Zu Helmut Knolle: Wachstumsgesellschaft. Aufstieg, Niedergang und Veränderung

Wie und wann fing die Geschichte mit dem Wirtschaftswachstum an? Woher stammt die Überzeugung, eine gesunde Wirtschaft müsse konstant wachsen? Welche Faktoren treiben das Wachstum an? – Fragen wie diese erörtert Helmut Knolle in seinem Buch. Die Darstellung ist zielstrebig und durchsichtig, die Sprache leicht verständlich, der rote Faden jederzeit sichtbar. Im ersten Teil („Geschichte“) zeichnet der Autor die Entstehung der Wachstumsgesellschaft und ihren kulturellen Niedergang in der Gegenwart nach. Dies führt ihn zur Frage, ob die herrschende ökonomische Theorie in einer Zeit, in der Klimawandel und Umweltverschmutzung zu zentralen Problemen geworden sind, noch brauchbar ist. Im zweiten Teil („Theorie“) skizziert er die Geschichte der ökonomischen Theorien und stellt seinen eigenen Ansatz einer ökologischen Ökonomie vor. Ziel des Buches ist die Suche nach Wegen, wie sich unsere Gesellschaft vom Wachstumswahn befreien kann. Dieses Ziel ist in allen Teilen des Buches sichtbar und dominiert vollends im dritten Teil („Perspektiven“).

Geschichte: Die vorindustrielle, vorkapitalistische Welt war durch den Feudalismus geprägt: Was Bauern und Handwerker an Mehrwert produzierten, konsumierten die Feudalherren, Fürsten und Königshäuser. Anders die kapitalistische Produktion: Das hergestellte Mehrprodukt wurde reinvestiert: in Maschinen und zusätzliche Arbeitsplätze. Knolle zufolge erhielt die Industrialisierung ihre ersten Impulse nicht so sehr durch den Einsatz fossiler Energie  als vielmehr durch zunehmende Arbeitsteilung. Später, als die Schwerindustrie sich entwickelte, war der Energieverbrauch immer abhängig von Fortschritten der Metallurgie und des Maschinenbaus.

Ein überraschendes Nebenprodukt der Arbeit Knolles sind erhellende Streiflichter auf die engen Verflechtungen zwischen Militärtechnologie und Konsumgüterproduktion: Als sich im frühen 20.Jahrhundert der Eisenbahnbau verlangsamte, lief die Stahlindustrie auf Hochtouren weiter, der Stahl floss vermehrt in die Rüstungsindustrie und schuf die Todesmaschinerie des Ersten Weltkriegs. Die während dieses Krieges genutzte und weiter entwickelte drahtlose Kommunikation durch elektromagnetische Wellen lieferte später die Grundlage für das Radio. Die Konstruktion von Panzern und Panzermotoren förderte den Automobilbau, und die Herstellung von Düsenbombern lieferte die Technologie für die zivile Luftfahrt: „Das verführerische Angebot von billigen Flügen nach allen nur denkbaren Destinationen ist die Ernte von einem Baum, der nicht im Paradies, sondern auf den Trümmern und Leichen des Zweiten Weltkriegs gewachsen ist“ (S.48).

Theorie: Die frühbürgerliche Ökonomie (Adam Smith, Ricardo) verdankte sich einem Mentalitätswandel beim Übergang vom Feudalismus zur bürgerlichen Gesellschaft: Neu war die Idee, den Überschuss nicht  zu konsumieren, sondern systematisch in die Erweiterung des Produktionsvolumens zu investieren. Dadurch entstand Wachstum. Die klassischen Theorien von Adam Smith und David Ricardo stellen bei der Erklärung des Werts von Gütern den Faktor Arbeit in den Vordergrund.
Mit der Entwicklung der Grenznutzenlehre, die die sog. „Neo-Klassik“ einläutete, ereignete sich in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts ein Bruch in der Wirtschaftstheorie. Neu waren die Lehre vom Grenznutzen und die Idee der Nutzenmaximierung. Während die klassische Ökonomie die Gesellschaft als ganze in den Blick nahm – Smith’s Hauptwerk hat den Titel „Der Wohlstand der Nationen“ -, fokussiert die neo-klassische Theorie den Einzelnen bzw. den Einzelbetrieb. Knolle zufolge spielten beim Theoriewechsel auch politische Motive eine Rolle: „Die Klassiker von Smith bis Ricardo hatten das aufstrebende Bürgertum in seinem Kampf gegen das veraltete Wirtschaftssystem des Merkantilismus ideologisch unterstützt. Nachdem dieser Kampf gewonnen war, brauchte man sie nicht mehr. Als dann noch Marx aus den Ideen von Ricardo seine Theorie der Ausbeutung entwickelt hatte, bezogen die bürgerlichen Ökonomen Stellung gegen Marx und gegen Ricardo“ (S.68). – Es handelte sich „um einen radikalen Bruch mit der Tradition, der in einem Zug die Individualisierung, Psychologisierung und Entpolitisierung der Nationalökonomie in Gang setzte“ (S.66).

Wie spiegelt sich dieser Theoriewandel in den aktuellen ökologischen Debatten? Knolle erinnert daran , dass Ökonomie und Ökologie einen Ausgleich finden müssen, und macht dazu einen eigenen Vorschlag: Er skizziert, wie ein zyklisches Wirtschaftsmodell aussehen könnte, in dem schädliche oder toxische Nebenprodukte sowie Abfälle des Konsums als „Waren“ mit negativen Preisen erscheinen. Diese entsprechen den Kosten ihrer Entsorgung, die durch den Staat überwacht werden muss. Anders als bei gewöhnliche Waren ist hier also eine Marktregulierung erforderlich (S. 79). Dieser Linie folgend, verteidigt er den Handel mit CO2-Emissionslizenzen gegen eine Kritik, die in ihm nur ein neues Geschäftsfeld mit neuen Profitquellen sieht (S. 94). Allerdings müsste der Preis dieser Lizenzen um ein Vielfaches angehoben werden – Knolle nennt als Schätzwert 245 Fr. pro Tonne. Die Profite der Emittenten würden dadurch erheblich reduziert, und die Regenwaldnationen würden für die Entsorgung von CO2 belohnt.

Mit der „Neo-Klassik“ wurde die Idee objektiver Werte verabschiedet. Werte gelten heute als subjektiv und wandelbar. Für die Natur-Werte bedeutet dies eine fatale Relativierung. Zugleich gelten Werte und ihr Wandel als quantifizierbar. Ein Beispiel ist die Diskontierung von Werten in der Zukunft: Für die Befriedigung künftiger Bedürfnisse zeigen wir oft eine geringere Zahlungsbereitschaft als für die Befriedigung aktueller Bedürfnisse. Auch wenn dies für das einzelne Individuum gelten mag, so lässt sich damit noch lange nicht rechtfertigen, dass Schäden durch den Klimawandel, die den kommenden Generationen drohen, geringer zu bewerten sind als gleichartige Schäden in der Gegenwart: „Wenn man davon ausgeht, dass unsere Erde noch mindestens 100‘000 Jahre von Menschen bewohnt sein wird, und dass der Nutzen aller heute und künftig lebenden Menschen sich zu einem Gesamtnutzen addieren lässt, dann ist es eigentlich klar, dass keine Massnahme, die künftige katastrophale Wetterereignisse, Hungersnöte und Überschwemmungen verhindert, für unsere Überflussgesellschaft zu teuer sein kann“ (S.88).

Da sich die neoklassische Theorie in mehrere Äste verzweigt, gibt sie auf die zentrale Frage, wie wir der ökologischen Krise am besten entgegensteuern, unterschiedliche Antworten: Ist eine steady state-Ökonomie (ohne Wachstum) krisenfrei möglich – ja oder nein? Soll sich die Ökonomie eher an der Biologie orientieren, derzufolge vollständiges Recycling möglich ist, oder an der Physik, die unter Hinweis auf das Entropiegesetz die Möglichkeit vollständiger Recyclierung bestreitet?

Perspektiven: Knolle diagnostiziert nicht nur die wesentlichen ökologischen Probleme, sondern auch die Krisensymptome einer Gesellschaft des Überflusses, der sich auf den Einzelnen lähmend auswirkt. Dieser Überfluss verdankt sich einer permanenten Markterweiterung: Zunehmend rascher erfolgende technologische Neuerungen schaffen immer wieder neue Bedürfnisse: Etwa hundert Jahre nachdem sich Elektrizitätsnetze und mit ihnen die elektrische Beleuchtung etabliert und das Leben der breiten Bevölkerung umgekrempelt hatte, geschah etwas Ähnliches noch einmal, als sich das Internet, der Labtop, das Smartphone usw. über die Welt ausbreiteten. Die explosive Vervielfältigung des Konsumgüterangebots wäre noch vor zwei Generationen unvorstellbar gewesen – digitale Fotografie, GPS, Tablets, Drohnen… -, heute haben wir uns daran gewöhnt. Kommerzialisierung und Industrialisierung greifen auf Lebensbereiche über, die sich bis vor kurzem dem ökonomischen Verwertungsimperativ entzogen hatten – Kommunikation, Sport, Freizeit, Reisen, Bildung. Wir leben in einer verwalteten „Spassgesellschaft“. Das „Leben im Netz“ und vielfältige neuartige Zerstreuungen üben einen Sog aus, der die Aufmerksamkeit von den Herausforderungen durch das reale Leben ablenkt.

Eine andere Gesellschaft ist möglich! Doch wie soll sie aussehen? Der Autor lässt die zentralen Ideen der Degrowth-Bewegung Revue passieren – die Rückkehr zur Subsistenzwirtschaft auf dem Bauernhof, zu Gemeineigentum (Commons), geldlosem Handel, Tauschringen usw., ergänzt durch eine dezentrale Produktion mittels D3-Druckern. Doch warnt er zu Recht vor unrealistischen Idealen und falscher Romantik: „Zwischen dem autarken Bauernhof und einer Welt, in der alle Arten von Gütern über Tausende von Meilen transportiert werden (…), gibt es viele Zwischenstufen. Ich kann gut ohne Lammfleisch aus Neuseeland, Textilien aus Bangladesh und Weintrauben aus Südafrika leben, aber nicht ohne Brille, und die Linsen kann ich nicht selber schleifen. Deshalb bin ich froh, dass es Arbeitsteilung gibt und Geld, mit dem ich die Brillengläser bezahlen kann“ (S.111f.).

Knolles eigener Vorschlag knüpft an kulturelle Traditionen der Arbeiterbewegung vor 1933 an: In der Weimarer Republik wurden „immer mehr Arbeiter und Arbeiterinnen in Musik, Theater und Sport aktiv“ (S.43). Diese Aktivitäten organisierten Vereine, in denen auch namhafte Künstler mitwirkten. Der Besuch eines kulturellen Grossanlasses „hatte für die Teilnehmenden eine tiefere Bedeutung, als sie die meisten Ferienreisen für Menschen von heute haben“ (S.43). In dem Grade, wie wir die Arbeitszeit verkürzen und den Mehrwert in soziale Institutionen, Bildung, Kultur und Breitensport lenken, statt in noch mehr Produktion, verabschieden wir uns vom Wachstum. Wir haben „heute die Möglichkeit, die notwendige Arbeitszeit zu verkürzen, soziale Sicherheit für alle zu garantieren und die Kultur zu demokratisieren. Ein Staat, der diese drei Ziele verfolgt, könnte als sozialer Kulturstaat bezeichnet werden“ (S.117).

Thomas Kesselring

Das Buch „Wachstumsgesellschaft. Aufstieg, Niedergang und Veränderung“ von Helmut Knolle ist 2016 im PapyRossa Verlag erschienen

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