausende von Zürich, Basel oder Genf in die ganze Welt und werden dadurch doch nicht klüger. Weit entfernte Reiseziele sind zu Statussymbolen geworden. Meistens werden anglophone Länder besucht, aber wenn das Ziel in Asien oder Afrika liegt, dann wagt man sich nur in die Metropolen und in speziell ausgestattete Feriensiedlungen, wo man sich mit Englisch durchschlagen kann. Deshalb erleben diese Reisenden vor allem eine touristische Inszenierung. Zwar gibt es auch Mutige, die sich von den ausgetretenen Pfaden des Massentourismus entfernen und den direkten Kontakt mit fremden Kulturen suchen (soweit dies ohne Kenntnis der Landessprache überhaupt möglich ist), aber sie sind in der Minderheit.

Der ungeheure Aufschwung des Ferntourismus hängt natürlich auch mit den Preisen der Flüge zusammen, die heute extrem tief sind. Es ist unverständlich, dass Flughäfen und Fluggesellschaften immer noch steuerlich begünstigt werden. Das Gegenteil wäre aus ökologischen Gründen richtig. Ein hoher Zuschlag für den CO2-Ausstoss und eine angemessene Entschädigung für den Lärm würden zu vernünftigen Preisen führen und auf Kurz- und Mittelstrecken die Bahn wieder konkurrenzfähig machen. Den Lärm hört man übrigens nicht nur in der Nähe der Flughäfen. Wer sich in der Schweiz fern von allen Strassen und Bahnen erholen will und sein Gehör noch nicht in Diskotheken geschädigt hat, kann mindestens einmal alle zehn Minuten einen Flieger hören, der von Zürich, Basel, Genf oder Mailand gestartet ist. Und dann sind da auch noch diese weissen Kondensstreifen, die fast immer den blauen Himmel verschandeln. Die Verursacher dieser Übel müssen endlich zur Kasse gebeten werden.

2. Wieviel Mobilität brauchen wir?
Wohnung und Arbeitsplatz sind heute fast immer räumlich getrennt. Das lässt sich kaum ändern, aber die mittlere Entfernung zwischen beiden ist viel grösser als notwendig wäre. Wenn man absieht von berufstätigen Paaren mit weit auseinander liegenden Arbeitsorten, dann sind die Gründe hohe Wohnungsmieten in den Städten, aber auch der Wunsch, im eigenen Haus im Grünen zu wohnen. Damit noch nicht zufrieden, wollen einige auch noch freie Sicht auf die Alpen oder auf einen See. Deshalb gibt es Leute, die in Bern arbeiten, aber am Thunersee wohnen. Wenn diese sich über volle Züge oder Staus auf der Autobahn zwischen Bern und Thun beklagen, dann muss ihnen gesagt werden: Ihr seid selber schuld.

Auch in der Freizeit wollen wir mobil sein. Es gehört zum menschlichen Leben, dass man Freunde und Verwandte hat, die man hin und wieder treffen will. Gegen solche Reisen ist nichts einzuwenden, wenn die Distanzen moderat sind. Auch die Teilnahme am politischen und kulturellen Leben der Region, in der man lebt, erfordert Beweglichkeit. Darauf soll niemand verzichten. Etwas anderes sind die Fahrten zu touristischen Zielen, die heute den grössten Teil des Personenverkehrs an Wochenenden ausmachen. Hier gilt: weiter ist nicht per se schöner. Wer im Mittelland oder in den Voralpen wandert, kann an einem Tag mehr erleben als bei einer Autofahrt über fünf Alpenpässe.

Helmut Knolle